Von news.de-Redakteur Philip Seiler - 25.06.2010, 11.32 Uhr

Taktik-Geschichte: Vom 1-0-9 zum 4-4-2

Vor knapp 140 Jahren glich Fußball noch Rugby. Neun Stürmer liefen auf einer Linie Richtung Tor. Seitdem wurden weltweit zahlreiche Spielsysteme ausprobiert und verfeinert. News.de erzählt die spannende Geschichte der Fußballtaktik.

Holland gilt als Erfinder der 4-3-3. Gegen Deutschland gab es 1974 dennoch eine Niederlage im WM-Finale. Bild: dpa

Im 19. Jahrhundert wurde im Fußball noch nicht wirklich über Taktik nachgedacht. Als 1863 mit der Gründung des englischen Fußballverbandes FA erstmals ein Regelwerk festgeschrieben wurde, brachte dies auch die erste Abseitsregel mit sich. Diese besagte, dass kein Spieler näher zum gegnerischen Tor stehen durfte als der Ball. Pässe durften somit nur nach hinten gespielt werden.

Im Nachhinein war dieser Abseitsregel die Geburt des ersten Spielsystems zu verdanken: ein 1-0-9. Wie beim Rugby griffen neun Spieler auf einer Linie an und warteten auf Abpraller des ballführenden Akteurs. Hinten sicherten ein Feldspieler und ein Torwart ab.

Drei Jahre später wurde die Regel jedoch überdacht, fortan durften «nur» noch drei Spieler bei der Ballabgabe näher zum eigenen Tor stehen als der gegnerische Angreifer. Die Strategien der Mannschaften entwickelten sich dadurch rasch in eine andere Richtung. Die Schotten waren es, die das Passspiel für sich entdeckten und beim ersten Länderspiel der Fußballgeschichte gegen England im Jahr 1872 in einer 2-2-6-Formation aufliefen. Die Engländer vertrauten dagegen auf ein 1-2-7. Das Spiel endete im Übrigen 0:0.

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40 Jahre Pyramide

1884 etablierte sich in England die sogenannte Pyramide - ein 2-3-5 - und wurde für vierzig Jahre zum bevorzugten System im Fußball. Aufgrund der damaligen Abseitsregel nahm die Anzahl der Tore allerdings immer mehr ab. Und so führte die FA 1925 die heutige Regel ein, nach der sich nur noch der Torhüter und ein Feldspieler zum Zeitpunkt der Ballabgabe näher zum Tor als der gegnerische Angreifer befinden durften.

Zwei Verteidiger reichten nun nicht mehr aus, und so wurde aus dem 2-3-5 ein 3-2-2-3 – das sogenannte WM-System, da sich die Anordung auf dem Spielfeld wie die Buchstaben W und M lasen. Während es fortan zum einzigen Spielsystem auf der Insel werden sollte, gab es in Europa und Südamerika aber bereits andere Spielideen. In Österreich, Ungarn oder Brasilien wurde immer mehr Wert auf Technik gelegt.

In den 1950er Jahren war es soweit und die Engländer wurden in ihrer Vorreiterrolle abgelöst. In Wembley hagelte es eine 3:6-Niederlage gegen die Ungarn. Diese spielte zwar mit demselben System wie die «Three Lions», der Clou der Ungarn war aber ein zurückgezogener Mittelstürmer, der als eine Art Regisseur fungierte. Zudem sorgten die Ungarn erstmals mit Positionswechseln für Verwirrung. Nur die deutsche Elf um Fritz Walter konnte die Ungarn im Regen von Bern erstmals aufhalten, indem sie sich nicht aus der Defensive locken ließ. Der Rest ist bekannt. Deutschland wurde 1954 erstmals Weltmeister.

Brasilien etabliert das 4-2-4

Ab 1958 sollte ein neues System dominieren. Das 4-2-4, das von den Brasilianern in Perfektion präsentiert wurde und als dessen Vorreiter die Ungarn von 1954 gelten. Für den Erfolg war dabei vor allem die Rückkehr von der Mann- zur Raumdeckung und das Einschalten der neu geschaffenen Außenverteidiger in die Offensive verantwortlich.

In Italien entwickelte sich kurze Zeit später dagegen ein ganz andere Art, Fußball zu spielen, oder besser gesagt, zu zerstören – der sogenannte «Catenaccio». Eine Art defensives Bollwerk in einem 4-5-1-System. Inter Mailand feierte mit dieser Strategie in den 1960er Jahren große Erfolge und verbreitete den Stil weltweit. Noch heute ist er als Anti-Fußball und Mauertaktik verpöhnt.

Holland hält nichts vom Mauern

In den Niederlanden wollte man dagegen von defensivem Fußball nichts wissen. Stattdessen wurde ein schneller Angriffsfußball nach einem 4-2-4 gespielt, bei dem jeder Spieler jede Position einnehmen konnte und der als «Fußball Total» bekannt wurde. Daraus entwickelte sich das heute noch bekannte 4-3-3. Dank dieses Systems stieg Ajax Amsterdam zu einem Weltverein auf und die Niederlande wurde 1974 mit Johan Cruyff beinahe Weltmeister – wäre da im Finale nicht Deutschland gewesen.

Ein Italiener war es wiederum, der dem Fußball in den 1980er Jahren die heutige Viererkette brachte. Arrigo Sacchi schaffte den Libero ab und setzte stattdessen auf Raumverknappung und das Verschieben der Verteidiger Richtung Ball. Der AC Mailand wurde mit dieser Strategie zur dominierenden Vereinsmannschaft in Europa.

Das Konzept der Raumdeckung führte allerdings weltweit zu einer defensiven Revolution, die bis heute anhält. Im internationalen Fußball legen die heutigen Trainer den Fokus auf die Defensivarbeit, das Motto lautet: «die Null muss stehen!» Leider oft zum Leidwesen der Zuschauer. Aber Ausnahmen bestätigen zum Glück die Regel. So etablierten der FC Barcelona und die Nationalmannschaft Spaniens im 21. Jahrhundert ein Gegenmodell, dass auf Ballbesitz und langen Ballstafetten fußt. Und beide Teams feierten damit bekanntlich auch große Erfolge.

voc/news.de

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