So., 12.02.12
Südafrika 2010

WM-Helden 1990 Forza, Matthäus!

Von news.de-Redakteur Oliver Roscher

Artikel vom 02.06.2010

Ein Sommer in Italien: Das ist Amore und Gelato. 1990 gab es noch eine große Portion Calcio obendrauf - perfekt zelebriert von der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft. Angetrieben vom unermüdlichen Mittelfeldmotor Lothar Matthäus holte sich die Mannschaft in Rom den Pokal.

Das Jahr 1990 ist durch zwei Ereignisse geprägt: Die deutsche Wiedervereinigung  und den WM-Titelgewinn der DFB-Elf in Italien. Selten ist eine deutsche Mannschaft so homogen, so kraftvoll und spielerisch glänzend gleichermaßen. Der Antreiber des Weltstar-Ensembles unter Teamchef Franz Beckenbauer ist ein Raumausstatter aus dem fränkischen Herzogenaurach: Lothar Matthäus.

In den 1980er Jahren bis Mitte der 1990er gibt es für die besten Fußballspieler der Welt nur ein Ziel: Italien, das Lire-Paradies. In der Serie A geben sich Franco Baresi, Marco van Basten, Andreas Brehme und Lothar Matthäus die Klinke in die Hand. Von der Elf, die bei Anpfiff des WM-Finals gegen Argentinien auf dem Platz steht, sind alleine fünf DFB-Kicker in den Diensten italienischer Vereine: die Inter-Troika Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann und die beiden AS-Rom-Legionäre Rudi Völler und Thomas Berthold.

Im ersten Gruppenspiel geht es in Matthäus'  Wohnzimmer, dem Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand, gegen Jugoslawien. Beckenbauers Jungs legen schon dort den Grundstein für den späteren Titelgewinn. Die hoch gehandelten Kicker vom Balkan werden 4:1-besiegt und Lothar Matthäus hat seinen ersten großen Auftritt.

In der 28. Minute nimmt er mit dem Rücken zum Tor den Ball an, lässt den Gegenspieler ins Leere laufen und zieht nach einer Drehung aus 16 Metern mit links zum 1:0 ab. Der deutsche Kapitän kann beidfüßig schießen, eine Eigenschaft, die er sich unter Trainer Giovanni Trappatoni bei Inter aneignen musste.

Ein Statement für die Ewigkeit

In der 65. Minute folgt ein fußballerisches Matthäus-Statement für die Ewigkeit, eine Spielszene und ein Tor, die das Können des Antreibers formvollendet umschreibt: Noch in der eigenen Hälfte schnappt sich die deutsche Nummer zehn den Ball und zieht los. Seinen Turbo-Lauf mit Ball bis zum Strafraum der konsternierten Jugoslawen krönt er mit einem wuchtigen Hammer ins rechte untere Eck des gegnerischen Tores. Spätestens da steht fest: Lothar Matthäus kann der Superstar des Turniers werden.

Die Gruppe schließt Beckenbauers Team standesgemäß als Erster ab. Im Achtelfinale kommt es dann zum damals brisantesten Duell im Fußball-Universum: Deutschland gegen die Niederlande. Schon in der WM-Qualifikation traf man sich zum emotionalen Nachbarschaftsduell. Zwei Unentschieden waren die Folge, aber in der K.o.-Runde musste ein Sieger her.

Siege gegen die Erzrivalen

Unrühmlicher Höhepunkt in dem Duell sind die ständigen Provokationen von Frank Rijkaard Richtung Rudi Völler. Mehrmals spuckt dieser den deutschen Stürmer an und erhält zu Recht die Rote Karte. Leider muss auch Rudi Völler gehen. Warum, bleibt bis heute rätselhaft.

Im Spiel Zehn gegen Zehn spielen die charakterlichen Antipoden Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann die Holländer an die Wand. Durch Tore von Klinsi und Andreas Brehme wird der Viertelfinaleinzug mit einem 2:1-Sieg perfekt gemacht.

Nach einem unspektakulären Sieg (1:0, Strafstoß von Lothar Matthäus) über die damalige ČSFR geht es im Halbfinale gegen den nächsten Erzrivalen, England. Nach 120 Minuten steht es Unentschieden in Turin. Das Elfmeterschießen muss entscheiden. Klar, wer da die Oberhand behält. Lothar Matthäus trifft wieder vom Punkt.

Matthäus tritt freiwillig vom Punkt zurück

Als Finalgegner erwartet die Fachwelt Italien, doch der Gastgeber scheitert im Elfmeterschießen an Titelverteidiger Argentinien. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte kommt es damit zur Wiederholung eines Endspiels beim direkt darauf folgenden Turnier.

1986 in Mexiko behielten die Gauchos knapp die Oberhand. In Rom kommen sie nicht einmal zu einer Torchance. Deutschland erspielt sich eine drückende Überlegenheit, kommt aber erst in der 85. Minute zum Siegtreffer. Andreas Brehme verwandelt gegen Elfmeterkiller Sergio Goycochea. Eigentlich sollte Lothar Matthäus schießen, der muss jedoch wegen eines Stollenbruchs in der Halbzeit die Schuhe wechseln und fühlt sich in den neuen Tretern nicht sicher genug.

Er ist der dominierende Akteur dieses Turniers und stellt Rivalen Diego Maradona deutlich in den Schatten. Die deutsche Mannschaft wird später zur ersten gesamtdeutschen Mannnschaft des Jahres gewählt. Lothar Matthäus kommt die Ehre des Weltfußballers und Europas Fußballer des Jahres zuteil. Es war eben ein magischer Sommer, «un estate italiana».

mas/reu/phs/news.de
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