Bundesliga-Manager Stallgeruch statt Studium

Die Ex-Profis Fredi Bobic, Christian Nerlinger oder Bastian Reinhardt sind Manager von Bundesligaklubs. Braucht es denn keine fundierte Ausbildung, um einen Verein zu führen? Offenbar nicht. Nur drei von 18 Sportchefs haben einen BWL-Abschluss. Profierfahrung ist in der Szene wichtiger.

Nerlinger und Hoeneß (Foto)
Du, Uli, ich brauche einen Rat: Bayern-Manager Christian Nerlinger (links) und sein Vorgänger Uli Hoeneß. Bild: ddp

Fredi Bobic kann sein Glück anscheinend selbst nicht fassen. «Als der Anruf vom VfB kam», sagte Stuttgarts neuer Manager am Dienstag bei seiner Vorstellung, «habe ich mich gefreut, war aber auch überrascht.» Nach seiner Spielerkarriere war der Ex-Nationalstürmer TV-Experte, drehte Musikvideos, versuchte sich als Schauspieler und managte den unbedeutenden bulgarischen Klub Chernomorets Burgas - offenbar der direkte Weg zum Sportdirektor einer der angesehensten Vereine der Bundesliga. Weshalb die Schwaben nach der Flucht von Horst Heldt ausgerechnet Bobic als dessen Nachfolger wollten, bleibt das Geheimnis des VfB-Vorstandes.

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Ähnlich liegen die Dinge beim Hamburger SV. Die Hanseaten hatten sich auf der Suche nach einem neuen Sportdirektor jede Menge Zeit gelassen. Nach dem Zerwürfnis zwischen Vorstandsboss Bernd Hoffmann und Ex-Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer wollte der Klub nichts überstürzen. Hamburgs Aufsichtsrat fahndete in ganz Europa nach einem Nachfolger für Beiersdorfer. Bei der keineswegs hanseatisch gemütlichen, sondern vielmehr chaotischen Suche sagte der Aufsichtsrat einigen Kandidaten überstürzt ab, von anderen handelte sich das Gremium Absagen ein. In den elf Monaten nach Beiersdorfers Abgang wurden unter anderem Horst Heldt, Stefan Beinlich, Erik Meijer, Oliver Kreuzer, Roman Grill, Felix Magath, Nico-Jan Hoogma und Sergej Barbarez als neue Sportchefs gehandelt. Und das sind nur die Namen, die öffentlich bekannt wurden.

Über die Pfingstfeiertage zauberte der ins Schlingern geratene Traditionsklub neben dem neuen Trainer Armin Veh überraschend Ex-Profi und Geschäftsstellen-Praktikant Bastian Reinhardt als neuen Sportchef aus dem Hut. Reinhardt hat in Hamburg einige Jahre leidlich gut Fußball gespielt und zählt bei den Fans noch immer zu den Beliebtesten. Als Qualifikation für den Managerposten bringt er neben seiner Erfahrung als Profi allerdings nur ein Praktikum in der Geschäftsstelle der Hanseaten sowie ein paar Semester Fernstudium der Betriebswirtschaftslehre mit.

Nur drei Manager haben einen BWL-Abschluss

In den 18 Bundesligaklubs waren aktuell elf Manager beziehungsweise Sportchefs einst selbst Bundesligaspieler. Die Erfahrung, das Geschäft aus Spielerperspektive zu kennen, wird der betriebswirtschaftlichen Qualifikation vielerorts vorgezogen. Dabei vergleicht der Münsteraner Wirtschaftswissenschaftler Gerhard ScheweAutor des Fachbuches Sportmanagement - Der Profi-Fußball aus sportökonomischer Perspektive. die sportliche Führung eines Bundesligaklubs mit der Leitung eines mittelständischen Unternehmens. «Und jeder Mittelständler muss Kenntnisse in Finanzen und Controlling haben, um das Unternehmen zu führen.»

Doch in der Bundesliga haben derzeit nur Michael Meier, Manager des 1. FC Köln, und Martin Bader, Sportdirektor in Nürnberg, und Max Eberl, Sportchef in Mönchengladbach, einen betriebswirtschaftlichen Abschluss. Freiburgs Sportchef Dirk Dufner ist Jurist und der Mainzer Manager Christian Heidel Besitzer eines Autohauses.

Ex-Profi, BWL-Fachmann oder Quereinsteiger - welches Modell ist also das tragfähigste? Auf Nachfrage von news.de reagiert Franz Schäfer, Präsident des 1. FC Nürnberg verschnupft. «Herr Bader war, als er zum 1. FCN kam, vorher immerhin achteinhalb Jahre bei Hertha BSC rechte Hand von Dieter Hoeneß, und ist wohl wesentlich mehr für seine Position beim Club qualifiziert, als so manche Fußballprofis, die sich bei diversen Vereinen als ‹Manager› versuchten.»

Zukunftsmodell: Doppelspitze in der sportlichen Leitung

Ex-Profi Stefan Kuntz, Manager beim Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern, sagt hingegen: «Grundsätzlich hat ein ehemaliger Spieler meistens ein sehr gutes Auge und kann sich in die verschiedenen Situationen eines Spielers sehr gut hineinversetzen.» Dazu seien jedoch eine «gute Zusammenarbeit mit dem Finanzvorstand und gesunder Menschenverstand» hilfreich. «Generell jedoch», betont Kuntz, «sollte man sich in den wichtigen Punkten der Lizenzierung und der Finanzsituation selbst auskennen und die Auswirkungen verschiedener Entwicklungen einschätzen können.» Ihm selbst, sagt Kuntz, sei das beim Einstieg in die zweite Karriere als Funktionär nicht schwer gefallen.

Christian Nerlinger geht es ähnlich. Der Ex-Bayern-Profi studierte von 2006 bis 2008 BWL, brach das Studium aber ab, um Nachfolger von Uli Hoeneß beim Rekordmeister Bayern München zu werden. Zu seinem Amtsantritt sagte Nerlinger: «Beim FC Bayern ist learning by doing, Herzblut, Fleiß und Einstellung angesagt.» Und selbst BWL-Professor Schewe würde einem studierten Wirtschaftswissenschaftler einen früheren Profispieler vorziehen, weil der zum Beispiel viel besser wüsste, worauf es bei Vertragsverhandlungen ankommt. «Am besten ist ein Ex-Profi mit einer fundierten Ausbildung - das wäre ideal», sagt Schewe.

Weil das in der Branche jedoch selten ist, beginnen einige Klubs damit, zwei Sportdirektoren zu installieren: Einen Ex-Profi, der bestens in der Szene vernetzt ist, eigene Erfahrungen als Spieler einfließen lassen kann und für die Außendarstellung wichtig ist. Und einen sportaffinen Wirtschaftsfachmann, der in enger Abstimmung mit seinem Kollegen arbeitet, Verträge aushandelt und die Fäden im Hintergrund zieht. So wird es jedenfalls künftig beim VfB Stuttgart laufen. Neben dem in Wirtschaftsfragen unerfahrenen Bobic agiert Co-Sportdirektor Jochen Schneider im Hintergrund. Dieses Modell könnte der Entwurf der Zukunft sein. Die Ära der starken Männer à la Uli und Dieter Hoeneß an der Spitze ist im immer komplexer werdenden Profifußball ein Auslaufmodell. Wie erfolgreich und tragfähig das neue Prinzip ist, muss sich erst noch zeigen. Uli Hoeneß war über 30 Jahre bei Bayern im Amt - mal sehen, auf wie viele Jahre es Bobic und Reinhardt bringen.

phs/ivb/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • einstein
  • Kommentar 1
  • 28.07.2010 13:26

Braucht es denn keine professionelle Ausbildung um Bundeskanzler/in zu werden? Offenbar nicht. Wieviele Spitzenpolitiker haben denn eine professionelle Ausbildung für das Amt, das sie bekleiden? Nicht mal "Profierfahrung" ist in dieser Szene wichtiger.

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