So., 12.02.12

Machtkampf beim DFB Rüffel für Lahm

Artikel vom 06.07.2010

Für Joachim Löw kam die Diskussion zur Unzeit, für Oliver Bierhoff ist sie ein pures Ärgernis. Ausgerechnet kurz vor dem spannenden WM-Halbfinale gegen Spanien löste Philipp Lahm den Machtkampf um das Kapitänsamt aus.

Bisher stand das DFB-Team in Südafrika nur für Harmonie und positive Schlagzeilen. Seit Lahms Forderung nach der Kapitänsbinde nicht mehr. «Es ist schade, dass so etwas zusammenkommt und zu Missinterpretationen führen kann», erklärte Teammanager Oliver Bierhoff kurz vor der Abreise des DFB-Teams in den Halbfinal-Spielort Durban. «Das Thema darf jetzt überhaupt keine Rolle spielen», forderte Bierhoff und rüffelte so Lahm für die von dem Münchner angeheizte Debatte um die Zukunft von Michael Ballack im DFB-Team. Der Status quo sei klar, verdeutlichte Bierhoff: «Philipp Lahm ist der WM-Kapitän und Michael Ballack ist der Kapitän.»

Der 33-jährige Ballack, der wegen einer schweren Bänderverletzung im rechten Fuß die Weltmeisterschaft am Kap als Spieler verpasst, war am 5. Juli überraschend aus dem DFB-Quartier in Erasmia abgereist. Dort hatte er sich nach dem 4:0 gegen Argentinien zur weiteren Behandlung seiner Verletzung aufgehalten. Fast zeitgleich verkündete Lahm, den Bundestrainer Löw zum WM-Kapitän ernannt hatte, dass er auch nach dem Turnier weiter die Kapitänsbinde tragen wolle: «Warum soll ich dann das Kapitänsamt wieder freiwillig zur Verfügung stellen?» Laut Bierhoff habe Ballack bei seiner Abreise aus dem Hotel Grand Velmoré von Lahms Kampfansage nichts gewusst.

Rauball sorgt für weitere Unruhe

Bierhoff bemühte sich um Deeskalation, konnte den Ärger der sportlichen Leitung aber nicht verbergen. Zumal sich Löw & Co. auch noch mit Vorwürfen von Liga-Präsident Reinhard Rauball beschäftigen mussten. Der Funktionär hatte mitten in die riesige deutsche Erfolgs- und Euphoriewelle hinein vor einer Verselbstständigung der Nationalmannschaft gewarnt: «Es muss sichergestellt sein, dass Strukturen nicht dazu führen, dass wir drei statt zwei Verbände haben: den DFB, die Liga und die Nationalmannschaft.» Noch in der Nacht diskutierte Bierhoff mit Rauball, der mit im Quartier war.

Letztlich seien dies alles Themen zur falschen Zeit, machte Bierhoff deutlich. Während Löw und er selbst in Südafrika eisern ihren Kurs durchhalten, ihre persönliche Zukunft erst nach dem Turnier zu beleuchten, schürten andere Konflikte. Der durch viele Turnier-Teilnahmen als Spieler und Manager gestählte Ex-Kapitän weiß natürlich um die Brisanz des Machtkampfes zwischen Lahm und Ballack.

Zwei unterschiedliche Kapitäne

Beide interpretierten und interpretieren das Kapitänsamt höchst unterschiedlich. Der einstige Chelsea-Star Ballack gab klar den Ton vor, vieles fokussierte sich auf seine Person. Der sieben Jahre jüngere Lahm pflegt mehr seine Kollegen und sucht mit dem Mannschaftsrat eine einheitliche Linie. «Wir wissen, dass Philipp Lahm diese Rolle sehr gut übernommen hat und es ihm Spaß macht», lobte Bierhoff.

Dennoch sieht der Manager die Ablenkung in der wichtigsten Woche der WM als große Gefahr an. «Der Zeitpunkt mit Abreise und diesen Aussagen war sicher nicht so glücklich», sagte er zum plötzlichen Abbruch des Ballack-Aufenthalts in Südafrika und der Lahm-Forderung. «Freiwillig werde ich sie ganz sicher nicht abgeben», sagte Lahm auf die Frage, ob er die Kapitänsbinde nach der WM wieder feierlich an Ballack überreichen werde. «Aber das wird die Entscheidung des Bundestrainers sein», schloss Lahm klar an.

Ballack hatte schon unmittelbar nach seiner Verletzung durch ein böses Foul des ehemaligen deutschen Junioren-Spielers Kevin-Prince Boateng im DFB-Vorbereitungscamp auf Sizilien die Nähe zu seinen Kollegen gesucht. Zum Viertelfinale besuchte er die Mannschaft in Südafrika und erlebte als Zaungast live den Höhenflug des neuen Teams ohne ihn. «Für mich tut es schon weh», sagte der gebürtige Sachse zu seiner quälenden Zuschauerrolle.

Bierhoff begrüßt Ballacks Abreise

Da zudem die medizinische Abteilung des DFB die WM-Spieler vorrangig behandeln muss, korrigierte Ballack seine Pläne und reiste nach Europa zurück. «Es macht mehr Sinn, dass er nach Hause geht, er ist ja auch seinem neuen Verein verpflichtet», begrüßte Bierhoff die Ballack-Entscheidung.

Der schwelende Konflikt zwischen der jungen, in Südafrika erfolgreichen Generation und Ballack ist nun offen ausgebrochen. Für Brisanz nach der WM ist gesorgt. Erst einmal muss Ballack wieder richtig gesund und fit werden. Als Führungskraft bei Bayer Leverkusen könnte er dann wieder im Nationalteam angreifen - die Zeit und das intern verschobene Machtgefüge aber sprechen gegen ihn.

phs/ivb/news.de/dpa
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 07.07.2010 14:42
von
International

Lahm hat recht - und die ganze Sache ist nichts als eine von der Presse hochgejubelte Geschichte. Irgendwie muss man ja als Jounrnalist - bei soviel Euphorie - auch mal wieder Negatives berichten können!! Wir lieben Euch Ihr Arbeiter an der Presse! Das ist wie ein kühlender Gewitterregen. Vielleicht aber auch nur ein Vorbote auf das heutige Spiel, wo die Presse dann gegen Spanien auch wieder da weiter machen kann, wo Sie jetzt angefangen hat: Negativ - Berichterstattung.

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  • Kommentar: 1
  • 07.07.2010 14:23
von
Juergen

So sind wir Deutsche nun mal: wenn wir keine Probleme haben, machen wir ganz einfach welche...

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