Bundesliga Aufstand der Wut-Fans

Aufstand der Wut-Fans (Foto)
Wütende Proteste: Teile der Bayern-Fans attackieren Präsident Uli Hoeneß. Bild: imago

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
Harsche Kritik an Bayern-Präsident Uli Hoeneß: Die Fans schauen den Klubbossen immer genauer auf die Finger. Und sie wollen mitreden - nicht nur beim FC Bayern München.

Uli Hoeneß war bedient. Nach dem müden 1:0-Sieg gegen den Tabellenletzten Borussia Mönchengladbach verschwand der Präsident des FC Bayern wortlos in den Katakomben der Münchner Allianz-Arena. Zuvor hatte ihm nicht nur die uninspirierte Spielweise seins Teams die Laune verdorben. Auch die Unmutsbekundungen eines Teils der Fans während der Partie hatten dem Bayern-Lenker die Zornesröte in das ohnehin schon rote Gesicht getrieben.

Während sich Arjen Robben, Franck Ribéry & Co. bei sommerlichen Temperaturen zum Sieg gegen Gladbach schleppten, war der Bayern-Impressario über 90 Minuten hinweg Zielscheibe des geballten Protestes der Fans in der Münchener Südkurve. «Blaue Schweine schlachtet man und rettet sie nicht. Und Du willst Metzger sein, Uli?», stand auf einem Plakat zu lesen. Oder: «Zum x-ten Mal werden wir verarscht. Hoeneß, Du Lügner.» Bayerns Manager Christian Nerlinger bezeichnete die Hasstiraden gegen Hoeneß «als Schockerlebnis». Wütend verurteilte Nerlinger die Verantwortlichen in den Reihen der Ultras: «Es ist eine Schande und völlig unangebracht, wie sich Teile der Fans gegen einen Mann verhalten, der seit 30 Jahren nichts anderes im Kopf hat als den FC Bayern.»

Schalke 04
Fan-Aufstand gegen Magath

Auslöser des Konfliktes ist, dass die Vereinsführung des FC Bayern dem hoch verschuldeten Zweitligisten und Erzrivalen TSV 1860 München unter anderem einen Teil der Mieteinnahmen in der Arena gestundet hat. Der Bayern-Vorstand um Karl-Heinz Rummenigge und Hoeneß hatte zudem an einem Rettungsplan für die «Löwen» mitgewirkt. Hoeneß & Co. handelten dabei jedoch nicht aus purer Solidarität zum Lokalrivalen. Vielmehr haben die Bayern ein ureigenes Interesse daran, dass ihr Arena-Mieter nicht in die Insolvenz geht. Ihnen würden ansonsten Einnahmen in Millionenhöhe entgehen.

Und die Fans begreifen das als Affront, als Angriff gegen ihre Traditionen und Werte. Am Vormittag meldete sich die Ultra-Gruppierung Schickeria mit einem offenen Brief zu Wort: Titel des Protestschreibens in Richtung Hoeneß: «KOAN CENT! KOAN NEUER! KOA ONE-MAN-SHOW!». Darin heißt es unter anderem, dass der Vorstand «den Mitgliedern ins Gesicht gelogen» habe, als er versprach, den «Löwen» keine weiteren finanziellen Hilfen zukommen zu lassen. Aktionen wie die «Rettung der Blauen» oder die «Verpflichtung von Schalke-Ultra Neuer» seien Dinge, «die TABU sind und es bleiben sollten».

Bundesliga
Nehmt die Wut-Fans ernst!
Video: kru/news.de

Neue Qualität des Diskurses zwischen Fans und Klubs

Bereits vor 14 Tagen hatten einige der treuesten Anhänger des Rekordmeisters massiv protestiert. So boykottierten einige hundert Anhänger die Partie gegen den Hamburger SV. Stattdessen verbrachten die Fans die Zeit während des Spiels im Innenraum der Münchner Allianz-Arena und zogen dann weiter vor die Haupttribüne. Ihre lautstarke Forderung: «Wir woll'n den Vorstand seh'n!». Am Montag danach hatte die Vereinsführung Vertreter des federführenden Schickeria und andere Anhänger des FCB zu einem Meinungsaustausch empfangen. Über den Inhalt der Gespräche wurde zwar nichts Konkretes bekannt, offenbar hatten sich beide Seiten jedoch auf Augenhöhe die Meinung gesagt - eine neue Qualität des Diskurses zwischen Fans und Klubführung.

Auslöser für die Differenzen waren hunderte Plakate, die die Bayern-Ultras Schalkes Torhüter Manuel Neuer im DFB-Pokal-Halbfinale entgegengestreckt hatten: «Koan Neuer». Ein klares Statement des Münchener Anhangs zur geplanten Verpflichtung des in München verhassten Nationaltorhüters aus Gelsenkirchen. Die Klubbosse antworteten mit strengen Einlasskontrollen vor der Südkurve und Zensur der Plakate. «Eine Kurve muss ein Freiraum sein, denn nur in diesem kann eine autonome, selbstgestaltete Präsentation gelingen. Wir leben nicht mehr in den 80ern, wo man Fans noch behandeln konnte wie unmündige minderbemittelte Volldeppen», schimpften die Ultras der Schickeria auf ihrer Webseite. Viele Medien berichteten über den Konflikt.

Am vergangenen Samstag nun legten die Stimmungsmacher in der Kurve nach. «Neuer ist für uns wie Trainer Daum + Manager Lemke für Dich», war auf einem riesengroßen Banner zu lesen. Der Vergleich von Neuer mit Hoeneß' Erzfeinden muss den Bayern-Boss rasend gemacht haben und wird weiter für Zündstoff sorgen. Noch nie mischten sich Fans so intensiv in Vereinsangelegenheiten ein wie dieser Tage.

Seite 2: So versuchen die Fans, mehr Mitbestimmung zu erreichen

Philipp Markhardt, Sprecher der Fanvereinigung ProFans, hat beobachtet, dass sogenannte Supporter-Fans, die aktiv am Vereinsgeschehen teilhaben wollen, in der Vergangenheit in vielen Klubs zu wenig mitgenommen wurden. Dabei sind diese Leute das Herz und die Seele eines Vereins», sagt Markhardt. «Vorstände, Trainer und Spieler kommen und gehen, als Fan aber bleibt man ein ganzes Leben lang an seinem Klub haften, da möchte man schon mitreden».

So drängen die Fans ins Scheinwerferlicht, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen - nicht nur in München. Mehr Mitbestimmung, bessere Kommunikation mit der Vereinsführung und vor allem die Achtung ihrer Fankultur und Werte fordern die sogenannten Wut-Fans.

Neben den «außerparlamentarischen» Protesten in den Stadien formieren sich auch immer mehr Fans, die ihre Anliegen auch in den Vereinsgremien einfordern wollen. So gilt der Hamburger SV als der Bundesliga-Klub, in dem die Anhänger die größte Macht haben. Im Gegensatz zu vielen anderen Klubs der Liga ist die Profi-Abteilung des HSV nicht aus dem Gesamtverein ausgegliedert. So wählen die über 70.000 Mitglieder die Klub-Bosse, auch vier Aufsichtsräte von der Basis sind dabei. «Viele haben gesehen, wie das in Hamburg funktioniert und wollen nun auch mitreden», sagt Fan-Sprecher Markhardt. «Die Fans haben begriffen, dass sie sich institutionalisieren müssen, um Ansprechpartner zu sein.» Auch beim 1. FC Köln, beim FC St. Pauli oder dem VfB Stuttgart gibt es engagierte Fanvereinigungen, die den etablierten Vorständen und Aufsichtsräten kritisch auf die Finger schauen.

Meinungsaustausch auf Augenhöhe

«Wir brauchen im Aufsichtsrat neben wirtschaftlicher und sportlicher Kompetenz auch in Zukunft Leute, die in der Mitgliedschaft vernetzt sind und sich den Interessen der Kurve zumindest aufgeschlossen zeigen», fordert Axel Formeseyn. Der Buchautor ließ sich von der Mitgliederversammlung ebenfalls zum Aufsichtsratskandidaten aufstellen und war einige Jahre Mitglied des Kontrollgremiums in Hamburg. 

«Wenn Leute wie ich, die von der Fanbasis kommen, im Aufsichtsrat oder an anderer Stelle mit Vereinsfunktionären auf Augenhöhe ins Gespräch kommen können - auch mit Leuten wie Bernd Hoffmann - ist das viel wert», sagt Formeseyn. Bei Mitgliederversammlungen ginge es zwar manchmal zu «wie im Kaninchenzüchterverein». Doch das gelte es - «auch wenn es manchmal schwerfällt» - auszuhalten. «Dafür ist man halt ein e. V. und keine Kapitalgesellschaft.»

Die Fans des FC Bayern machen sich nun aus Mangel an Alternativen deutlich weniger subtil Luft. Und ob sie wollen oder nicht, die Klubbosse müssen sich wohl in Zukunft an die Fans als neuen Verhandlungspartner gewöhnen. «In Zeiten der Globalisierung und der Fußball-Kommerzblase, ist es der Klub, auf den die Fans zählen. Da kann man nicht nur an Gewinnmaximierung denken», sagt Formeseyn.

mik/reu/news.de

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