Doping-Diktatur DDR-Funktionär beichtet Doping an Minderjährigen

Er war der zweite Mann im DDR-Sport: Als erster Top-Funktionär gibt Thomas Köhler in seinem Buch «Zwei Seiten der Medaille» flächendeckendes Doping zu. Sogar Minderjährige seien systematisch gedopt worden. Statt Reue zu zeigen, rechtfertigt Köhler das System.

Flächendeckendes Doping (Foto)
DTSB-Funktionär Thomas Köhler (Mitte): «Anabolika an Kadersportler». Bild: imago

Fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung hat Thomas Köhler als erster Top-Sportfunktionär das flächendeckende Staatsdoping im DDR-Sport zugegeben und selbst Kinder-Doping im Schwimmen eingestanden. In seinem Buch «Zwei Seiten der Medaille», das am Donnerstag im Handel erscheint, bricht der frühere zweite Mann des DDR-Sports sein Schweigen und unterstellt auch Topathleten eine Mitwisserschaft. «Alle Mittel wurden im Einvernehmen mit dem Sportler verabreicht», schreibt Köhler.

Weil Anfang der 1970er Jahre die Chancengleichheit für DDR-Sportler im Ost-West-Vergleich nicht mehr gewährleistet gewesen sei, «entschied sich die damalige Sportleitung für den Einsatz ausgewählter anaboler Substanzen in einer Reihe von Sportarten», schreibt der Rodel-Olympiasieger und ehemalige Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB). «Wenn also die DDR weiterhin im internationalen Sportgeschehen erfolgreich mithalten wollte, blieb nichts weiter übrig, als den Einsatz von Dopingmitteln zu gestatten.»

Köhler rechtfertigt das Doping von Minderjährigen

Die DDR-Verantwortlichen hätten sich für eine «sachgerechte und medizinisch kontrollierte Anwendung ausgewählter Dopingmittel» entschieden. Laut Köhler waren 1989 in den DDR-Sportklubs 90 Fachärzte tätig. Dazu kamen Verbandsärzte in sämtlichen Sportarten, Mediziner an den Sportschulen und Forschungsärzte in Leipzig und Kreischa. Köhler: «Die Vergabe von Medikamenten erfolgte unter strengster Beachtung der ärztlichen Sorgfaltspflicht. Schwere gesundheitliche Zwischenfälle oder sogar Todesfälle, die in anderen Ländern durchaus vorkamen, passierten in der DDR nicht», behauptet Köhler, obwohl er bei den DDR-Doping-Prozessen zwischen 1998 und 2000 von zahlreichen geschädigten Sportlern längst widerlegt wurde.

Der Sportfunktionär räumt auch ein, dass sogar Minderjährige gedopt wurden. Aber selbst das entschuldigt er: «Wenn Sportler bereits ab dem 16. Lebensjahr beteiligt wurden, geschah das vor allem unter Beachtung ihres biologischen Reifegrades.» Dies sei vor allem im Schwimmen passiert. Inzwischen habe sich gezeigt, dass sogar noch jüngere Sportler gedopt wurden, «Anabolika an Spartakiadesportler vergeben wurden». Köhler rechtfertigt sich: «Über derartige Verletzungen unserer Nachwuchskonzepte hatte ich keine Kenntnisse und hätte diese auch nicht geduldet.»

Der Stellvertreter von Sport-Diktator Manfred Ewald verschont auch seinen ehemaligen Chef und die Aktiven nicht. «Die Verantwortung war so verteilt, dass bis auf den Präsidenten des DTSB jeder nur so viel wusste, wie für seinen Bereich erforderlich war.» Ihm fehle zudem jedes Verständnis, wenn Sportler heute alle Schuld den Ärzten, Trainern und Funktionären zuschieben. «Es stimmt nicht, dass Sportler, die es ablehnten, unerlaubte Mittel zu nehmen, ihre Kaderzugehörigkeit verloren hätten.» Als Beispiele nannte Köhler die Rodlerinnen Ute Rührold, Margit Schumann und Eva-Maria Wernicke, die wegen der Angst um ihre Figur Doping immer ablehnten - und trotzdem bei Olympia und WM Medaillen gewannen.

Köhler: Auch im Westen gab es flächendeckendes Doping

Köhler gibt - offensichtlich mit Blick auf die DDR-Dopingopfer - aber auch zu: «Aus heutiger Sicht haben wir Verantwortlichen des DDR-Leistungssports in der Dopingproblematik eine Reihe möglicher Konsequenzen nicht genügend beachtet, und nicht alle damaligen Entscheidungen können unter Berücksichtigung dieser Umstände gerechtfertigt werden. Auch haben wir damit verbundene Risiken offensichtlich unterschätzt. Wie zum Beispiel die unkontrollierte Anwendung durch Sportler, die nicht zum Kaderkreis gehörten, oder die Einnahme überhöhter Dosierungen zum einseitigen Vorteil.»

Der heute 70-jährige Pensionär wendet sich auch dagegen, dass die Erfolge des DDR-Sports ausschließlich auf «flächendeckendes Doping» zurückzuführen seien. Der zweimalige Rodel-Olympiasieger, der seit Jahren in Berlin lebt, wendet sich auch dagegen, dass nur der Osten Deutschlands des Dopings beschuldigt wird. «Flächendeckend kann man ohne Zweifel bezeichnen, was an Dopingmaßnahmen von der Uni Freiburg ausging.»

Seite 2: Weißflog, Geipel & Co - Reaktionen auf das Buch

Jens Weißflog (dreimaliger Olympiasieger und Weltmeister im Skispringen): «Wenn es Köhlers Meinung ist, dass alle gedopt und es gewusst haben, dann kann ich nur von mir sagen, dass ich davon nichts wusste. Ich habe zu DDR-Zeiten gewonnen und auch nach der Wiedervereinigung - und das immer ohne Doping. Das haben unzählige Tests bewiesen. Köhlers Aussagen hören sich so an, als wolle er sich aus der Mitverantwortung stehlen.»

Ines Geipel (ehemalige Sprinterin und selbst Dopingopfer, sie ließ sich aus den DLV-Rekordlisten streichen, heute Professorin für deutsche Sprache in Berlin): «Ich habe das Buch gelesen - aber eigentlich ist das kein Buch. Es enthält absolut nichts Neues, ist aber komplett verantwortungslos. Vor allem aber ist es eine Lüge und eine Verklärung seiner Verantwortung im DDR-Sport. Wo war Thomas Köhler denn in den 20 Jahren der Aufarbeitung? Es deckelt die Rolle, die er selbst im DDR-Sport innehatte. Aber genau das ist ja seit einiger Zeit die Strategie: Herr Köhler ist verurteilt. Das Sportsystem DDR juristisch aufgearbeitet. Jetzt wird versucht, die Geschichte zu drehen und die Geschädigten immer wieder neu zu diskreditieren. Die Dopingopfer sterben weg, Herr Köhler aber sitzt mit guter Rente in seiner chicen 10.000-Ostmark-Villa und promotet nun mit dieser Lüge sein Buch. Das ist obermies.»

Gunda Niemann-Stirnemann (dreimalige Olympiasiegerin im Eisschnelllauf): «Wenn er denkt, dass alle Sportler über die verabreichten Mittel Bescheid wussten, dann ist das seine Meinung. Für mich ist das keine Thema. Ich habe vor und nach der Wende ohne Doping trainiert und gewonnen.»

Thomas Bach (Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, IOC-Vizepräsident): «Die Aussagen von Thomas Köhler bringen mehr Klarheit in die Aufarbeitung der Dopinggeschichte. Natürlich war der Staatsplan für flächendeckendes Doping bekannt gewesen, genau wie das Doping auch an Minderjährigen bereits in Prozessen in den 1990er Jahren aufgedeckt worden ist. Aber die sportpolitisch Verantwortlichen der früheren DDR haben das immer weitgehend geleugnet. Der DOSB hat bekanntlich die wissenschaftliche Aufarbeitung des Doping in Deutschland - und zwar ausdrücklich in Ost und in West - in Auftrag geben lassen. Weitere Aussagen wie die von Herrn Köhler könnten dieseAufarbeitung fördern.»

Uwe Trömer (Ex-Radsportler und Dopingopfer): «Herr Köhler gibt einiges zu, er gibt aber nicht genug zu. Ich hätte den Hut vor ihm gezogen, wenn er all die Scheiße, die da gelaufen ist, benannt hätte.»

Seite 3: Die wichtigsten Urteile zu Doping im DDR-Sport

Im Zusammenhang mit dem systematischen Doping im DDR-Sport hat das Berliner Landgericht zwischen 1998 und 2000 eine Reihe von Urteilen gefällt. Der Vorwurf lautete jeweils auf Körperverletzung oder Beihilfe dazu durch Vergabe von Anabolika. News.de dokumentiert die wichtigsten Fälle:

18. März 1998 - Vor dem Berliner Landgericht beginnt der erste Prozess zum systematischen Doping von DDR-Sportlern. Angeklagt sind insgesamt sechs Trainer und Ärzte des SC Dynamo Berlin.

18. August 1998 - Vor einer anderen Kammer des Berliner Landgerichts beginnt der zweite Prozess zum DDR-Doping gegen fünf Verantwortlichen des TSC Berlin. Zum Prozessauftakt räumen alle Angeklagten ihre Beteiligung an der Vergabe von Anabolika ein.

20. August 1998 - Im zweiten Prozess zum systematischen Doping im DDR-Sport stellt das Gericht das Verfahren gegen zwei Trainer des TSC Berlin gegen Zahlung einer Geldbuße ein. Wegen geringer Schuld brauchen sie nur 7500 beziehungsweise 3000 Mark zahlen.

24. August 1998 - Erstmals verurteilt ein Gericht Verantwortliche des DDR-Sports wegen Dopings. Das Berliner Landgericht verhängt gegen zwei frühere Ärzte und einen Trainer des TSC Berlin Geldstrafen wegen Körperverletzung beziehungsweise Beihilfe dazu in Höhe von 7000 bis 27 000 Mark.

31. August 1998 - Zum zweiten Mal spricht das Berliner Landgericht Verantwortliche des DDR-Leistungssport wegen Dopings schuldig. Ein früherer Trainer vom SC Dynamo Berlin muss 7200 Mark Geldstrafe zahlen, ein Dynamo-Sektionsarzt 9000 Mark.

14. September 1998 - Das Berliner Landgericht stellt das Verfahren gegen einen Trainer des SC Dynamo Berlin wegen geringer Schuld gegen 5000 Mark Geldbuße ein. Auch die Verfahren gegen zwei weitere Trainer werden in den nächsten Wochen gegen 4000 und 3000 Mark Geldbuße eingestellt.

7. Dezember 1998 - Als letzter Angeklagter des Pilotprozesses gegen Verantwortliche des SC Dynamo wird der frühere Chefarzt Bernd Pansold zu einer Geldstrafe von 14.400 Mark verurteilt.

12. April 1999 - Die Berliner Justiz teilt mit, dass gegen den früheren Direktor des Sportmedizinischen Dienstes der DDR, Dietrich Hannemann, mit Hilfe eines Strafbefehls eine Geldstrafe von 45.000 Mark verhängt wurde.

21. Juni 1999 - Die Berliner Justiz berichtet, dass erstmals ein Sportmediziner per Strafbefehl wegen Dopings zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden ist.

22. Oktober 1999 - Der frühere Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes, Horst Röder, wird mittels Strafbefehl zu einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.

22. Dezember 1999 - Der frühere Generalsekretär des Deutschen Schwimmsportverbandes (DSSV), Egon Müller, und zwei mitangeklagte Cheftrainer werden zu jeweils einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Zudem müssen die drei je 5000 Mark Geldbuße zahlen, entschied das Berliner Landgericht.

12. Januar 2000 - Der frühere DDR-Schwimmverbandsarzt Lothar Kipke wird zu der bislang höchsten Strafe wegen des systematischen Dopings im DDR-Sport verurteilt worden. Kipke erhält eine Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung.

26. März 2000 - Der Sportmediziner des ASK Vorwärts Potsdam, Jochen Neubauer, wird vom Amtsgericht Potsdam zu 9000 Mark Geldstrafe verurteilt. Der Olympia-Stützpunkt kündigt Neubauer daraufhin. Auch der Fußball-Zweitligist Tennis Borussia, bei dem er als Mannschaftsarzt tätig war, trennt sich von dem Mediziner.

11. April 2000 - Die Erfurter Staatsanwaltschaft teilt mit, dass die Doping-Verfahren in Thüringen weitgehend abgeschlossen sind. Fünf Ärzte und ein Trainer wurden zu Strafen zwischen 2500 und 11.700 Mark verurteilt. 53 Ermittlungsverfahren wurden wegen geringer Schuld eingestellt.

18. Juli 2000 - Der langjährige DDR-Sportchef Manfred Ewald und der als zentrale Figur des Staatsdopings mitangeklagte Sportarzt Manfred Höppner werden nach 22 Verhandlungstagen zu Bewährungsstrafen verurteilt: 22 Monate Haft auf Bewährung für Ewald, 18 Monate auf Bewährung für Höppner. Beide hätten sich, so die Richter, der heimlichen Verabreichung von männlichen Hormonen - sogar an minderjährige Sportler - der Beihilfe zur Körperverletzung schuldig gemacht.

kru/news.de/dpa

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Bärbel Elstermann
  • Kommentar 1
  • 14.09.2010 15:15

Stimmt ,was da geschrieben wird . Als ich sehr aktiv im Sport war als Jugendliche bot man uns auch teiweise so etwas an . Wir lehnten alles ab .Als ich meine Sportausbildung machte ,na da nahm ich auch so etwas nicht .Konnte mir an allen Finger abzählen ,daß ich höchstens bis 35 Jahre Leistungssport betreiben kann.Meine sportlichen Leistungen waren meine und nicht von Doping hoch gezüchtet .

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