Stefan Kretzschmar «Heiner Brand sollte Pr√§sident werden»

«Heiner Brand hat aus Jungs M√§nner gemacht»: Mit news.de spricht Handball-Punk Stefan Kretzschmar √ľber ein nicht immer einfaches Verh√§ltnis zum scheidenden Bundestrainer. An den aktuellen Nationalspielern √ľbt «Kretzsche» Kritik.

Präsident? Isch weiß nich, Stefan: Stefan Kretzschmar und Heiner Brand. Bild: imago

Stefan Kretzschmar, am Mittwoch hat Bundestrainer Heiner Brand bekanntgegeben, dass er nach 14 Jahren zur√ľcktreten wird. Ein Trauertag f√ľr den Handball? Oder war die Zeit reif f√ľr diesen Schnitt?

Stefan Kretzschmar: Heiner Brands R√ľcktritt ist ein einschneidendes Erlebnis. Er ist das Gesicht des deutschen Handballs und damit unser Aush√§ngeschild. F√ľr alle Handballfreunde ist das tragisch, aber man darf auch nicht egoistisch sein. Er hat sich verdient, auch mal an sich selbst zu denken. Von daher muss man diesen Entschluss menschlich akzeptieren.

Betrachten Sie den R√ľcktritt auch als Chance, um etwas Neues zu beginnen?

Kretzschmar: Ich finde es einfach schade. Es gab in den letzten Jahren keinen Trainer, der ein besserer Bundestrainer gewesen wäre. Es fällt mir momentan schwer, den Schalter umzulegen und mich mit einem Bundestrainer anzufreunden, der nicht mit dem Namen Heiner Brand gekoppelt ist. Wir sprachen ja nicht von Heiner Brand, sondern nur noch vom Bundestrainer. Das war ja sein zweiter Vorname.

FOTOS: Heiner Brand Die Erfolge des Riesenschnauzers

Dabei war das Verhältnis zwischen Ihnen nicht nur entspannt. Es gab immer auch kleine Krisen ...

Kretzschmar: Das war ein Ann√§herungsprozess. Sowohl ich als auch der Bundestrainer haben uns von unserer Art und unseren Charakteren her in den vergangenen Jahren immer weiter aufeinander zu bewegt. Wobei ich den wesentlich gr√∂√üeren Weg zur√ľckgelegt habe. (lacht)

Was war das Wichtigste, das Brand Ihnen in Ihrer Karriere mit auf den Weg gegeben hat?

Kretzschmar: Die Charakterz√ľge, die ihn auch auszeichnen: teamorientiert zu denken, der gemeinsamen Sache alles unterzuordnen. Er hat in der Nationalmannschaft eine Generation geformt, die zehn Jahre lang extrem viel Spa√ü gemacht hat. Ich habe da Freunde gefunden.

F√ľr Ihre Spielergeneration war Brand eine Vaterfigur.

Kretzschmar: In der Fr√ľhphase auf jeden Fall. Da hat er Jungs zu M√§nnern gemacht, die am Ende wussten, worum es geht und sich auch selbst regulieren konnten. Diesen Prozess hat Heiner Brand initiiert.

Zuletzt wurde auch aus der Mannschaft immer öfter Kritik laut. Hat Brand die aktuelle Spielergeneration nicht mehr erreicht?

Kretzschmar: Es liegt am mangelnden Willen dieser Generation, sich zu entwickeln. Ich hatte in jungen Jahren √∂fter kontr√§re Positionen zum Bundestrainer. Aber mit der Zeit sind innerhalb der Mannschaft die Pers√∂nlichkeiten gereift. Das scheint es in der aktuellen Mannschaft nicht zu geben. Ich bin gespannt, wie sich das Team nach dem R√ľcktritt von Heiner Brand √§u√üert.

Es hei√üt, dass Brand zuletzt nicht mehr auf der H√∂he der Zeit gewesen sei, was Taktik und Mannschaftsf√ľhrung angeht.

Kretzschmar: Ich war ja auch zuletzt als Berichterstatter bei den großen Turnieren immer sehr nah dran, und ich finde, dass der Bundestrainer den Finger immer in die Wunde gelegt hat. Er hat genau erkannt, wo die Fehler im System liegen, und er hat auch im Training an diesen Fehlern gearbeitet. Im Umkehrschluss heißt das, dass die Mannschaft nicht den Willen hatte oder nicht dazu in der Lage war, das umzusetzen.

Ist das der Schl√ľssel zum kontinuierlichen Abw√§rtstrend seit dem Gewinn des WM-Titels 2007?

Kretzschmar: Es gab weder eine Hierarchie noch gewachsene F√ľhrungsspieler. Wenn es nicht l√§uft, braucht man einfach ein, zwei Spieler, die dich da rausziehen. Ich glaube beispielsweise, dass die Mannschaft ohne Markus Baur und Christian Schwarzer 2007 nicht Weltmeister geworden w√§re. Zuletzt bei der WM in Schweden hat sich Pascal Hens zwar bem√ľht, aber wenn die eigene Leistung nicht so gro√üartig ist, dann f√§llt es auch schwer, glaubhaft F√ľhrungsspieler zu sein. Die Leistungstr√§ger waren die Torh√ľter, aber die haben es schwer, Einfluss auf die Feldspieler zu nehmen.

Ist der bisherige Co-Trainer Martin Heuberger ein geeigneter Nachfolger f√ľr Brand?

Kretzschmar: Das ist reine Spekulation. Ich möchte mich nicht zu einem potenziellen Nachfolger äußern. Ich bin in jedem Fall auf das Eröffnungszitat des neuen Bundestrainers gespannt, wie er an die Sache herangehen will.

Halten Sie es f√ľr die richtige Entscheidung, dass Heiner Brand als Manager beim DHB weiterarbeitet?

Kretzschmar: Man muss Heiner Brand auf jeden Fall im deutschen Handball halten. Es w√§re fahrl√§ssig, wenn man ihn einfach gehen lie√üe. Ich f√§nde es toll, wenn Heiner Brand neuer Pr√§sident wird, als Frontfigur des Deutschen Handballbundes. Wenn er den deutschen Handball im internationalen Verband vertreten w√ľrde, h√§tten wir ein Aush√§ngeschild, das man ernst nehmen k√∂nnte und das f√ľr Ver√§nderungen sorgen k√∂nnte.

Vielleicht kommt es ja dazu. Aber noch ist offen, wie lange der aktuelle Präsident Ulrich Strombach im Amt bleiben will.

Kretzschmar: Tja, das wissen wir alle nicht. Aber die Entscheidung liegt nat√ľrlich bei Heiner. Ich wei√ü nicht, ob er das √ľberhaupt will. Letztlich freue ich mich √ľber jeden Posten, bei dem er dem Handball √ľberhaupt erhalten bleibt.

Stefan Kretzschmar, 38, wurde 1993 unter Brands Vorg√§nger Arno Ehret Nationalspieler. Mit Heiner Brand nahm er an den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta teil und wurde im selben Jahr wegen Unstimmigkeiten nicht mehr f√ľr das DHB-Team ber√ľcksichtigt. 1997 gab der exzentrische Linksau√üen sein Comeback und holte unter anderem die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Insgesamt absolvierte «Kretzsche» 218 L√§nderspiele, in denen er 817 Tore erzielte.

kru/iwi/news.de

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