«Grenzwertig» Alles nur gedopt

Als einstiger Strippenzieher der Dopingszene gewährt Stefan Matschiner Einblick in sein schmutziges Metier. Zusammen mit dem Sportjournalisten Manfred Behr weiht er den Leser in die Praktiken des Blutdopings ein. So etwas wie Einsicht zeigt Matschiner aber nicht.

Stefan Matschiner (Foto)
Stefan Matschiner berichtet «aus dem Leben eines Dopingdealers». Bild: Riva Verlag

Wer erwartet, Geheimnisse zu erfahren, wird schon im Vorwort enttäuscht: Da erklärt Stefan Matschiner, den Sportinsider als Schlüsselfigur des Humanplasma-Skandals kennen, dass er keine Athleten outen werde, die noch nicht aufgeflogen sind. «Bei aller Liebe zur Wahrheit: Dieses Buch befriedigt voyeuristische Triebe nur sehr bedingt», schreibt Matschiner.

Ein Grundsatz, an den er sich im Buch hält: Matschiner verwendet Codenamen, um seine ehemaligen Kunden zu schützen und es verlangt gute Kombinationsgabe, aus den Ereignissen den betreffenden Athleten zu erkennen. So macht es sogar einen Teil des Reizes dieses Buches aus, mitzurätseln und auf Matschiners Spuren auf Tätersuche zu gehen.

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Matschiners Abrechnung mit den «Verrätern»

Wer könnte beispielsweise der Leichtathlet sein, der bei der WM in Helsinki (2005) in einer von Afrikanern dominierten Disziplin eine einstellige Platzierung erreichte? Matschiners weiterer Hinweis: «Den Status als schnellster Europäer hatte er damals schon.» Ganz so schwer ist des Rätsels Lösung nicht, man braucht schließlich bloß die Siegerlisten durchzugehen. Doch Vorsicht, es bleibt bei einer Vermutung.

Matschiner hat schließlich keinen Grund, die Namen derer zu nennen, die dicht gehalten haben. Stattdessen nutzt er den Platz auf den folgenden Seiten, um mit jenen «Verrätern» wie Radprofi Bernhard Kohl abzurechnen und auch der österreichischen Justiz, die ihn im Oktober 2010 wegen Blutdopings und Handel mit verbotenen Präparaten zu 15 Monaten Haft, davon 14 auf Bewährung, verurteilt hatte.

Matschiner: «Ich bereue nichts»

«Ich bereue nichts, weil ich mir nicht vorwerfen kann, dass ich jemanden gesundheitlich in Gefährdung gebracht hätte», hatte Matschiner bereits in seinem Schlusswort vor der Urteilsverkündung erklärt. Auch die Biografie zeugt kaum von Unrechtsbewusstsein. Zu befangen ist er selbst noch. Stattdessen brüstet er sich mit seinem jahrelangen Versteckspiel mit den Dopingjägern.

Eines leistet das Buch jedoch vorzüglich: Es gewährt Einblick in die Schattenwelt des Sports. Im Kapitel Der Stoff, aus dem die Träume sind beschreibt Matschiner detailliert, was der Markt hergibt und wie Sportler dies nutzen. Matschiner lässt durchblicken - und seine eigene Geschichte, die er hier beschreibt, legt es ebenfalls nahe - dass nicht etwa nur der Radsport, sondern vielmehr der gesamte Hochleistungssport flächendeckend mit Doping verseucht ist. Das Buch ist damit geradezu ein Muss für alle, die beim Thema Doping im Sport mitreden wollen. Viele Passagen sind jedoch nur mit Vorsicht zu genießen.

Bestes Zitat: «Die großen Bestellmengen sorgten dafür, dass unser Kühlschrank immer mit Wachstumshormonen gefüllt war, neben Jintropin, Saizen oder Norditropin kaum noch Platz für Milch, Butter und Käse blieb.»

Titel: Grenzwertig - Aus dem Leben eines Dopingdealers
Autor: Stefan Matschiner
Verlag: Riva
Seitenzahl: 248
Preis: 19,99 Euro

kru/phs/reu/news.de

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