Von news.de-Redakteur Ullrich Kroemer, Mönchengladbach
Fünf Punkte Rückstand auf Relegationsrang 16: Schlusslicht Borussia Mönchengladbach wird von vielen schon als erster Saisonabsteiger bezeichnet. News.de hat sich vor dem Spiel in München bei Trainern, Spielern und Fans umgehört.
Etwa 50 sind an diesem trüben Mittwochmorgen gekommen. Treue Fans, die sich fast bei jedem Training von Bundesligist Borussia Mönchengladbach versammeln und genau beobachten, ob die hochbezahlten Profis auch alles geben im Training. Vor allem Rentner sind darunter, die klassischen Trainingskiebitze, die dem Klub bereits seit Dekaden die Treue halten. Aber auch Handwerker, die gerade auf dem Stadiongelände zu tun haben, eine Handvoll Männer mittleren Alters, kleine Jungs mit ihren Opas und auch zwei weibliche Fans sind dabei.
Es ist der Morgen nach dem Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Australien. Am Abend zuvor haben sich viele der Gladbacher Spieler das Freundschaftsspiel von Schweinsteiger, Podolski & Co. gegen die «Socceroos» im Mönchengladbacher Stadion angesehen. Nun müssen die Borussia-Profis wieder selbst ran: Abstiegskampf statt Länderspiel, Trainingsplatz statt Fußballtempel.
Und es sieht derzeit nicht gut aus für die Borussia vom Niederrhein, die seit ihren Erfolgen in den 1970er Jahren eine Legende im europäischen Fußball ist. Bereits fünf Punkte liegen derzeit zwischen dem Tabellenletzten und dem rettenden Relegationsplatz 16. Fünf Zähler in noch sieben ausstehenden Spielen; fünf Pünktchen, die im Abstiegskampf, da jedes Spiel geprägt ist vom Druck und der Angst des drohenden Abstiegs, eine Welt bedeuten. Und am Wochenende müssen die «Fohlen vom Niederrhein» beim großen FC Bayern München antreten.
«Papst Benedikt soll das Stadion segnen!»
Zunächst richten sich die Augen der Beobachter auf die Torhüter. Torwarttrainer Uwe Kamps, der hier bis 2002 selbst 20 Jahre lang zwischen den Pfosten gestanden hat, bittet die vier Torleute zum Koordinationstraining. Auf einem Bein springen Logan Bailly, Christopher Heimeroth & Co. über aufgebaute Hürden. Weil Bailly zuletzt im Spiel gegen Kaiserslautern gepatzt hatte, steht der Belgier aktuell besonders unter Druck. Im Training merkt man ihm das nicht an. Cool macht Bailly seinen Job. «Die Stimmung ist trotz der Situation gut», sagt Kamps. «Die Jungs hängen sich voll rein.» Einer der Zuschauer fragt spöttisch: «Warum geht der Kamps eigentlich nicht wieder selber ins Tor?»
In kleinen Grüppchen sprechen die Gladbacher Anhänger über das Wetter, die tagespolitische Lage - vor allem aber über ihren Verein. Die Stimmung ist nicht besonders optimistisch. «Was wird, wenn wir absteigen», fragt ein Fan, der mit dem Fahrrad zum Trainingsgelände gekommen ist. «Versinken wir dann im Niemandsland? Ich habe riesengroße Angst davor, dass es uns so geht wie Arminia Bielefeld und Fortuna Düsseldorf.» Traditionsklubs, so wie die Borussia, die den Weg in die Niederungen des deutschen Fußballs antreten müssen beziehungsweise sich gerade davon erholen.
Mit Blick auf den Borussia-Park, in dem die deutsche Nationalmannschaft ebenso uninspiriert aufgetreten war wie zuletzt die Gladbacher Borussia, sagt einer der Beobachter im rheinischen Singsang: «Der Benedikt, der Papst, der müsste das Ding mal segnen. Da is' doch der Düwel drin.» Damit hat er zwar die Lacher seiner Kollegen auf seiner Seite; aber Fußball - und damit ist hier ausschließlich Borussia Mönchengladbach gemeint - und Religion gehören hier im katholisch geprägten Rheinland untrennbar zusammen.
Mittlerweile haben auch Trainer Lucien Favre mit seinen Kollegen und die Feldspieler den weitläufigen Rasenplatz betreten. Zunächst hat der Konditionstrainer das Kommando: kurze Sprints, verbunden mit koordinativen Übungen. Derweil plant Favre das Trainingsspielchen und tritt mit seinen Kollegen selbst gegen den Ball. Erst vor sechs Wochen hat er hier den Job angetreten, als Nachfolger des gescheiterten Michael Frontzeck. Seine Mission: der Klassenerhalt.
Hanke und Co. verpassen sich einen Maulkorb
Nach dem Training gibt sich der Schweizer, der in der Szene als Feingeist und Taktikfanatiker gilt, genauso locker wie auf dem Platz. Durch die Länderspielpause hatte der 53-Jährige erstmals intensiver Zeit, mit seiner Mannschaft zu arbeiten. «Wir haben in den zwei Wochen intensiv gearbeitet und haben insofern von der Länderspielpause profitiert, dass wir ein paar junge Spieler getestet haben», sagt Favre zu news.de. Angesichts der bedrohlichen Lage für die Borussia gibt sich Favre betont locker.
Seinen Spielern merkt man den Druck da schon deutlicher an. Stürmer Mike Hanke oder Ersatzkeeper Christopher Heimeroth, der derzeit wieder hoffen darf, die Nummer eins zu werden, schweigen lieber. Von den Reportern, die sich am Trainingsplatz versammelt haben, immer wieder auf die gleichen zermürbenden Themen rund um den Abstiegskampf angesprochen zu werden, ist in der derzeitigen Situation nicht gut fürs Spieler-Gemüt. Viele haben sich deswegen vorgenommen, vorläufig nicht mehr mit der Presse zu reden.
Torwarttrainer Kamps versucht derweil, zaghaften Optimismus zu verbreiten: «Es ist noch zu schaffen. Mit den Spielern, die wir haben, ist der Klassenverbleib noch machbar.» Doch man spürt, dass die Situation einem wie Kamps, der anders als viele der Profis, mit Herzblut an seinem Verein hängt, an die Nieren geht. «Es ist auch deswegen eine besonders schwierige Situation, weil sie in dieser Saison so überraschend kam», sagt er. Und wenn am Ende tatsächlich der dritte Abstieg der Vereinsgeschichte stünde? «Ich habe das schon zweimal erlebt, einmal als Spieler und einmal als Trainer. Wir wüssten damit umzugehen.»
voc/reu/news.de