Wechsel perfekt Khedira und die königliche Tradition

Netzer, Breitner, Schuster: Deutsche Kicker haben in Spaniens Priméra División eine große Vergangenheit. Nach einer Epoche von Missverständnissen zwischen deutschen Spielern und spanischen Klubs tritt Sami Khedira nun in die Fußstapfen der großen Spanien-Legionäre.

Sami Khedira und Günter Netzer (Foto)
Als Günter Netzer (rechts) noch Fußball spielte, war Sami Khedira noch gar nicht auf der Welt. Nun tritt Khedira das Erbe seines Vorgängers bei Real an. Bild: News.de / imago, dpa (Montage)

Nun ist sein Wechsel fix: Nationalspieler Sami Khedira wird der siebte Deutsche sein, der für Real Madrid aufläuft. Nach Bestehen der sportärztlichen Untersuchung werde der 23-Jährige beim spanischen Rekordmeister seinen neuen Vertrag unterschreiben, teilte Khediras bisheriger Arbeitgeber VfB Stuttgart mit. «Einen absoluten Führungsspieler und eine Identifikationsfigur wie Sami Khedira lässt man nur ungern ziehen», sagte der neue VfB-Sportdirektor Fredi Bobic. Rund 14 Millionen Euro lassen sich die «Königlichen» den Transfer kosten. Dass sich die Verantwortlichen von Real Madrid viel von Khedira erwarten, hängt mit dessen hervorragenden Leistungen bei der Weltmeisterschaft in Südafrika zusammen - und mit der großen Tradition deutscher Kicker und Trainer in der Priméra División.

Emil Walter war der erste Fußballer, der es auf der iberischen Halbinsel zu Ruhm brachte. Zu Beginn der 1920er Jahre ging der Pforzheimer aus beruflichen Gründen nach Spanien. Dort schloss sich Walter dem Klub Unió Esportiva Figueres in der drittklassigen katalanischen Liga an, und weil Walter einen außergwöhnlich strammen Schuss hatte, wurde man auch beim großen FC Barcelona auf den Verteidiger aufmerksam. Von 1924 bis 1933 trug «Emilio», wie Walter bei «Barça» getauft wurde, das rot-blau gestreifte Trikot in 224 Partien und ist dort bis heute eine Legende.

Bis der zweite Deutsche den Weg in den Süden antrat, dauerte es genau 40 Jahre. Günter Netzer, dem es im provinziellen Mönchengladbach zu eng wurde, tauchte im Sommer 1973 bei Real Madrid in eine neue Fußballwelt ein. Einer der Klubmanager begrüßte Netzer mit den Worten: «Am besten, du merkst es Dir gleich: Wir sind Real Madrid. Verstehst du, Real Madrid. Real ist nicht Borussia Mönchengladbach, ist nicht irgend so ein Dorfklub.» So viel zum Selbstverständnis des selbsternannten besten Klubs der Welt.

Netzers Ankunft in der neuen Welt

In seiner Autobiografie Aus der Tiefe des Raumes erinnert sich Netzer weiter: «In Mönchengladbach gab es zwei, drei Journalisten, von denen mancher einmal in der Woche bei uns vorbeischaute. Als ich zur Vorstellung in Madrid in einen Saal geführt wurde, saß da tatsächlich eine Hundertschaft von Journalisten. Ich war, kein Zweifel, in einer anderen Welt angekommen.» Nach anfänglichen Schwierigkeiten setzte sich der langmähnige Techniker in Madrid durch und holte gemeinsam mit dem 1974 nach Spanien gewechselten Paul Breitner Meisterschaft (1975) und Double (1976).

In den Jahren darauf prägten Uli Stielike und der «blonde Engel» Bernd Schuster Spaniens Topklubs. Stielike spielte von 1977 bis 1985 bei Real Madrid, wurde unter anderem dreimal spanischer Meister und viermal zum besten Auslandsprofi gewählt. Schuster verbrachte die glanzvollste Zeit seiner großen Karriere beim FC Barcelona. Beinahe eine ganze Dekade gestaltete der gebürtige Augsburger das «Barça»-Spiel, führte im Mittelfeld Regie und schoss in 170 Partien für Barcelona 73 Tore. 1988 wagte es Schuster, zum Erzrivalen Real Madrid zu wechseln; 1990 ging er zu Atletico Madrid und ist damit einer von nur zwei Spielern, die bei allen drei großen spanischen Klubs gespielt haben.

Enke, Hildebrand, Metzelder: Eine Epoche der Missverständnisse

2007 gelang Schuster sogar das Kunststück, als Trainer zu Real Madrid zurückzukehren. Zuvor hatten Jupp Heynckes (ebenfalls Real Madrid) sowie Hennes Weisweiler und Udo Latteck (beide Barcelona) dafür gesorgt, dass auch Übungsleiter aus «Alemania» großes Ansehen in Spanien genießen.

Der letzte deutsche Fußballer von Weltrang in Spanien war Bodo Illgner. Der Weltmeister von 1990 wechselte 1996 zu Real Madrid und hütete in 91 Spielen den Kasten des Starensembles. Noch vor Ende seines Vertrages musste er seinen Platz allerdings an den aufstrebenden Iker Casillas abgeben. Seither konnte kein deutscher Profi mehr an die Erfolge der Stars von damals anknüpfen. Die Engagements von Robert Enke (FC Barcelona), Timo Hildebrand (FC Valencia), Andreas Hinkel (FC Sevilla) oder Christoph Metzelder (Real Madrid) waren allesamt Missverständnisse. David Odonkor, derzeit der einzige deutsche Fußballer in Spanien, sitzt beim Zweitligisten Betis Sevilla hauptsächlich auf der Bank.

Nun hat Sami Khedira die große Chance, das Bild des deutschen Fußballs in Spanien wieder geradezurücken. Offenbar ist Real-Trainer José Mourinho so sehr von dem Stuttgarter überzeugt, dass Khedira einen fürstlich entlohnten Fünf-Jahres-Vertrag erhalten soll. Da Khediras Stil und Mourinhos Spielauffassung prächtig zueinander passen, hat der defensive Spielgestalter das Potenzial, ebenfalls eine Ära des spanischen Fußballs mitzugestalten. Genau wie vor ihm Netzer, Schuster oder Stielike.


Deutsche Kicker in Spanien:

Emil Walter: 1924 bis 1933 (FC Barcelona)

Günter Netzer: 1973 bis 1976 (Real Madrid)

Paul Breitner: 1974 bis 1977 (Real Madrid)

Uli Stielike: 1977 bis 1985 (Real Madrid)

Rainer Bonhof: 1978 bis 1980 (FC Valencia)

Bernd Schuster: 1980 bis 1988 (FC Barcelona), 1988 bis 1990 (Real Madrid), 1990 bis 1993 (Atletico Madrid)

Andreas Brehme: 1992 bis 1993 (Real Saragossa)

Bodo Illgner: 1996 bis 2001 (Real Madrid)

Oliver Neuville: 1996 bis 1997 (CD Teneriffa)

Gerhard Poschner: 1999 bis 2001 (Rayo Vallecano), 2002 bis 2003 (Poliderportivo Ejido)

Robert Enke: 2002 bis 2004 (FC Barcelona)

Andreas Hinkel: 2006 bis 2008 (FC Sevilla)

Timo Hildebrand: 2007 bis 2008 (FC Valencia)

Christoph Metzelder: 2007 bis 2010 (Real Madrid)

David Odonkor: seit 2006 (Betis Sevilla)

phs/reu/news.de/dpa

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