Tradition vs. Retorte Wer Geld sät, erntet Hass

Hassgesänge und Handgreiflichkeiten: Der Konflikt zwischen Emporkömmlingen und Traditionsvereinen spaltet die Fußballwelt. Ein schwieriger Spagat für den Sport zwischen Kulturgut und Kommerzobjekt.

Fußball zwischen Tradition und Kommerz (Foto)
Halles Fans protestieren gegen den Konkurrenten aus der Retorte. Bild: imago

Am vergangenen Wochenende platzte Tomas Oral der Kragen. «Ich lasse mich nicht 90 Minuten lang dumm anmachen», sagte der Trainer des Viertligisten Red Bull (offiziell: Rasen-Ballsport) Leipzig der Süddeutschen Zeitung. Nach dem Auswärtserfolg in Kiel - dem ersten Sieg der Saison - war Oral mit dem Co-Trainer des Gegners aneinandergeraten - nicht nur verbal, sondern auch handgreiflich. Offenbar hatte es nicht nur von den Rängen Pöbeleien gegen den Emporkömmling aus Leipzig gegeben, sondern auch von der Bank der Kieler, die als Traditionsverein in der vierten Liga herumdümpeln. Da sei es auch «legitim, wenn wir uns wehren. Und wir wehren uns», sagte Oral wütend.

Denn egal, wo der Brausedosen-Klub derzeit auch hinkommt - überall wird er mit Anfeindungen, Spott und Hass empfangen. Beim Auswärtsspiel bei Eintracht Braunschweig II etwa besprühten selbsternannte Hüter des Traditionsfußballs den Mannschaftsbus und zerstachen die Reifen. Einige Anhänger des Halleschen FC riefen zum «Bullenjagen» auf, kündigten in diversen Internetforen Gewalttaten gegen Spieler, Fans und Funktionäre von RB an. Über normale Rivalität zwischen zwei konkurrierenden Fanszenen geht das weit hinaus.

Fußball & Kommerz: Die deutschen Retortenklubs

Und so spaltet dieser Konflikt zwischen Traditionsvereinen und Retortenklubs aktuell den Fußball. Nicht nur Fans reden sich bei dem Thema heiß, sondern auch die Entscheidungsträger in den Klubs. Hans-Joachim Watzke, Boss des traditionsreichen Bundesligisten Borussia Dortmund, polterte im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem Internetportal fussball.de: «Wollen wir wirklich auf einer Meisterfeier Red Bull Soundso feiern? Ich glaube nicht, dass der deutsche Fußball schon dermaßen amerikanisiert ist.» Und weiter: «Wie lange werden sich Klubs wie Dortmund oder Frankfurt wehren können, wenn Konzerne plötzlich 300 Millionen Euro irgendwo reinpumpen, weil es sich aus Marketinggesichtspunkten rechnet?»

BVB-Boss Watzke: «Wir sind nur für die Folklore zuständig»

Watzke forderte damals die Verteilung der Fernsehgelder nach dem Prinzip der «Verursachungsgerechtigkeit». So sollten laut Watzke diejenigen Klubs mit den meisten Fans auch das meiste TV-Geld bekommen. «Wir sorgen mit unserem Umfeld dafür, dass die Liga boomt. Und das muss uns in irgendeiner Weise vergütet werden», sagte Watzke bei derwesten.de. «Wenn es nur nach Erfolg geht, dann ist es so: VW schießt (bei Wolfsburg, Anm. d. Red.) das Geld rein, kassiert am Ende, und wir sind für die Folklore zuständig.» Während die Dortmunder Fans zu Tausenden zu den Auswärtsspielen reisen, hielten sich die Zuschauer von Wolfsburg, Hoffenheim & Co. vornehm zurück.

Spielen sich Watzke und die Fans nur als Ewiggestrige auf, weil sie ihre Felle davonschwimmen sehen? Verstecken sie sich hinter einer Tradition, die im durch und durch kommerzialisierten Fußball eh nur noch Fassade ist? Oder schützen sie den Fußball als Kulturgut vor der feindliche Übernahme durch die Wirtschaftsbosse?

Seite 2: Das Fußballimperium Red Bull

Red Bull macht zumindest keinen Hehl aus den Beweggründen, weshalb der Konzern in Leipzig investiert. «Deutschland ist einer unserer wichtigsten Märkte», sagte Dietmar Beiersdorfer jüngst dem Manager-Magazin. Der frühere Fußballprofi (bei den Traditionsklubs SV Werder Bremen und Hamburger SV) leitet im Auftrag des Red-Bull-Bosses Dietrich Mateschitz die diversen Fußballprojekte des Brauseherstellers - sein Titel: «Head of Global Soccer». In New York, Brasilien, Ghana, Salzburg und eben Leipzig entwirft und leitet Beiersdorfer Fußballprojekte am Reißbrett.

Ohne Umschweife erklärt Beiersdorfer, dass RB Leipzig in vier bis sechs Jahren in der 1. Bundesliga ankommen wolle. «Fußball ist zum Teil schon planbar», sagt er. «Das versuchen wir ja gerade in Leipzig, wo der Verein zielgerichtet und organisch wachsen soll.» Dass die große Lobby der Fußball-Traditionalisten bei diesen Aussagen wohl der Fangesang im Halse stecken bleibt, schert Red Bull herzlich wenig. Wenn der Klub erst einmal dem Mief der Regionalliga entkommen ist und eines schönen Tages aus der Bundesliga grüßt, so das Kalkül des Klubs, werden Hass und Pöbeleien eh verstummt sein. Die TSG 1899 Hoffenheim ist da das beste Beispiel.

Watzke: «RB Leipzig wird nicht der letzte fremdbestimmte Verein bleiben»

Während sich die Szene noch beim Aufstieg in die 1. Liga echauffierte, hat sich der Klub aus dem Kraichgau längst in der Bundesliga etabliert. Die beste Marketingoffensive war dabei das erfrischende Angriffsspiel, mit dem die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick in ihrer Premierensaison zur Herbstmeisterschaft stürmte. Heute, nur zwei Jahre, nachdem die TSG ihr erstes Bundesligaspiel bestritt, ist es für viele Zuschauer wenig relevant, ob der Verein seit 40 Jahren oder 24 Monaten dabei ist. Hauptsache, die Attraktivität des Fußballs stimmt. So war die TSG Hoffenheim im Sommer 2009 laut einer Studie des Sportrechtevermarkters Sportfive Deutschlands zweitbeliebtester Klub hinter dem SV Werder Bremen. Ob Retortenklub oder Traditionsverein, das schien durch den stürmischen Start in die 1. Liga keine Rolle zu spielen.

Inzwischen gibt es bereits über 100 Fanklubs der TSG 1899 Hoffenheim, darunter übrigens auffallend viele in Ostdeutschland. Ein Indiz, dass auch RB Leipzig in naher Zukunft offene Türen einrennen wird. «Es wird Nachahmer geben, Red Bull in Leipzig wird nicht das letzte Beispiel für fremdfinanzierte, fremdbestimmte Vereine bleiben.» Wo aber bleiben dann das Herz und die Seele des Fußballs?

«Der Erfolg dieser Sportart ist auf ihr Gefühlselement zurückzuführen, das zugleich ihren Kern darstellt», schreibt der spanische Schriftsteller und Fußball-Kolumnist Javier Marías: «Und es ist schwierig, zehn oder elf bloße Gehaltsempfänger ins Herz zu schließen.»


Duelle zwischen Tradition und Retorte am Wochenende:

Erneut ein schwerer Gang für Tomas Oral und sein Team: Am Wochende kommt der ruhmreiche 1. FC Magdeburg mit seinen zahlreichen Fans nach Leipzig; in das Stadion, das einst Zentralstadion hieß und sich jetzt Red-Bull-Arena nennt. Alle Duelle zwischen sogenannten Kultklubs und Retortenvereinen an diesem Wochenende:

FC Ingolstadt 04 - Rot-Weiß Oberhausen (2. Liga, Freitag, 18 Uhr)

TSG 1899 Hoffenheim - FC Schalke 04 (1. Liga, Freitag, 20.30 Uhr)

Borussia Dortmund - VfL Wolfsburg (1. Liga, Samstag, 15.30 Uhr)

RB Leipzig - 1. FC Magdeburg (Regionalliga Nord, Sonntag, 13.30 Uhr)

hem/reu/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • fred panzer
  • Kommentar 6
  • 10.09.2010 09:57

Retorte hin oder her. Die meisten Vereine sind irgendwann künstlich geschaffen worden. So ist Dynamo Dresden ein Polizeiverein. Also mal Bälle flach halten.

Kommentar melden
  • KvlMcpz5e2jK
  • Kommentar 5
  • 09.09.2010 18:48
Antwort auf Kommentar 4

klar wurde jeder Verein irgendwann mal gegründet, bei Rasen-Ballsport Leipzig war das am 19. Mai 2009. Mit gekaufter Spielberechtigung ging es dann auch gleich in der Oberliga - die fünft höchste Spielklasse in Deutschland - los.

Kommentar melden
  • wolfer
  • Kommentar 4
  • 09.09.2010 16:30

Ich finde es unfair und unsportlich, wenn man gegen RB-Leipzig vorgeht. Gegen RB-Formel1 sagt doch auch keiner etwas, oder? Jeder Verein wurde doch einmal gegründet! Wie reich ist denn Bayern München?? Da wird auch nicht mit unsportlichen Mitteln angegangen!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig