Sportpolitik Probleme und Kritik: Hall of Fame als Baustelle

Probleme und Kritik: Hall of Fame als Baustelle (Foto)
Probleme und Kritik: Hall of Fame als Baustelle Bild: dpa

In den USA, dem Geburtsland der Hall of Fame, macht man es sich leicht. Wer einmal im Sport etwas ganz Außergewöhnliches geleistet hat, der kommt in eine Ruhmeshalle.

Hamburg (dpa) - In den USA, dem Geburtsland der Hall of Fame, macht man es sich leicht. Wer einmal im Sport etwas ganz Außergewöhnliches geleistet hat, der kommt in eine Ruhmeshalle.

Da spielt es keine Rolle, wenn ein Boxer wie der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister Mike Tyson immer wieder kriminell aufgefallen ist, dafür mehrjährig in Gefängnissen büßen musste und seinem Gegner Evander Holyfield im Ring gar ein Stück vom Ohr abgebissen hat.

In Deutschland, wo die Stiftung Sporthilfe vor vier Jahren eine Hall of Fame ausgerufen hat, herrschen andere Gesetze. Da sollen «Vorbilder» und «Leitbilder» in den elitären Kreis der Ruhmreichen aufgenommen werden. So hat es Boris Becker 2003 zwar mühelos in die in Newport in den USA angesiedelte internationale Hall of Fame des Tennis gebracht. Der Einzug in die nationale Ruhmeshalle ist dem vom deutschen Tennis-Helden zum Jetset-Liebling gewandelten «ewigen 17-jährigen Leimener» bisher verwehrt worden - im Gegensatz zu Steffi Graf.

Doch Vorbehalte wie gegen Becker sind längst nicht der einzige Grund, warum es seit 2008 einen richtigen Stau vor der nur virtuell existierenden Ruhmeshalle gegeben hat - die Suche nach einem musealen Raum ist bisher ohne Erfolg geblieben.

Vor zwei Jahren, beim Gründungsakt im Deutschen Historischen Museum in Berlin, umfasste die Liste der Auserwählten 40 Namen, darunter ganz Große wie Max Schmeling, Gottfried von Cramm und Franz Beckenbauer. Seitdem fanden nur noch der Schwimmer Roland Matthes, die Kanutin Birgit Fischer, die Eiskunstläuferin Katarina Witt, der Fußballer und Manager Uli Hoeneß und die Krupp-Legende Berthold Beitz als Sportlenker Aufnahme.

Stauverursacher ist, oberflächlich betrachtet, die Birthler- Behörde in Berlin. Seit einem Jahr nun werden aus 150 Vorschlägen aussortierte 30 Namen auf «Unbedenklichkeit» überprüft, und das unabhängig davon, ob sie unter Stasi- oder SED-Hoheit gelebt haben wie der Rad-Liebling Gustav «Täve» Schur oder Marika Kilius/Hans-Jürgen Bäumler als Eiskunstlaufpaar aus dem Westen.

Erst die Hälfte der Unbedenklichkeitserklärungen liegt der Sporthilfe vor. Dabei geht es lediglich um bis 1972 aktive Athleten, und damit vornehmlich um mögliche Stasi-Verwicklungen. Der nächste Schwung soll aus hervorragenden Sportlern bestehen, die ab 1973 zu Ruhm und Ehren gekommen sind. Es ist jenes Jahr, das Experten als den Beginn des Doping-Zeitalters ausgemacht haben. In der DDR flächendeckend und dokumentiert, in der Bundesrepublik eher individuell und noch weitgehend unaufgeklärt.

Es sei ein Problem, vor dem Hintergrund der Nazi-Zeit und des DDR- Sports «gerecht, endgültig und frei zu bewerten», sagte Hans Wilhelm Gäb, als ehemaliger Sporthilfe-Chef auch Ideengeber der Hall of Fame. Thomas Mergel, Professor für Europäische Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität, sagt, in der Selektion offenbare sich die «Gebrochenheit und Widersprüchlichkeit der deutschen Geschichte».

Bisher haben es acht Auserwählte als NSDAP-Mitglieder in die Ruhmeshalle geschafft, darunter der langjährige Sportanführer Willi Daume, der erste Sporthilfe-Vorsitzende Josef Neckermann und der legendäre Bundestrainer Sepp Herberger. Kandidat Schur, ein anderer Problemfall, war SED-Mitglied und Abgeordneter der DDR-Volkskammer.

Unabhängig von allen Sonderproblematiken stellt sich die Frage, ob der organisierte deutsche Sport, hier repräsentiert durch die Sporthilfe, kenntnisreich, sensibel und selbstbewusst genug umgeht mit seiner Vergangenheit. Seit Gäbs Rücktritt 2008 und der Führung des Wirtschaftsmanagers Werner E. Klatten tritt die Sporthilfe vermehrt als Unternehmen zur Absicherung sportlicher Existenzen in Erscheinung, mehr Ökonomie und weniger ideelles Engagement.

Auch das hat dazu beigetragen, dass aus der Hall of Fame eine Langzeit-Baustelle geworden ist. Michael Krüger, in Münster Professor für Sportgeschichte und Sportpädagogik, kritisiert schonungslos. Der deutsche Sport sei «historisch ahnungslos und kulturell an Show Business und Marketing interessiert», schrieb er jüngst im Magazin «Olympisches Feuer».

news.de/dpa

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Anzeige
++ Fußball-Liveticker ++
 

Live-Ticker powered by live-ticker.com

Fußball im Überblick
news.de auf Facebook
Follow us on Facebook!
News.de auf Twitter
Follow us on Twitter!
Anzeige