Frauen-WM Nordkoreas Rote Fußball-Armee

Nordkoreas Team für die WM 2011 (Foto)
Der Druck ist groß: Nordkoreas Team für die WM 2011. Bild: dpa

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur , Leipzig
Spielen sollen sie, aber kein Wort sagen: Nordkoreas Fußballerinnen vertreten schweigsam das totalitäre Regime von Diktator Kim Jong-il. News.de war beim Trainingslager in Leipzig und beschreibt das schwierige Verhältnis zwischen Fußball und Politik.

Fifa Frauen-WM 2011

Markus Han hat keinen einfachen Job. Der kleine, freundliche Mann aus Köln ist vor und während der Frauen-Weltmeisterschaft, die am kommenden Sonntag in Berlin eröffnet wird, der Betreuer des nordkoreanischen Frauen-Nationalteams. Da das kommunistische Nordkorea versucht, jeden nicht zwingend notwendigen Kontakt zur Außenwelt zu vermeiden, ist Han, der südkoreanische Wurzeln hat, derzeit das einzige Sprachrohr zur Außenwelt.

Ein unfreiwilliger Diplomat Nordkoreas im kapitalistischen Ausland. Da es den Spielerinnen und dem Betreuerstab strengstens untersagt ist, mit Journalisten zu sprechen oder anderweitig Kontakt aufzunehmen, hat Han vor allem damit zu tun, Interviewanfragen abwiegeln. Zum Training, sagt er am Telefon, solle man besser nicht erscheinen, da er die Anweisung bekommen habe, Pressevertreter des Platzes zu verweisen.

Frauen-WM 2011
Der Kader für die Heim-WM

Am Dienstag war die nordkoreanische Auswahl auf dem Flughafen in Leipzig gelandet, um sich auf Einladung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in der Sportschule Egidius Braun auf die Weltmeisterschaft vorzubereiten. Pressekonferenzen, öffentliches Training oder zumindest einige kurze Interviews seien nicht vorgesehen, musste Han verbreiten. Auch das geplante Testspiel gegen das Bundesligateam von Lok Leipzig oder ein bereits organisiertes Kulturprogramm mit Stadtrundfahrt und Besuch der Thomaskirche oder des Leipziger Bildermuseums wurden unter Verweis auf die Vorbereitung für die WM abgesagt. Dr. Thomas Feist, Bundestagsabgeordneter der CDU, der den Besuch in Leipzig organisiert hat, sagt diplomatisch: «Ich kann das nachvollziehen, der Druck auf die Mannschaft ist enorm.»

Diktator Kim Jong-il liebt Frauenfußball

Bei einer der Trainingseinheiten in den frühen Abendstunden ist es im Gegensatz zu den Warnungen im Vorfeld erstaunlich ruhig. Vor dem Trainingsgelände steht der vom WM-Organisationskomittee gestellte Mercedes-Bus, mit dem das Team in den kommenden Wochen unterwegs sein wird. «The beautiful side of 20eleven», steht in großen Lettern auf dem Gefährt zu lesen. Auf dem Rasen bewegen sich 17 Spielerinnen in roten Trikots, Hosen und Stutzen, vier Betreuer geben Kommandos. Das Training ist nicht besonders hart, die Spielerinnen haben Spaß am Fußball. Weder ein Sicherheitsservice, noch Mitarbeiter des Geheimdienstes, wie gemunkelt wurde, schirmen das Trainingsgelände ab. Bis auf ein paar Rentner, Autogrammsammler, wie sich herausstellt, ist kein weiteres Publikum anwesend.

Markus Han ist auch vor Ort, muss aber an diesem Tag niemanden wegschicken. Die Autogrammjäger präsentieren ihre Schätze, unter anderem Unterschriften der legendären nordkoreanischen WM-Mannschaft von 1966, die es damals bis ins Viertelfinale schaffte und in einem der dramatischsten Spiele der Fußball-Historie gegen Portugal ausschied. Der stellvertretende Verbandspräsident nickt anerkennend, die Atmosphäre ist entspannt. Wohl auch, weil der Verbandspräsident sowie Trainer Kim Kwang-Min nicht vor Ort sind. Wohin sich beide aufgemacht haben, darf Han nicht sagen.

Stattdessen berichtet er vom hohen Stellenwert, den Frauenfußball in Nordkorea habe, wo der Sport eines der wenigen Aushängeschilder des von dem Diktator Kim Jong-il beherrschten Regimes ist. Laut Angaben des Fußball-Weltverbandes Fifa spielen in dem 24-Millionen-Einwohner-Land etwa 500.000 Frauen und Mädchen Fußball. Trainer Kim Kwang-Min wird im Magazin 11Freundinnen mit der Aussage zitiert: «Unser Staatsoberhaupt liebt unsere Frauenmannschaft. Er schaut nach den Spielerinnen wie nach seinen eigenen Töchtern und schenkt ihnen all seine Liebe.»

«Arbeitslager? Da fragen wir besser nicht nach»

Die Spielerinnen, die hier auf dem Rasen ihr Training absolvieren - fast alle Soldatinnen und in Militärklubs aktiv -, sind technisch und taktisch bestens ausgebildet. Läuferisch und kämpferisch gehören sie ohnehin zu den besten Teams der Welt. Bei der WM gillt Nordkorea als Geheimtipp, die 24 Jahre alte Spielmacherin Yo Yun-Mi als kommender Weltstar. Am 28. Juni steht für die Mannschaft das erste WM-Spiel an, ausgerechnet gegen den Klassenfeind USA. «Da spielt das Politische dann schon eine Rolle», sagt Han. Sonst aber bleibe die Politik hier außen vor, der Fußball stehe im Mittelpunkt. Er selbst habe Vorurteile abgebaut, sagt Han: «Das sind nette Menschen, mit denen man sich ganz normal unterhalten kann.»

Es ist das alte Dilemma des Fußballs: Das Spiel verbindet Menschen aller Religionen, Kulturen und politischen Einstellungen, die sonst wohl nie in Kontakt gekommen wären, verharmlost aber gleichzeitig die Umstände dieser Begegnungen. Doch unter dem Verweis auf das angeblich Unpolitische des Spiels machen sich die Beteiligten zu Mitschuldigen. Die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, als dort eine Militärjunta Zehntausende Oppositionalle gefangen nahm und ermordete, während die Welt ein Fußballfest feierte, ist nur ein Beispiel dafür.

In Leipzig präsentieren die Autogrammjäger nun die Fotos und Signaturen der nordkoreanischen Männermannschaft, die im vergangenen Jahr an der WM in Südafrika teilgenommen hatten und dort in der Vorrunde gescheitert waren. Auch das Bild von Trainer Kim Jung Hun ist dabei. Ob der denn tatsächlich wegen des schlechten Resultates in einem Arbeitslager verschwunden sei, wie nach der WM in Südafrika berichtet wurde, will einer wissen. «Da fragen wir besser nicht nach», sagt Markus Han und lächelt.

cvd/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ulli
  • Kommentar 2
  • 20.06.2011 11:35

@Teufel: Es ist geschmacklos, die Mannschaft eines totalitären Regimes mit dem albernen Ränkespiel um Michael Ballack zu vergleichen.

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  • Teufel 1
  • Kommentar 1
  • 19.06.2011 23:36

Warum suchen wir nur immer die Fehler bei anderen und nicht bei uns? Machen die Koreanischen Fußballerinnen nicht nur nach, was der Bundestrainer Deutschlands vor macht? - Eben Monate langes Schweigen, wie zum Beispiel zum Thema Ballack. Also erst auf den eigenen Teller schauen, ehe man über dessen Rand hinaus sieht!

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