Lothar Matthäus «Serbien wird um die letzte Chance kämpfen»

Lothar Matthäus (Foto)
Anruf aus München? Lothar Matthäus ist bei Zweitligist 1860 im Gespräch. Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiter Oliver Trust
Der Weltmeister von 1990 und Ex-Trainer bei Partizan Belgrad warnt: «Serbien ist ein gleichwertiger Gegner.» Lothar Matthäus über die Stärken der Serben, Trainerfuchs Radomir Antic und das Rezept zum Sieg für das DFB-Team.

Herr Matthäus, der WM-Start für Serbien verlief denkbar schlecht - 0:1 gegen Ghana, eine schwache Leistung und dazu kam noch ein Platzverweis.

Matthäus: Serbien hat auch Pech gehabt. Und dann zu wenig Geduld, sie wollten vielleicht zuviel im ersten Spiel.

Was dürfen wir gegen Deutschland erwarten?

Matthäus: Sicher eine andere serbische Mannschaft. Eine, die um ihre letzte Chance kämpft und alles gibt.

Sie kennen Serbiens Fußball anders, als es die Mannschaft in ihrem Eröffnungsspiel zeigte?

Matthäus: Ich kenne bestens ausgebildete Fußballer, die technisch einiges drauf haben. Die Qualität der Liga allerdings hat gelitten, seit das Land eigenständig wurde. Mit Partizan und Roter Stern haben sich zwei Mannschaften herauskristallisiert, die weit vor allen anderen stehen. Viele Serben spielen bei Topklubs im Ausland. Vor allem das hat zu einer gewissen Weiterentwicklung geführt.

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Inwiefern?

Matthäus: Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Fußball ein Mannschaftssport ist. Früher haben einige mehr auf sich selbst geschaut. Einen Hinweis auf den Wandel haben wir in der Qualifikation bekommen, als sich Serbien klar vor Frankreich qualifiziert hat. Serbien gehört heute zu den Besseren des Weltfußballs.

Das heißt, Serbien könnte zu einem echten Problem für die deutsche Mannschaft werden?

Matthäus: Nicht nur Serbien, auch Ghana wird nicht einfach. Das hat die Partie gegen Serbien gezeigt. Ich gehe von einem Dreikampf um die beiden Plätze fürs Achtelfinale aus. Serbien betrachte ich als gleichwertigen Gegner.

Wo liegen die Stärken der Serben?

Matthäus: In der individuellen Klasse der Spieler, die Trainer Radomir Antic zu einer Einheit geformt hat. In der Abwehr Nemanja Vidic von Manchester United und der Dortmunder Neven Subotic sowie Branislav Ivanovic vom FC Chelsea, im Mittelfeld Dejan Stankovic von Champions-League-Sieger Inter Mailand, im Angriff Nikola Zigic vom FC Valencia. Serbien - das ist sicher - will nicht noch einmal so schwach abschneiden wie 2006, als sie in der Vorrunde scheiterten.

Sie haben bei Partizan Belgrad als Trainer gearbeitet, was bedeutet eine solche WM-Teilnahme für die Menschen in Serbien?

Matthäus: Die WM 2010 ist die erste WM, die man als «Serbien» spielt, wobei das 2006 nicht viel anders war, als man zusammen mit Montenegro antrat. Die Serben sind sehr stolz auf ihre Mannschaft, die gute Qualifikation allerdings hat die Erwartungen unheimlich wachsen lassen. Als wir 2003 die Meisterschaft gewannen und es über die Qualifikation bis in die Champions League schafften, hat das ganz Serbien berührt. Nach den jahrelangen Problemen durch Krieg mit den daraus resultierenden Sanktionen bedeutet ein sportlicher Erfolg viel.

Was muss die deutsche Mannschaft tun, um Serbien zu schlagen?

Matthäus: Die Serben haben sehr viel Respekt vor Deutschland - auch als Turniermannschaft. Deutschland kann nur über die Mannschaft zum Erfolg kommen. Serbien darf man nicht ins Spiel kommen lassen, sie mögen kein körperbetontes Spiel.

Ist Trainer Antic der Schlüssel zum Erfolg?

Matthäus: Egal, wer in der serbischen Mannschaft steht, die absoluten Stars oder die Spieler aus der zweiten Reihe, sie haben absolutes Vertrauen zu Antic. Sie glauben an das, was er sagt. Seine Glaubwürdigkeit ist extrem hoch. Er hat der Mannschaft und dem Land eine neue Identität im Fußball gegeben.

Nun gibt es bei den Serben einige Spieler wie Subotic, Pantelic, Kacar und Kuzmanovic, die die Bundesliga und ihre deutschen Gegner besonders gut kennen. Ist das ein Vorteil?

Matthäus: So etwas wird überbewertet. Sie können sicher sein: Jeder serbische Spieler kennt die deutsche Mannschaft sehr genau. Jeder in der serbischen Liga, auch die Spieler im Ausland, verfolgen den internationalen Fußball seit Jahren. Eine WM ist für alle eine neue Gelegenheit, sich für gute internationale Klubs zu empfehlen.

 

Zur Person: Lothar Matthäus (49) kommentiert die deutschen WM-Spiele als Experte für den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera. Der 150-malige deutsche Rekordnationalspieler war von 2002 bis 2003 Trainer bei Partizan Belgrad, gewann die Meisterschaft und erreichte die Champions League. Aktuell ist Matthäus als Trainer beim Zweitligisten TSV 1860 München im Gespräch.

kru/bla/reu/news.de

Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • Meinung
  • Kommentar 4
  • 18.06.2010 16:20

Auch Gomez wird nie ein Sonderfußballspieler, denn er ist zu steif in den Hüften. Und auch der kleine Marin ist sobald man sich auf seine paar Fertigkeiten eingespielt hat, noch ein normaler Bundesligaspieler,ansonsten ist nicht mehr drinn.

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  • Manfred Ullrich
  • Kommentar 3
  • 18.06.2010 16:10

Wenn Löw nicht über sein Schatten springen kann, dann soll er in die Wüste gehen. Er sagt,er habe sich mit Korani vertragen,aber er hat ihn nicht mit zur WM 2010 mit genommen. Warum auch? Löw ist in meinen Augen ein ICH Mensch. Und so einer Regiert die Nationalmanschft!?!?!?!? MfG Manfred Ullrich

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  • Grünpfeil
  • Kommentar 2
  • 18.06.2010 16:04

Ja, der Fußball ist rund - das ist nun gar keine neue Erkenntnis. Wer weiß, vielleicht kommt es schneller als wir denken - dann muss UNSERE Mannschaft um ihre letzte Chance kämpfen...

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