Formel 1 Nico Hülkenberg - kein Geld, kein Cockpit

Nico Hülkenberg (Foto)
Der 23-Jährige begutachtet sein neues Lenkrad im Force India VJM04. 2011 ist mit dem verstellbaren Heckflügel eine weitere Funktion dazugekommen. Bild: forceindia

Von news.de-Redakteur Oliver Roscher
Die Formel-1-Teams setzen auf Fahrer, die wenig können, dafür viel Geld mitbringen. Nico Hülkenberg ist Opfer dieser Entwicklung. Im news.de-Interview kritisiert er den Trend zum «Pay Driver» und verrät, warum er kein Stammcockpit bei Virgin wollte. 

Die Rennstrecken der Formel1

Der Start zur neuen Formel-1-Saison steht kurz bevor und Sie sind als Testfahrer von Force India zum Zuschauen verdammt. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Hülkenberg: Natürlich ist es bitter zusehen zu müssen, wenn die anderen fahren und dann beim Saisonstart vor der Ampel stehen. Ich hatte jetzt aber lange genug Zeit, darüber hinwegzukommen und muss damit in diesem Jahr einfach klarkommen. Natürlich arbeite ich darauf hin, in der nächsten Saison wieder ein Stammcockpit zu erhalten.

Sie mussten Ihr Cockpit bei Williams aus finanziellen Gründen räumen. Ihr Nachfolger Pastor Maldonado bringt üppige Sponsorengelder mit. Immer mehr Teams setzen auf sogenannte «Pay Driver». Was halten Sie von der Entwicklung?

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Hülkenberg: Ich bin nicht wütend auf Pastor. Schön ist es nicht, aber alle wollen ja irgendwie in die Formel 1 kommen. Einige sind gut, andere weniger gut. Maldonado war ja auch 2009 (in der GP2, Anm. d. Red.) mein Teamkollege und hat da nicht so gut gegen mich ausgesehen. Jetzt hat er sich seinen Traum mit viel Geld aus Venezuela erkauft. Die Formel 1 ist die Königsklasse des Motorsports und da müssten sich eigentlich die besten Teams und die besten Fahrer messen. Das ist im Moment nicht der Fall.

War Williams Ihnen gegenüber denn wenigstens ehrlich?

Hülkenberg: Adam Parr (Vorstandsvorsitzender von Williams, Anm. d. Red.) hat mir damals die Entscheidung mitgeteilt. Offen zugeben wollten die natürlich nichts. Das wäre auch beschämend für Pastor Maldonado, wenn die wahren Gründe an die Öffentlichkeit kämen. Für Williams ist das die Möglichkeit, sich Geld ins Team zu holen, weil man auch viele Sponsoren verloren hatte.

Nachdem bekannt wurde, dass Sie nicht bei Williams bleiben: Wie sah danach die Angebotslage aus?

Hülkenberg: Williams hat die Entscheidung lange hinausgezögert. Dadurch war es schon sehr spät im Jahr und die meisten Cockpits waren vergeben. Das war natürlich nicht so günstig für mich. Virgin hatte mir ein Angebot gemacht, neben Timo Glock zu fahren. Da habe ich mich aber dagegen entschieden. Ich glaube zwar, dass das Team die Kurve kriegen wird, aber Virgin wird es sehr schwer haben, in naher Zukunft überhaupt im Mittelfeld zu landen. Die haben eine ganz spezielle Philosophie. Virgin hat keinen Windtunnel und macht alles am Computer. Man sieht es ja bei Timo Glock, wie viele Probleme ihm der Virgin bereitet, und er ist ein wirklich guter Fahrer. Das ist nichts Persönliches gegen das Team, sondern meine Überzeugung.

Als klar war, dass Robert Kubica nicht starten kann: Ist da Lotus-Renault mal auf Sie zugekommen?

Hülkenberg: Leider nicht. Die wollten einen erfahrenen Fahrer wie Nick Heidfeld.

Statt bei Virgin sind Sie nun Testfahrer bei Force India. Was ist der Hauptjob des Testfahrers?

Hülkenberg: Es gibt pro Saison 15 Testtage für alle Teams und alle Fahrer. Selbst da kommt der Testfahrer eher selten zum Einsatz, weil die Einsatzfahrer natürlich selbst das Auto kennenlernen wollen und müssen. Das gilt vor allem für einen Formel-1-Neuling wie Paul di Resta in diesem Jahr. Der braucht so viele Kilometer, wie er kriegen kann. Der Testfahrer fährt vielleicht ein bis zwei Tage von den anberaumten 15. Aber ich werde in jedem ersten freien Training am Freitag den Force India fahren.

Je besser Sie dem Einsatzfahrer das Auto hinstellen, desto niedriger ist ihre Chance, ins Cockpit zurückzukehren. Ist der Job des Testfahrers nicht undankbar?

Hülkenberg: So ist das nicht. Mein Job ist es, dem Team zu helfen. Indirekt sind die Fahrer natürlich Konkurrenten. Eine wirkliche Vorarbeit leiste ich aber nicht für die.

Welchen Einfluss hat der verschobene Saisonstart auf die Vorbereitung?

Hülkenberg: Alle Teams haben dadurch ein paar Wochen mehr Zeit. Insofern profitieren alle davon. Meine persönliche Vorbereitung ändert sich dadurch nicht.

Bernie Ecclestone kam kürzlich mit einer verrückten Idee «um die Ecke». Er will die Formel 1 noch spannender machen, indem er es künstlich regnen lassen will. Wie stehen Sie dazu?

Hülkenberg: Das wäre schon irgendwie verrückt. Auf der anderen Seite hätten dann alle die gleichen Bedingungen, auch wenn es künstlich wäre. Der Gedanke ist nicht so abwegig. Es wäre aber noch mehr Künstlichkeit zusätzlich zu den Retortenstrecken, die wir teilweise jetzt schon haben.

Lesen Sie auf Seite 2, was Nico Hülkenberg von den neuen Pirelli-Reifen hält

Haben Sie denn eine Lieblingsstrecke?

Hülkenberg: Eine sticht da jetzt nicht unbedingt heraus, mir gefallen mehrere sehr gut.

Umgekehrt. Wo fahren sie besonders ungern?

Hülkenberg: Die Strecke in Shanghai mag ich nicht, weil es ein Retortenkurs ist. Er ist zu flach und die Streckenführung gefällt mir nicht. Auch die Umgebung dort ist nicht mein Ding.

Ein Formel-1-Lenkrad ist gespickt mit Knöpfen und unterschiedlichen Funktionen. Wie kann man sich da überhaupt noch auf das Fahren konzentrieren?

Hülkenberg: Es ist auch viel Übungssache. Natürlich braucht man am Anfang Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Irgendwann stellt sich dann der Automatismus ein. In diesem Jahr muss man wegen KERSAbkürzung für Kinetic Energy Recovery System. KERS ist ein Energierückgewinnungssystem, das für die Formel-1-Wagen vorgesehen ist. Die beim Bremsen freiwerdende Energie wird in Akkus gespeichert und steht dann wieder für den Antrieb zur Verfügung. aber permanent drücken und auch der Heckflügel lässt sich per Knopfdruck verstellen. Es ist viel mehr zu tun als früher. Auch das Design des Lenkrads ist nicht zu unterschätzen, damit bei der Bedienung der Kopf nicht zu tief gesenkt werden muss. So lässt sich die Strecke besser im Auge behalten.

Können Sie mal eine kurze Rennsequenz schildern, in der sie die Knöpfe bedienen müssen?

Hülkenberg: Auf der Geraden stelle ich den Heckflügel flach, gleichzeitig muss das KERS aktiviert werden. Vor dem Anbremsen einer Kurve wird der Heckflügel wieder steil gestellt. Vor einer Kurve kann ich auch die Bremsbalance ändern.

Es gibt ja auch die Diskussion um die neuen Reifen von Pirelli. Nicht nur Sebastian Vettel kritisiert die neuen Pneus. Bauen die Pirellis tatsächlich zu schnell ab?

Hülkenberg: Die Reifen bauen definitiv zu schnell ab. Da sind sich die Fahrer einig. Ich weiß nicht, ob das so von Pirelli gewollt ist. Sowohl die weichen als auch die harten Reifen haben keine hohe Standfestigkeit. Das ist schon nach wenigen Runden zu spüren. Das Auto rutscht dann extrem und die Geschwindigkeit nimmt natürlich ab. Im Moment sieht es deshalb nach zwei bis drei Boxenstopps pro Rennen aus. Im Gespräch sind aus diesem Grund nun mehr Reifensätze pro Team. Nach dem Malaysia-Rennen (10.04.) wird dann auch die superharte Mischung getestet, um die Reifen standfester zu machen.

Was haben Sie denn vom Force India bisher für einen Eindruck?

Hülkenberg: Es ist schwer zu sagen, wo wir stehen. Bei den Tests haben einige unserer Konkurrenten überraschend stark gewirkt. Vielleicht müssen wir deshalb noch etwas aufholen. Aber Genaueres wissen wir erst am Wochenende.

Wer sind die Titelfavoriten und wo landet Force India?

Hülkenberg: Unser erklärtes Teamziel ist ein Platz in den Top fünf der Konstrukteurswertung. Mein Ziel ist es, im nächsten Jahr wieder ein Renncockpit zu bekommen, und was den Weltmeistertitel angeht, denke ich, dass Ferrari und Red Bull die stärksten Pakete haben. Meine Favoriten sind demnach Sebastian Vettel und Fernando Alonso.

Wie lange läuft ihr Vertrag bei Force India?

Hülkenberg: Länger als ein Jahr auf jeden Fall. Details darf ich nicht verraten.

Was ist denn an den Gerüchten dran, dass sie irgendwann bei Ferrari Felipe Massa ersetzen sollen?

Hülkenberg: Das bringen eigentlich nur Journalisten ins Gespräch, aber wirklich ernsthaften Kontakt gab es nicht.

 

Zur Person: Nico Hülkenberg

Geboren: 19.08.1987 in Emmerich am Rhein
Größe:    1,84 m

Erfolge: u.a. Deutscher Meister im Kartsport (2003), Champion der Formel BMW-ADAC (2005), Champion A1 Grand Prix (2005), Champion Euroseries in der Formel 3 (2008), GP2-Champion (2009)

Formel 1: Testfahrer für das Team Williams F1 (2008/2009), 2010 Stammfahrer für Williams F1, seit 2011 Testfahrer für Force India

phs/reu/news.de

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