Champions League «In Mailand liegt 'ne unbezahlte Rechnung»

Thomas Müller, Lucio und Wolff-Christoph Fuss (Foto)
Sat.1-Kommentator Wolff-Christoph Fuss nannte Inter-Verteidiger Lucio (links) mal die «Ein-Mann-Büffelherde». Bild: Sat.1/dpa (Montage)

Von news.de-Mitarbeiter Nikolaus Klamroth
Vor neun Monaten verlor Bayern München das Finale der Champions League gegen Inter Mailand. Jetzt gibt es im Achtelfinale ein Wiedersehen. Wie 2010 kommentiert Wolff-Christoph Fuss die Partie für ein Millionenpublikum live im TV. News.de spricht mit ihm vor dem Anpfiff zur Revanche.

Herr Fuss, Sie haben am 22. Mai 2010 das Champions-League-Finale Bayern München gegen Inter Mailand kommentiert. Fast 14 Millionen Zuschauer lauschten Ihren Worten. War das Ihre bisher eindrucksvollste Erfahrung als Fußballkommentator?

Fuss: Das war auf jeden Fall das größte Spiel meiner bisherigen Laufbahn. Zumindest dem Namen nach. Inhaltlich denke ich schon an andere Spiele, die dazu in Konkurrenz stehen. Zum Beispiel zuletzt das Qualifikationsspiel zur Champions League zwischen Werder Bremen und Sampdoria Genua. Das Finale 2010 war ja sportlich gesehen nicht wirklich spannend.

Champions League
Finale 2010: Inter siegt gegen Bayern

Wenn Sie sich nochmal neun Monate zurück versetzen: Wieso hat München die Partie damals verloren?

Fuss: Zunächst muss festgehalten werden, dass Bayern das Finale nicht verloren hat, sondern Inter Mailand der verdiente Sieger war. Inter hatte damals mit José Mourinho den besten Trainer. Die Mannschaft war top eingestellt und hat nichts zugelassen. Zudem hat Bayern nach den beiden Treffern von Diego Milito gemerkt, dass man mit solch einer Innenverteidigung kein Champions-League-Finale gewinnen kann.

München ist in der Bundesliga aus dem Meisterschaftsrennen raus. Inter hat in der Serie A fünf Punkte Rückstand auf Lokalrivale AC. Wie beurteilen Sie die sportliche Entwicklung beider Teams seit dem Finale in Madrid 2010?

Fuss: Beide Teams haben sich sportlich angenähert. Das liegt aber mehr an Bayern München, als an Inter Mailand. Bayern hat zwar zu Saisonbeginn einen etwas gesättigten Eindruck gemacht, hatte viele Spieler bei der WM im Einsatz und musste danach viele Verletzte kompensieren. Sie haben sich nun aber wieder gefangen.

Wer hat also heute (20.15 Uhr live bei Sat.1 und im news.de-Liveticker) im Achtelfinale die Nase vorn?

Fuss: Da liegt aus Bayern-Sicht eine unbezahlte Rechnung herum. Möglicherweise ist das der entscheidende Faktor, in Tateinheit mit einer perfekt aufgestellten Offensive. Ich sehe die Bayern leicht im Vorteil. Es wird bei Inter stark darauf ankommen, wie sie in der Lage sind, die offensiven Außen der Bayern abzustellen. Das hat mit Arjen Robben letztes Jahr hervorragend funktioniert, dem haben sie über 90 Minuten komplett den Saft abgedreht. Jetzt kommt aber noch Franck Ribéry mit dazu und das wird für Unruhe sorgen.

Bayern tritt in Bestbesetzung an. Wo sehen Sie die besonderen Stärken, wo die besonderen Schwächen in der derzeitigen Mannschaft?

Fuss: Ich denke, dass Franck Ribéry eine ganz entscheidende Rolle spielen wird. Dazu noch Arjen Robben, Thomas Müller und Mario Gomez, der zurzeit alles abschießt. Der FC Bayern muss sich in der Offensive in Europa vor niemandem verstecken. Was mir nach wie vor Bauchschmerzen bereitet, ist die Innenverteidigung. Da muss man abwarten, inwieweit Inter in der Lage sein wird, diese Schwachstelle auszunutzen. Anatoliy Tymoshchuk und Holger Badstuber sind sicherlich keine Idealbesetzung. Die Bayern-Abwehr ist nicht europäische Spitzenklasse.

Könnte auch der noch sehr unerfahrene Thomas Kraft im Tor ein Risiko darstellen?

Fuss: Ich habe von Thomas Kraft einen guten Eindruck. Ihn jetzt schon mit Manuel Neuer zu vergleichen, halte ich jedoch für absolut verfrüht. Richtige Schwachstellen habe ich noch nicht erkannt. Kraft hat auch den Vorteil, gegenüber eines Michael Rensing – der auch ein außergewöhnlich guter Torhüter ist –, dass er nicht unmittelbar auf Oliver Kahn folgt. Er scheint mental stark zu sein und jetzt muss sich zeigen, ob er auch vor 80.000 Zuschauern in Mailand in der Lage ist, die Ruhe zu bewahren. Das wird eine emotionale Herausforderung.

Diego Milito, der Doppeltorschütze aus dem Finale, fällt verletzt aus. Auf wen muss Bayern achtgeben?

Fuss: Neben dem treffsicheren Samuel Eto'o würde ich Wesley Sneijder und Maicon hervorheben.

In Mailand kam nach José Mourinho Rafael Benitez und dann folgte schnell der Brasilianer Leonardo. Ist eine Handschrift dieses jungen Trainers zu erkennen?

Fuss: Leonardo hat die Betonmischer abgestellt. Er hat das Team insgesamt etwas offensiver ausgerichtet. Ich bin allerdings sehr gespannt, ob er diese Taktik auch in Europa umsetzt. Möglicherweise ist es aber genau das, was es den Bayern unterm Strich etwas einfacher machen wird. Wenn Inter so spielt, wie in der Liga, wird München mehr Platz bekommen.

Wie lässt sich die Stimmung im Mailänder San Siro Stadion beschreiben?

Fuss: In den letzten Jahren ist dieses Stadion fast zu meinem zweiten Wohnzimmer geworden. In der Gruppenphase habe ich Bremen hier kommentiert, als sie die Ohren lang gezogen bekamen. Werder war beim 0:4 hoffnungslos überfordert. Das Publikum in Mailand ist sehr anspruchsvoll. Ein guter Gradmesser ist immer: Wie voll ist dieses Stadion. Gegen Werder Bremen kamen nur 25.000 Fans, gegen Bayern wird das Stadion ausverkauft sein. Die Inter-Fans wissen ganz genau, wann sie gebraucht werden. Ich rechne mit einer stimmgewaltigen Atmosphäre.

Lesen Sie auf Seite 2, mit welchen Worten sich Wolff-Christoph Fuss heute gerne aus Mailand verabschieden würde.

Mit Lucio treffen Bayern und auch Sie auf einen alten Bekannten. «Wenn er antritt, teilt sich das Meer» haben Sie mal über den brasilianischen Verteidiger gesagt. Haben Sie sich für heute schon ein neues Bild vorgezeichnet?

Fuss: Ich würde es aus dem Ärmel schütteln, wenn es sich anbietet. So etwas vorzubereiten ist immer schwierig. Das wäre ja nicht authentisch. Ich habe Lucio wegen seiner Vorstöße auch schon die «Ein-Mann-Büffelherde» genannt. Seine Ausflüge in die Offensive hat er aber mittlerweile abgestellt. Ich glaube, er darf die Mittellinie nicht mehr überschreiten. Mal schauen, vielleicht bietet er mir etwas an, da würde ich dann aber spontan drauf eingehen wollen.

Bereiten Sie sich auf einen Champions-League-Einsatz anders vor, als auf ein Bundesligaspiel?

Fuss: Bei der Vorbereitung gibt es keine Unterschiede. Es ist nur so, dass die Reisen ins europäische Ausland natürlich ein wenig mehr Charme haben. Gerade die Spiele jetzt in der Ko-Phase haben ja irgendwie finalen Charakter. Vielleicht kann ich es mit einem Saisonfinale in der Bundesliga vergleichen.

Wie zeitintensiv ist Ihre Vorbereitung?

Fuss: Das jetzt in Stunden zu messen, ist schwierig. Seit ich weiß, dass dieses Spiel stattfinden wird, verfolge ich den Weg von Inter Mailand durchgehend und tausche mich mit italienischen Kollegen aus. Und die Bayern habe ich ja sowieso im Blick.

Große Fußballübertragungen sprechen nicht nur eingefleischte Fans an, sondern auch zufällige Zuschauer. Ist das für Sie eine Umstellung?

Fuss: Wenn ich für das Free-TV kommentiere, kann ich vom Zuschauer nicht so viel voraussetzen. Das ist sicher ein gravierender Unterschied. Es geht um Fachbegriffe: Bei solchen Übertragungen muss ich dann auch mal erklären, dass der «Sechser» ein zentraler, defensiver Mittelfeldspieler ist. Damit es die Oma zu Hause auch versteht. Das Publikum ist deutlich breiter und ich möchte ja niemanden ausschließen. Nichtsdestotrotz erlaube ich mir in bestimmten Sequenzen, Fakten zu benennen, die für die größere Masse nicht nachvollziehbar sind. Wenn das Spiel dann läuft, kann ich mich sowieso nicht mehr kontrollieren (lacht).

Sie haben mal gesagt, ihr Kommentar-Stil sei von «natürlicher Emotionalität» geprägt. Was heißt das genau?

Fuss: Grundsätzlich freue ich mich auf jedes Spiel. Nach dem Anpfiff lasse ich mich treiben. Wenn die Partie mich packt, dann packt sie mich und dann geht die Post ab. Alles andere würde mir der Zuschauer auch nicht abnehmen.

Mit welchen Worten würden Sie Ihre heutige Reportage gerne beschließen?

Fuss: Mein letzter Satz heißt traditionell: «Bleiben Sie sportlich!» Davor würde ich aber gerne die Worte sagen: «Der FC Bayern geht mit einer exzellenten Ausgangsposition ins Rückspiel und befindet sich auf halbem Wege Richtung Viertelfinale.»

Wolff-Christoph Fuss ist Sportkommentator. Für Sat.1 berichtet er von den Spielen der Uefa Champions League. Bei einer Abstimmung durch transfermarkt.de wurde der 34-Jährige zum beliebtesten Fußball-Kommentator gewählt. Dennoch bleibt er Realist: «Je mehr Leute zuschauen, desto mehr mäkeln.» Auch dem Videospiel Pro Evolution Soccer leiht Fuss seine Stimme.

hem/ivb/news.de

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