Garmischs Stimme «Moderatoren quatschen heute zu viel»

Ingeborg Wörndle (Foto)
Ingeborg Wörndle wurde 1946 die erste Stadionsprecherin Deutschlands. Bild: imago/news.de (Montage)

Von news.de-Redakteur Michael Heinrich, Garmisch-Partenkirchen
Sie war die erste weibliche Stadionsprecherin Deutschlands und moderierte zehn Olympische Spiele. Mit news.de spricht die 95-jährige Ingeborg Wörndle über ihre Kommentatoren-Nachfolger, die Ski-WM und erklärt, wie sie es schafft, in diesem Alter noch fit zu sein.

Wie gefällt Ihnen bisher die Alpine Ski-WM?

Wörndle: Wunderbar. Ich war schon von der Eröffnungsfeier begeistert. Die Wettkämpfe habe ich mir bisher im Fernsehen angeschaut. Mit 95 Jahren kann man nicht mehr so umher, doch am Montag werde ich mir die Super-Kombination der Männer vor Ort ansehen. Ich genieße diese WM.

Sie waren 1978, als die letzte Ski-WM in Garmisch stattfand, aktiv dabei als Sprecherin für alle Wettbewerbe. Fehlt Ihnen da heuer etwas, wenn Sie die Wettkämpfe als «normale» Zuschauerin verfolgen – ohne Aufgabe?

Wörndle: Bis voriges Jahr habe ich noch alle Wettbewerbe in Garmisch-Partenkirchen moderiert. Diesmal hat man mich nicht gefragt. Aber ich bin erschrocken, wie wenige Worte außer in Deutsch bei der Eröffnung gesagt worden sind. Nur FIS-Präsident Gian-Franco Kasper hat ein paar Worte in Englisch und Französisch gesagt. Ansonsten waren die vielen ausländischen Besucher verloren, haben nichts verstanden. Das hätte es bei mir nicht gegeben.

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Wie viele Sprachen sprechen Sie?

Wörndle: Sechs: Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch natürlich und Rumänisch, weil auch diese Sprache einen lateinischen Ursprung hat. Ich habe ja das große Latinum, weil ich eigentlich Kinderärztin werden wollte.

Achten Sie eigentlich besonders auf die Athleten oder auch auf die AnsagerInnen? Und gibt es etwas, dass Ihnen bei Ihren Kollegen besonders gut oder gar nicht gefällt?

Wördle: Ich habe sogar aufgehört darauf zu achten, weil ich mich nicht an die neue Art der Ansagen gewöhnen wollte. Da wird die ganze Zeit gequatscht und über die Freundin des Sportlers erzählt und darüber hinaus vergessen zu sagen, wer Zweiter geworden ist. Wir wurden anders gedrillt. Karl Erb hat uns eingetrichtert: Name, Zahlen und Zeiten. Wir mussten Fachwissen haben.

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Dann werden die meisten Sportereignisse für Sie wohl nur ohne Ton zu ertragen sein. Kennen Sie eigentlich Steffen Simon?

Wörndle: Nein. Aber es stimmt, manchmal ist es furchtbar, was da erzählt wird.

Wir müssen den Lesern wahrscheinlich erklären: 1946 sind Sie die erste Stadionsprecherin in Deutschland geworden, damals noch bei Wettkämpfen der amerikanischen Besatzer. 1956 wurden Sie dann zu den Olympischen Spielen nach Cortina d'Ampezzo eingeladen. Wie ging es weiter?

Wörndle: Innsbruck, Squaw Valley, München, Mexiko - ich war insgesamt bei zehn Olympischen Spielen dabei und habe bei sechs von ihnen moderiert, darüber hinaus bei vielen Weltmeisterschaften und natürlich bei der Vierschanzentournee. Meine Liebe galt dem Skispringen, weil ich damit begonnen hatte.

In welchen Sportarten waren Sie Expertin?

Wörndle: Natürlich zunächst einmal im Wintersport, aus dem ich kam. Ich bin Norddeutsche Jugendmeisterin im Skilanglauf gewesen. Aber dann in den Sportarten, die ich moderieren sollte. Bei den Olympischen Spielen in München hat man mich zum Ringen eingeteilt. «Um Gottes willen! Ich habe noch nie in meinem Leben einen Ringkampf gesehen», sagte ich. «Das spielt keine Rolle», hieß es darauf, «Sie sind aber die Einzige, die in einer Minute drei Kämpfe auf drei verschiedenen Matten ankündigen kann.» Und so wurde ich zum Lehrgang geschickt. Ich musste ja die ganzen Griffe kennen.

Und Sie haben in Ihrem Leben viele Sportasse nicht nur gesehen, sondern richtig kennengelernt. Weil Sie meist in offizieller Mission bei den Sportereignissen waren. Haben Sie noch zu manchen Kontakt?

Wörndle: Ja, und es ist immer wieder schön, wenn man den einen oder anderen trifft, auch Leute, die mit mir gearbeitet haben. Es hat sich so etwas wie eine Weltfreundschaft entwickelt, und durch meine ehrenamtliche Tätigkeit hatte ich bis zu ihrem Tod auch noch Kontakt zu Maxi Herber, Paarlauf-Olympiasiegerin von 1936.

Sie sind Ehrenbürgerin von Garmisch-Partenkirchen, haben das Bundesverdienstkreuz und den Olympischen Orden verliehen bekommen. Erzählen Sie uns etwas von Ihren Ehrenämtern?

Wörndle: Als ich mit 65 Jahren und nach 35 Arbeitsjahren gezwungenermaßen in Rente gehen musste, habe ich geheult wie ein Schlosshund und sofort am nächsten Tag ehrenamtlich weitergearbeitet - bis heute. Ich bin an einem Tag der Woche Lotsin in unserem Kreiskrankenhaus, dreimal im Monat betreue ich die dortige Bibliothek und seit sechs Jahren helfe ich sonntags in der Cafeteria des Altenheims.

Sie selbst sind mit 95 Jahren bemerkenswert fit. Was hat Sie jung gehalten?

Wörndle:  Der liebe Gott hat mir gute Gene gegeben. Ich war relativ selten krank, natürlich hatte ich ein paar Brüche vom Skifahren, aber das war es dann schon. Ich esse viel Obst und Gemüse, trinke seit 16 Jahren keinen Alkohol, rauche nicht und mache jeden Tag mein Training. Ich war schließlich schon immer begeistert für jede Art von Bewegung.

phs/reu/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Friedbert Heckmann
  • Kommentar 1
  • 12.02.2011 14:10

Guten Tag, mit Interesse las ich den Artikel über sog. Moderatoren. Da gibt es noch viel zu kritisieren: z.B. diese unsinnigen sog. 'Fragen', wie z.B. 'Wie toll haben Sie sich gefühlt ...', denn eine 'richtige' Frage würde lauten: Wie haben Sie sich gefühlt ...? Natürlich stimmt es, was Frau Wörndle sagt: Heutzutage sind diese sog. Moderatoren ja viel mehr an der Stimmband- oder Gesichts- oder Atem-Muskulatur (atemloses Gestammel direkt nach dem Wettkampf) der Athleten interessiert, als an der Muskulatur, die die sportliche Leistung eigentlich bringt. usw, usw, Tolle Vorbilder !! F. Heckmann

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