Toursieger Contador Gedopt oder verseucht?

Alberto Contador (Foto)
Saubere Leistung? Alberto Contador beim Aufstieg auf den Tourmalet. Bild: imago

Von news.de-Redakteuren U. Kroemer, M. Heinrich und A. Schloder
Tour-de-France-Sieger Alberto Contador ist positiv getestet worden. Wie der Spanier angibt, sei die Substanz Clenbuterol durch verseuchte Lebensmittel in sein Blut gekommen. Deutsche Experten zweifeln geschlossen an dieser Variante.

Die 17. Etappe der diesjährigen Tour de France von Pau auf den Col du Tourmalet war eine Demonstration der Stärke Alberto Contadors. Sein Widersacher Andy Schleck hatte am knüppelharten Anstieg auf 2115 Meter mehrfach versucht, Contador abzuhängen - keine Chance. Letztlich fuhren Schleck und Contador gemeinsam über die Ziellinie, der Toursieg war dem Spanier nicht mehr zu nehmen. Gönnerhaft tätschelte er Schleck die Wange, als wollte er sagen: Netter Versuch, aber du hattest keine Chance.

Nun, gut zwei Monate nach jener Szene im Nebel der Pyrenäen, steht fest, dass Toursieger Contador einen Tag vor der Königsetappe eine verbotene Substanz im Blut hatte: das Arzneimittel ClenbuterolDer Arzneistoff Clenbuterol wird zur Behandlung von Asthma eingesetzt, kam aber bereits Anfang der 1990er Jahre wegen des illegalen Einsatzes in der Kälbermast sowie als Dopingmittel in Verruf. . Das ergaben A- und B-Test der Urinprobe Contadors vom 21. Juli, die im Dopinglabor in Köln untersucht wurde. «Wenn er keine vollständige Beweiskette zu seiner Entlastung vorlegen kann, gehört Contador gesperrt», sagte Dopingexperte Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg bei Nürnberg, im Interview mit news.de. Zwei Jahre sind in diesem Fall üblich.

Erstaunliche Erklärungen
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Am Mittag äußerte sich Contador, der seit dem 24. August von seinem positiven Test wusste,  in seiner Heimatstadt Pinto bei Madrid sichtlich erregt zu dem Fall und bestritt dabei energisch, gedopt zu haben. Stattdessen machte er verunreinigte Lebensmittel dafür verantwortlich, dass die Dopingjäger 50 Picogramm (0,000 000 000 05 Gramm pro Milliliter) in seinem Blut fanden. «Die positive Probe ist ein echter Fehler», betonte er. Dies sei ein Sonderfall und habe mit anderen Dopingfällen nichts zu tun. «Ich denke, dass die Sache sich eindeutig klären lässt und die Wahrheit ans Licht kommen wird.» Er habe das Fleisch an einem Ruhetag während der Tour zusammen mit einer Gruppe anderer Fahrer gegessen. Er sei als einziger anschließend aus dieser Gruppe zu einer Dopingprobe zitiert worden. Daher sei auch nur bei ihm die verbotene Substanz festgestellt worden.

Parallelen zum Fall Ovtcharov

Gut dosiert, verlangsamt Clenbuterol die Muskelabbauprozesse, die normalerweise ständig im Körper ablaufen, und hilft, Fett einzuschmelzen. «Das wird bei Contador sicher nicht im Vordergrund gestanden haben. Dazu braucht man größere Mengen» sagt Sörgel. Zwar erweitert das Präparat die Bronchien und lässt die Bronchialmuskulatur erschlaffen, um deren Verkrampfung bei einem Asthmaanfall zu lindern. «Es treibt auch den Puls in die Höhe», weiß Herbert Löllgen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention. «Gerade bei Leistungssportlern wie Radfahrern, die permanent hoher Belastung ausgesetzt sind, kann dies zu Herz-Kreislauf-Störungenz. B. Depressionen führen», sagte der Professor im Gespräch mit news.de.

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Einen ähnlichen Befund gab es vor acht Tagen bei dem deutschen Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov, der ebenfalls positiv auf das Uralt-Dopingmittel Clenbuterol getestet wurde, mit dem bereits in den 1980er Jahren betrogen wurde. Auch seine B-Probe war positiv. Beide Sportler fahren dieselbe Verteidigungsstrategie, die auf der unbewussten Aufnahme kontaminierter Nahrungsmittel beruht. «Die These existiert, seit es Doping gibt», stellte Sörgel fest.

«Es könnte zwischen beiden Fällen einen Zusammenhang geben», sagt der deutsche Professor und Dopingforscher Gerhard Treutlein aus Heidelberg zu news.de. «Aber Ovchtarov hat in Anführungszeichen das Glück gehabt, in China gewesen zu sein, wo Clenbuterol in hohen Dosen in der Viehmast eingesetzt wird.» In Frankreich hingegen sind derartige Fälle bislang nicht bekannt. Clenbuterol zur Mast zu  verabreichen, ist in der EU verboten. Es gelten strenge Kontrollmechanismen für EU-Fleisch.

Auch für Löllgen ist der Fall klar. «Dass Clenbuterol zur Schweinemast in China noch eingesetzt wird, um das Fleisch heller zu machen, ist noch möglich», sagte der Remscheider. «Aber während der Tour? Das ist auszuschließen» Im Umkehrschluss: «Das hieße, der Koch hätte illegales Fleisch bezogen und Contador nichts gesagt. Und das halte ich für sehr unwahrscheinlich.»

Contador behauptet genau das: Der Koch des Astana-Teams, Paco Olalla, habe bei der Tour den Anruf eines Freundes aus Spanien erhalten, der sich auf dem Weg nach Frankreich befand. «Unser Koch bat ihn darum, für die Radsportler gutes Rindfleisch aus Spanien mitzubringen», berichtete Contador. Das im Teamhotel in Pau im Südwesten Frankreichs servierte Fleisch sei von schlechter Qualität gewesen.

Der Freund des Kochs stoppte nach eigenen Angaben in der spanischen Grenzstadt Irún vor einem Fleischerei, kaufte Filetsteaks und brachte sie nach Frankreich ins Quartier des Astana-Teams. «Ich musste das Fleisch in unserem Mannschaftsbus braten, weil ich die Hotelküche nicht benutzen durfte», erinnerte sich der Koch am Donnerstag. «In den Unterlagen von Astana muss sich noch die Rechnung der spanischen Fleischerei befinden, denn wir bezahlten nie etwas ohne Quittung.»

«Doper handeln oft irrational, um sich Vorteile zu verschaffen»

Aber warum sollte der wissenschaftlich bestens betreute Contador ausgerechnet eine altbekannte, verbotene Substanz nehmen? «Leistungssportler handeln oft irrational, um sich Vorteile zu verschaffen», argumentiert Löllgen. Noch dazu, wo die Wirkung von Clenbuterol überschätzt wird. «In der Humanmedizin hat die Substanz nie eine entscheidende Rolle gespielt.» Sörgel betont: «Sportler experimentieren mit allem.»

An die Unschuld von Contador glaubt auch Treutlein nicht - trotz der plump anmutenden Methode. «Es ist immer wieder erstaunlich», sagt er, «dass wieder auf diese alten Sachen umgestiegen wird.» Falls Contador wirklich gedopt haben sollte, vermutet Treutlein im Fall Contador einen Fehler bei der Verabreichung und Dosierung des Dopingmittels.

Dass es nach der bislang so sauberen Tour 2010 nun überhaupt einen Dopingfall gibt, erstaunt Treutlein: «Ich hätte nicht gedacht, dass die etwas rauslassen.» Weil der Radsport-Weltverband UCI die Kontrollen selbst durchführen wollte, anstatt unabhängigen Kontrollinstanzen zu vertrauen, wurde die Glaubwürdigkeit der Kontrollen von Experten infrage gestellt. Spätestens, als Contadors Name aus der Kunden-Liste des mutmaßlichen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes vor vier Jahren auf unerklärliche Weise verschwunden war, fuhr bei dem Kletterspezialisten der Zweifel immer mit.

hem/news.de/dpa

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