Fußball Wenn der «Betze» brennt: Hinter Lauterns Kulissen

Wenn der «Betze» brennt: Hinter Lauterns Kulissen (Foto)
Wenn der «Betze» brennt: Hinter Lauterns Kulissen Bild: dpa

Anpfiff, Tore, Bier, Abpfiff: Fußball kann aus Fan-Sicht so einfach sein. Aber beim 1. FC Kaiserslautern ist zu Heimspielen auch hinter den Bundesliga-Kulissen der Teufel los. Eine Millionen-Technik wird aufgebaut, Beamte jagen Becherwerfer - und manchmal Wildtiere.

Kaiserslautern (dpa) - Anpfiff, Tore, Bier, Abpfiff: Fußball kann aus Fan-Sicht so einfach sein. Aber beim 1. FC Kaiserslautern ist zu Heimspielen auch hinter den Bundesliga-Kulissen der Teufel los. Eine Millionen-Technik wird aufgebaut, Beamte jagen Becherwerfer - und manchmal Wildtiere.

Kurzer Schwenk mit dem dicken Fernglas, alles okay. Blick auf den einen Monitor für 74 Überwachungskameras, Lage unter Kontrolle. Für Thomas Kossurok kann es losgehen auf dem «Betze». Der Einsatzleiter der Polizei steht in der kleinen Zentrale hoch oben unter dem Dach der Südtribüne im Fritz-Walter-Stadion und schaut durch die großen Fensterscheiben. 30 Meter tiefer nimmt die Elf des 1. FC Kaiserslautern Heimspiel-Formation an.

Nervös ist er nicht, sagt der bullige Mann mit dem grauen Igelschnitt. Sein Team ist eingespielt und gut vorbereitet. Der FCK hoffentlich auch, drei Punkte wären wichtig heute. So wichtig wie Polizei, Feuerwehr, Rotes Kreuz, TV-Produzenten und Frikadellen- Brater? Während die «Roten Teufel» Bundesliga spielen, sorgen sie dafür, dass alles glattgeht auf dem Betzenberg.

Michael Opitz erzählt gerne Geschichten von vor dem Krieg, also von vor der WM 2006. Anekdoten von Fußballern, die ihren deutschen Sprachschatz verheimlichen, damit sie kein Fernseh-Interview geben müssen. Dimitar Berbatow ist wohl so ein Schelm. Theofanis Gekas auch. Oder von qualmenden Diesel-Generatoren aus Holland. Da kam kein Strom - da kam nur die Feuerwehr. Und diese japanischen Fernsehteams damals! So wuselig. Kaum einzufangen, die Jungs. Landen irgendwie im Innenraum und drehen, wo sie nicht drehen dürfen. Na ja, heute ist's überschaubar. Kein Qualm. Keine Japaner. Dafür scheint die Sonne.

Seit 20 Jahren bringt Opitz - dunkelblaues Sakko, hellbraune Ärmelschoner, sonnengegerbte Haut, randlose Brille - Fußballspiele ins deutsche Wohnzimmer. Die Sonne wärmt um kurz vor halb zehn noch nicht, aber Opitz und seine Leute von der Produktionsfirma Sportcast sind schon seit einer Stunde an der Lauterer Arena. 86 Mann hat er unter seinem Kommando. Kabel verlegen, Kameras aufstellen, Mikros ausrichten - und Ordnung auf dem Produktions-Parkplatz halten.

«Ist das einer von mir? Was macht der denn da? Kanndochnichsein!» Kippe in den Staub, Hände in die Hüfte. Opitz schimpft. «Stell dich mal näher ran da und park nicht wie so'n Mercedes-Fahrer!» Seit zwei Uhr nachts stehen zwei dicke TV-Trucks vor dem Lauterer Fritz-Walter- Stadion. Daneben ein paar Sprinter und zwei Hänger für ARD und Sky. Da kann nicht jeder auch noch parken, wie er will.

Das Produktions-Schlachtross kennt den Betzenberg seit 20 Jahren. «Zur WM 2006 ist hier ohne Ende Festverkabelung eingebaut worden. Das nimmt uns jede Menge Arbeit ab», sagt Opitz. Elf Kameras sind bei Erstligaspielen im Einsatz - bei Topspielen sogar 14. Dazu die Außenmikrofone an der Seitenlinie - und manchmal noch Extra-Aufwand für 3D-Übertragungen. Insgesamt werden an jedem Spieltag für 1. und 2. Liga rund 40 Kilometer Kabel verlegt.

Über eine lange Rampe geht es durch einen Tunnel runter ins Stadion. Die Wände gespickt mit dicken Kabeln. «Zur WM hingen beide Seiten voll», erzählt Opitz. «Da kamst du mit keinem Rollwagen durch!» Immerhin liegt mittlerweile eine Gummimatte auf dem Beton. «Bei Regen war das sonst lebensgefährlich hier - wie Schmierseife.» Im Innenraum schrauben seine Techniker schon die Ausrüstung zusammen. Zwei Kollegen mit weniger Deutschkenntnissen als Gekas und Berbatow bauen die Kamera auf Strafraumhöhe auf. «Stehen. Nix Grundschiene!», ruft Opitz, damit sie dem Apparat kein Fahrgestell verpassen.

Drei Stunden vor Anpfiff trommelt Einsatzleiter Thomas Kossurok im Polizeipräsidium Westpfalz am Fuß des Betzenbergs seine Kollegen zusammen. Mit 15 Abschnittsleitern geht er ein letztes Mal den Plan für den Tag durch. Wann rücken die polizeibekannten Radaubrüder an? Kommen sie mit Bus oder Bahn? Wie reisen die etwa 5000 Gästeanhänger an? Und was haben die Kollegen aus der Fanszene berichtet?

Details will Kossurok nicht verraten, aber einige Hundert Beamte sind im Einsatz. Dazu Kräfte der Bundespolizei, die Bahnhof und Gleise sichern. «Für uns ist das ein Spiel der Stufe Gelb», sagt der Einsatzleiter. Bei Grün steht ein ruhiger Nachmittag - Rot bedeutet Risikospiel mit viel Rivalität, zum Beispiel Lautern gegen Eintracht Frankfurt.

Kossurok ist einer von vier Kollegen, die sich als Einsatzleiter abwechseln. Seine Aufklärer sind schon seit morgens um acht Uhr im Einsatz. Die «Szenekundigen Beamten», SKB abgekürzt, haben längst einen Überblick, was der Tag bringen kann. Sie kennen ihre Pappenheimer, haben Randalierer in spe im Auge, sind immer in den Fan-Foren unterwegs.

Zwar mischen sich die SKB in zivil unter die Fans, die Kollegen sind aber keine Maulwürfe. Sie sind in der Szene bekannt - und respektiert. Mit zerzausten Haaren und in kompletter FCK-Kluft erklärt ein altgedienter SKB draußen vor dem Präsidium 46 Jungpolizisten gerade seinen Job. «Deren Arbeit hat sich bislang sehr bewährt», sagt Kossurok. Dann fährt er hoch zum Stadion, um sich einen Überblick zu verschaffen. Am Bahnhof haben die Kollegen derweil ein Auge auf die ersten Fans, die hoch auf den «Betze» klettern.

Hinter dem großen Fenster in der Einsatzzentrale steht Martin Gugel und guckt dem FCK beim Aufwärmen zu. Der Feuerwehrmann ist seit halb drei im Stadion und im Ernstfall derjenige, der den Hut im Stadion auf hat. «Katastrophenschutzlage» hieße das, was zum Glück noch nie eingetreten ist. Gugel hat vier Mann auf Patrouille im Stadion. Die Zweierteams wechseln zwischen Innenraum und Katakomben, damit jeder etwas vom Spiel mitbekommt. Drei weitere Mann sind am Löschfahrzeug. Einer hat die Brandmelder im Blick.

Im Notfall können die Kollegen von der Wache in gut fünf Minuten am Stadion sein. Aber Verstärkung brauchen sie kaum. Bengalos löschen geht auch ohne Zug - aber nicht immer ohne Rückversicherung. «Bei den Lauterer Fans gehen wir selber rein», sagt Gugel. Aber wenn es im Gästeblock brennt, sprechen sie zumindest kurz mit der Polizei. «Wäre nicht das erste Mal, dass Kollegen da angegriffen werden.»

Auch andere Aggressoren schaffen es ab und an in die Arena. «Wir hatten schon Wildtiere hier im Stadion», erzählt Gugel. Nicht nur die 60er-«Löwen», auch heimische Fauna. Der eine oder andere Greifvogel hat sich schon bis in die Imbisshallen verirrt, streunende Katzen haben sich über das Spielfeld scheuchen lassen. «Und wir hatten einen Fuchs», sagt Gugel nicht ohne Stolz in der Stimme. Den haben sie quer über die Tribüne gehetzt - aber Vulpes vulpes konnte ausbüxen. «Hat sich unerlaubt von der Einsatzstelle entfernt», scherzt der Brandamtmann und sein Funkgerät knackt.

Um zwanzig nach drei traben die Lauterer nochmal in die Kabine. Letzte Anweisung vor dem Anpfiff. Thomas Kossurok schaut auf seine Monitore. «Wir können bis auf Passbildformat an die Gesichter ranzoomen», sagt er. Wenn jemand von den Fans auffällig wird, können die Kollegen ihn mit ausgedrucktem Steckbrief am Ausgang abpassen. In den Block gehen sie nur im Notfall.

Ohne Notfall macht auch Bernd Schneider keinen Finger krumm. Seit 40 Jahren ist er für das Rote Kreuz im Stadion - seit 15 Jahren steht er mit einer Trage vor dem Lautern-Block und holt verletzte Spieler vom Platz. Hier will er nicht mehr weg. «Klar, weil ich hier den besten Blick habe», sagt er durch seinen weißen Stoppelbart. Die erste Halbzeit läuft. Hinter ihm pöbeln die Roten ziemlich laut, weil der Linienrichter Einwurf gegen Lautern gibt.

Schneider hat in 40 Jahren kein Spiel verpasst. Kein einziges. Das 7:3 gegen Bayern München 1973 (6 Tore in 30 Minuten nach 1:4 in der 57. Minute) hat er gesehen, genau wie das 5:0 gegen Real Madrid 1982 (zwei Tore Friedhelm Funkel, dreimal Rot für Real). 1998 hat er die deutsche Meisterschaft gegen Wolfsburg mitgefeiert.

Ende der ersten Halbzeit sinkt Lauterns Srdjan Lakic nach einem Rempler zu Boden. Der Kroate greift sich ans Bein und Schneider zur Trage. Lakic guckt zum Schiedsrichter, Schneider guckt zum Schiedsrichter. Der winkt, aber «weiterspielen». Der Stürmer rappelt sich auf, schüttelt den Kopf, Schneider lehnt sich an die Betonwand. Heute bleibt's ruhig.

Mit Halbzeitpfiff geht für Danny Habermann der Stress los. Würstchen, Frikadellen, Brötchen - der Fanmagen knurrt. Rund 1000 Portionen verkauft Habermann, der aussieht wie Turner Fabian Hambüchen, alleine an diesem Stand. Insgesamt hat seine Familie drei Buden in der Arena Stadion. Angefangen haben sie mit einem Hänger draußen vor dem Stadion.

Als die zweite Halbzeit läuft, hat Habermann ein paar Minuten Ruhe. Er holt Nachschub aus dem Wagen, schmeißt die Buletten für die nächste Runde auf den Herd und pustet einmal kräftig durch. «Wie steht's eigentlich?», fragt er. «0:1, ziemlich früh schon», sagt einer seiner Angestellten. Der Junior-Chef interessiert sich nicht so sehr für Fußball. «Ich hab' selber auch nie gespielt. Nur Absteigen ginge gar nicht», sagt er. Wäre nicht gut fürs Geschäft.

In einem der Fernseh-Trucks sitzt Cutter Ralf Bringe inmitten seiner 14 Bildschirme und rotiert. Technik für einige hunderttausend Euro, denn der Beitrag muss zehn Minuten nach Abpfiff für die «Sportschau» fertig sein. Den spielt er aus dem Lkw direkt nach Köln, der Kommentator spricht seinen Text dann live aus dem Ü-Wagen auf die Bilder. Er sitzt neben Binge und wählt die Szenen aus. Der Cutter entscheidet dann, welche Kameraeinstellung die beste für den jeweiligen Moment ist. Er kennt sich aus, war für die ARD schon bei der WM in Südafrika dabei.

Kurz vor Abpfiff wird es auch auf dem Platz hektisch: Aus dem Lautern-Block fliegen Becher, der Schiedsrichter unterbricht das Spiel. FCK-Manager Stefan Kuntz läuft in die Kurve, versucht die Fans zu beruhigen. «Hört damit auf. Ihr schadet dem Club!», ruft Stadionsprecher Horst Schömbs durch die Lautsprecher.

Die Ordner ziehen zwei Jungs aus dem Block, 18 und 22 Jahre alt. Ein paar Kollegen von Einsatzleiter Thomas Kossurok warten schon auf die Randalierer. Als der Schiedsrichter das Spiel kurz darauf abpfeift, gesteht einer noch an Ort und Stelle. 12 000 Euro Strafe wird der Club später für die Aktion zahlen müssen. Das Geld will sich der FCK von den beiden Chaoten zurückholen.

Kossuroks hochauflösende Kameras haben die Beamten gar nicht gebraucht, die Ordner hatten schon gesehen, von wo die Becher flogen. Als Kossurok seine Männer gegen halb acht in den Feierabend schickt, ist das Fritz-Walter-Stadion wieder so leer wie am Morgen.

news.de/dpa

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