Robert Enke Gefangen in der Welt des Profi-Fußballs

Enke (Foto)
Robert Enke lächelt auf einer Pressekonferenz der Nationalelf. Bild: ap

Von news.de-Redakteur Michael Heinrich
Wer war der Mensch hinter dem Torwart Robert Enke? Nach und nach kommen die Puzzleteile ans Licht. Sie zeigen einen Menschen, der an den Anforderungen zerbrach. Das wirft in erster Linie einen dunklen Schatten auf den Profi-Fußball selbst.

«Robert Enke brauchte eine Woche in Mönchengladbach, um zu begreifen, dass Uwe Kamps nie aufhören würde. Er wollte ihn, Enke, den neuen Ersatztorwart, den potenziellen Rivalen, aufgeben sehen; ihn besiegen, in den kleinsten Aufwärmübungen, jeden Tag», schreibt Ronald Reng in seinem Buch Robert Enke - Ein allzu kurzes Leben über den Freund.

Der Alltag des Fußballprofis und speziell des Torwarts besteht vor allem aus zwei Dingen: Druck machen und Druck aushalten. So war es damals, so ist es heute - nichts hat sich geändert. Außer, dass der eine, der wirklich anders war, nicht mehr Teil dieser Welt ist, in die er nur schwer passte.

Zwischen Kamps und Oliver Kahn, die in jeder Sekunde Aggressivität und Dominanz demonstrieren, fiel ein höflicher und besonnener Vertreter auf und heraus. Robert Enke war damit Außenseiter. Innerlich, denn äußerlich strahlte er Ruhe und Gelassenheit aus - ganz wie es von einem Torwart erwartet wird. Er mochte nicht glauben, dass nur die nach oben kommen, die ihre Konkurrenten wegbeißen, und hat es schließlich bewiesen - bei Hannover 96 und in der deutschen Nationalmannschaft, deren Nummer eins er bis zu seinem Tod war.

Robert Enke
Karriere zwischen Extremen

Die Anstrengung, die das Erreichen dieses Ziels kostete, ist kaum zu ermessen. Denn schon als Teenager plagte ihn die Angst vor dem Versagen. Als 16-Jähriger stand er bei den 18-Jährigen im Tor. Er müsse mal richtig gefordert werden, meinte sein damaliger Trainer. «Papa, wärst du mir böse, wenn ich mit dem Fußball aufhören würde?», fragte Enke schon damals.

Bei den Großen hatte er auch später noch einen schweren Stand. Als er sein erstes Spiel für den FC Carl Zeiss Jena bestritt, bat er Trainer Eberhard Vogel, zur Halbzeit ausgewechselt zu werden. Der riet ihm, sich zusammenzureißen und ließ ihn bis zum Ende durchspielen. Im nächsten Spiel setzte er ihn auf die Bank. Und auch, als er längst bei Borussia Mönchengladbach gelandet und sein Talent bekannt war, blieb die Angst. «Die Seele erinnert sich immer an eine Grenzerfahrung» sagt sein Vater Dirk in Rengs Biografie über seinen Sohn.

Robert Enke
364 Tage des Vergessens
Video: news.de

Und trotzdem schien ihm alles so leicht von der Hand zu gehen. Sein Freund Torsten Ziegner erinnert sich ebenda, wie er und die Freunde, die Enke nahe standen, ihn erlebten: «ein richtiges Sonntagskind, dem alles gelang, den nichts aus der Bahn werfen konnte und der immer gut gelaunt war.» Zwischen äußerem Schein und tatsächlichem Sein bestand eine Kluft, deren Ausmaß selbst seine Freundin Teresa und seine Familie nicht in vollem Umfang ahnen konnten.

Spieler wie Stefan Effenberg, den er in Gladbach kennenlernte, bewunderte er. Doch Enke wusste genau, dass er nie so sein würde. Er mochte keine ausschweifenden Partys und Diskonächte. «Enke war eine in sich gefestigte Persönlichkeit, ein kluger Charakter, jemand mit Haltung, der sich eine gesunde Distanz zu den Überdrehtheiten seines Berufs erhalten hatte», schrieb der Tagesspiegel in einem Nachruf treffend.

Warum gab es aus dieser Welt kein Entkommen für Enke? Vielleicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Profifußballer beneiden Millionen Menschen, das Rampenlicht, die schönen Frauen und das scheinbar leicht - mit dem Hobby - verdiente Geld, viel Geld. Doch Profi-Fußball ist alles andere als ein Hobby. Mit dem Spiel auf den Bolzplätzen hat es nicht viel zu tun. Enke wusste das am besten.
Am 10. November 2009 - heute vor einem Jahr - warf sich er vor einen Zug und setzte damit seinem Leben selbst ein Ende.

jag/reu/news.de

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