«Waldi» Hartmann G'schichten aus dem Fußballstadl

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«Waldis WM-Club» ist der TV-Stammtisch der deutschen Fußballfans. Bild: www.borntobewaldi.de

Von news.de-Redakteur Oliver Roscher
Rudi Völlers Wutausbruch machte «Waldi» 2003 endgültig zum Star. Nun lädt Waldemar Hartmann regelmäßig in Waldis WM-Club. News.de verrät er Geheimes von Uli Hoeneß und warum er als Kabarettist nicht an Lothar Matthäus vorbeikommt.

Sie sind der Box-Experte in der ARD. Wie bewerten Sie die Disqualifikation von Arthur Abraham am Wochenende?

Hartmann: Für mich war das keine umstrittene Entscheidung, ganz ehrlich. Sein Gegner Andre Dirrell war mit einem Knie am Boden und dann besagt die Regel, dass du nicht mehr schlagen darfst. Arthur war, glaube ich, auch etwas beeindruckt von Dirrell. Der hat ihn schließlich das erste Mal in seiner Karriere auf den Hosenboden geschickt. Außerdem hat Arthur auch erstmalig einen schweren Cut gehabt. Insofern war der theatralische Auftritt von Dirrell zwar fragwürdig, das Ergebnis jedoch nicht.

Sie waren nicht live vor Ort in Detroit, weil Sie kein gültiges Visum erhalten haben. Wie kam das?

Hartmann: Es war so, dass ich mit den notwendigen Unterlagen beim Generalkonsulat München vorsprach, um das Visum zu erhalten. Plötzlich entgegnete der Konsul, dass er außerdem meinen Arbeitsvertrag bräuchte. Ich dachte, der scherzt, aber dem war leider nicht so. Das habe ich natürlich nicht gemacht, da die einzigen, die diesen sehen dürfen, das deutsche Finanzamt sind und vielleicht noch meine Frau. Vom Touristenvisum habe ich keinen Gebrauch gemacht, da ich die Befürchtung hatte, vielleicht vom Ring weg verhaftet zu werden.

Wie erklären Sie sich diesen Vorgang?

Hartmann: Keine Ahnung. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass die USA zum Teil Aufenthaltsgenehmigungen im Internet verlosen, mir aber kein Visum erstellen wollen. Später habe ich den Generalkonsul mal persönlich getroffen und auf meinen Fall hingewiesen. Er hat diese Maßnahme mit Richtlinien des amerikanischen Heimatschutzministeriums gerechtfertigt. Daraufhin habe ich beschlossen, nie mehr in die Staaten zu reisen, obwohl ich so meinen großen beruflichen Traum, mal die Box-Weltmeisterschaft aus dem Madison Square Garden zu moderieren, wohl abhaken kann.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren im Sportjournalismus tätig und haben sicher viele Höhepunkte erlebt. Bekommt der Ausraster von Rudi Völler 2003 trotzdem einen Ehrenplatz in Ihrer Vita?

Hartmann: Klar, Rudi war noch mal ein voller Kick, weil plötzlich die Edelfedern der FAZ oder der Süddeutschen registriert haben, dass der «Waldi» auch in Havarie-Situationen einen guten Job machen kann und eben nicht nur der Weichspüler und Duzer vom Dienst ist.

Was haben Sie denn gedacht, als Rudi Völler so richtig lospolterte?

Hartmann: Mir war schon klar, dass ich jetzt bei einem Fernsehereignis dabei bin. Ich habe das Ding dann auch am köcheln gehalten, weil ich das genießen wollte. Es durfte natürlich nicht eskalieren, aber so lange Rudi unter Dampf steht, darfst Du ihm nicht gewaltsam den Dampf abdrehen, weil das eine Riesennummer war. Das Ziel seiner Verbalattacke waren zum Glück ja auch andere, in erster Linie Gerhard Delling und Günter Netzer und all die anderen Gurus.

Wie ist denn das Verhältnis zwischen Ihnen und Rudi Völler?

Hartmann: Rudi und ich haben null Probleme. Er hat sich noch live in der Sendung für seinen Weißbier-Vorwurf entschuldigt. Später habe ich ihm mal gesagt: «Mensch Rudi, das ist das Beste, was mir passieren konnte.» Das sollte sich bewahrheiten, denn wenige Tage später hatte ich einen Werbevertrag mit einer bekannten Bierbrauerei abgeschlossen. Dem Rudi habe ich daraufhin gesagt, dass er keine Provision zu erwarten habe, aber wann immer wir uns treffen, der Deckel auf mich geht. Zwischen Rudi und mir ist also alles im Reinen, aber Gerhard Delling und Günter Netzer hatten schon ein Problem mit Rudis Auftritt, weil die ja richtig vorgeführt worden sind. Irgendwann haben die den Zwist aber auch beigelegt.

Die Arbeit mit Harald Schmidt bei den Olympischen Spielen in Turin 2006 war sicherlich auch spannend.

Hartmann: Richtig, das war toll. Das geschah in einer Zeit, als der Jugendwahn in der ARD ausbrach. Harald hat da gegengesteuert und mir beim Essen entgegnet, dass er lieber mit mir altem Hund zusammenarbeiten möchte. Und es hat ja auch gut geklappt mit uns. Die Sportler fanden Waldi und Harry richtig geil. Es gab schon fast Schwarzmarkt-Ausmaße im Olympischen Dorf, wer zu uns als Zuschauer durfte. Die Medaillengewinner waren natürlich im Studio. Und wenn es mal keine deutsche Medaillen zu bejubeln gab, haben wir beispielsweise kurzerhand den Österreicher-Tag ins Leben gerufen mit Medaillengewinnern aus Österreich. Kurioserweise hat uns das die höchsten Einschaltquoten beschert. Auch in Peking 2008 hatten Harald und ich richtig Spaß. Als die Hockey-Jungs als Goldmedaillengewinner ins Studio eingefallen sind und die ganze Zeit sangen, haben wir das einfach laufen lassen und genossen.

Ist daraus auch Waldis WM-Club entstanden?

Hartmann: Ja, und weil seit vielen Jahren versucht wird, Sport und Humor irgendwie miteinander zu verbinden. Bei Waldis WM-Club ist das erstmals wirklich gelungen. Normalerweise habe ich einen Fußball-Experten, einen Prominenten und einen Comedian am Tisch sitzen, die sich frei und emotional zu Fußballthemen äußern. Das Konzept kommt sehr gut an, weil es kein Drehbuch gibt, sondern alles intuitiv und improvisiert geschieht. Ich schaue das jeweilige Spiel mit meinen Gästen zusammen an und danach geht es direkt vor die Kamera. Den nächsten WM-Club gibt es übrigens im Anschluss an das Testspiel gegen Malta und das Bundesliga-Relegationsmatch am 13. Mai. Zu Gast sind Ex-Nationalspieler Pierre Littbarski, Moderatorin Andrea Kiewel und Matze Knop als Franz Beckenbauer. Falls es die Hertha also noch in die Relegation schafft, bin ich gut vorbereitet.

Waldis WM-Club wird uns demnach auch während der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer begleiten?

Hartmann: Nicht nur bei der WM. Die ARD hat gerade beschlossen, Waldis WM-Club bis 2012 fortzuführen. Für den Stammtisch bei der Fußball-WM haben wir uns dieses Mal eine schöne Location in München ausgesucht. Im Seehaus des Englischen Gartens gibt es eine wunderschöne Terrasse, von der wir senden werden und der Vorteil ist, dass vom Seehaus auch Public Viewing angeboten wird, so dass in guten Sommernächten die Stimmung im Publikum hervorragend sein wird. Das ist genau das richtige Ambiente für eine authentische Fußballgesprächsrunde und transportiert Emotionen.

Sie sind also nicht im Stadion?

Hartmann: Nein, das haben wir nur einmal gemacht. Anlässlich des ersten Länderspiels nach dem Selbstmord von Robert Enke hatten wir ein Studio in der Schalker Arena. Es wurde damals überlegt, die Sendung gar nicht stattfinden zu lassen, wir haben es aber dem Anlass entsprechend ernsthaft und gut hingekriegt. Anscheinend trafen wir damals den Nerv der Leute, denn über zwei Millionen Menschen haben sich die Sendung angeschaut.

Auf Seite zwei: Hoeneß verkauft Dinge, die es gar nicht gibt

Viele Generationen an Sport- und Fußballinteressierten sind mit Ihnen groß geworden. Mir sind Sie vor allem wegen der Moderation aus dem legendären DFB-Lager in Mottram Hall bei der Europameisterschaft 1996 in Erinnerung geblieben. Waren Sie jemals wieder dort?

Hartmann: (lacht) Nein, und da muss ich auch nicht mehr hin. Von dort aus konntest du das Ende der Welt sehen. Wenn du da aus dem Hotel raus kamst, gab es zwei Möglichkeiten: links durch die Schafherde oder rechts durch die Pferdeherde. Wir haben beinahe einen Lagerkoller gekriegt und immer neidvoll auf die Kollegen des ZDF geschaut, die von London aus moderierten. Jedenfalls waren wir heilfroh, als wir zum Endspiel nach London fahren konnten. Aber selbst dort sind wir am ersten Tag gleich Kollegen begegnet, die mit uns in Mottram Hall waren. Unglaublich - und das in einer Zwölf-Millionen-Metropole.

Nun betreten Sie Neuland als Kabarettist und Autor...

Hartmann: Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee. Es war unter anderem Frank Elstner, der meinte, ich hätte so tolle Anekdoten auf Lager, ich solle sie doch mal niederschreiben. Harald Schmidt stieß während der Zusammenarbeit in Peking in dasselbe Horn. Also habe ich das gemacht. Zunächst habe ich ein Bühnenprogramm entwickelt, in dem übrigens ein Bild vom sehr jungen Günter Jauch eine Rolle spielt. Dazu begleitend ist dann das Buch erschienen. Auf Vorschlag meines Kumpels Ottfried Fischer übrigens.

Haben Sie vor Ihren Auftritten Lampenfieber?

Hartmann: Da ich früher schon als Discjockey gearbeitet habe, ist die Arbeit mit dem Mikrofon für mich zum Handwerk geworden. Damals hat man als DJ noch die Platten angesagt. Beim Hörfunk hat sich dieses Talent professionalisiert. Draußen live vor Ort, da war ich richtig gut. Wann immer draußen etwas zu tun war, hieß es: Der Waldi macht's. Nur im Studio habe ich im ersten Jahr etwas geknödelt. Diese sterile Atmosphäre war nichts für mich.

Sie nehmen alte Weggefährten aus der Sportwelt aufs Korn. Gab es schon negative Reaktionen?

Hartmann: Bisher noch nicht. Nicht einmal von Lothar Matthäus, den ich ja besonders aufs Korn nehme. Aber was soll ich auch machen, der legt mir ja zweimal die Woche den Ball in den Fünfer - den muss ich ja verwandeln. Und auch Berti Vogts hat noch nichts gesagt. Warum auch? Früher hat Berti auch kein Problem damit gehabt, mich nach seinen Launen zu behandeln. Im Fußballgeschäft geht es generell eher locker zu.

Apropos Lockerheit. Was sagen Sie zum aktuellen Zwist zwischen Uli Hoeneß und Felix Magath?

Hartmann: Ach, Fußball ist Tagesgeschäft. Wenn die sich sehen, dann lachen die darüber. Die haben dem Affen Zucker gegeben und gut ist. Zwar meint der Uli seine Vorwürfe durchaus ernst, aber was meinen Sie, wenn Magath als aktueller Bayern-Trainer den Vorschlag gemacht hätte, den Rasen umzupflügen?

Was wäre wohl passiert?

Hartmann: Dann hätte der Uli die Bulldozer höchstpersönlich bestellt, um den Rasen aufgraben zu lassen. Im Fußballgeschäft sitzen alle in einem Boot. Da wird sich mal intern, mal öffentlich gestritten, aber sobald von außen ein Angriff erfolgt, steht die Wagenburg. Die einzige Abneigung, die nicht zu kitten ist, ist die zwischen Uli Hoeneß und Ex-Werder-Manager Willi Lemke.

Uli Hoeneß ist doch sicher auch Thema in Ihrem Buch?

Hartmann: Klar, Uli hat beispielsweise mal Rechte verkauft, wo es gar keine Rechte zu verkaufen gab. Die Geschichte verarbeite ich auch im Buch. Bayern hatte mal wieder die Meisterschaft gewonnen und Uli ließ es sich nicht nehmen, dem Deutschen Sportfernsehen (DSF) die Rechte an der Übertragung der Meisterfeier vom Rathausbalkon zu verkaufen. Daraufhin habe ich mir Münchens Oberbürgermeister Christian Ude geschnappt und ihn zum Rechteverkauf befragt. Der reagierte überrascht, schließlich gehöre das Rathaus samt Balkon den Bürgern der Stadt und er als Oberbürgermeister sei der Gastgeber des Deutschen Meisters, der Uli Hoeneß hätte da mal gar keine Rechte, die er veräußern könne. Damit konfrontierte ich FCB-Pressesprecher Markus Hörwick, der mich zum Stillschweigen ermahnte. Das sind Geschichten zum Schmunzeln aus meinem Buch, die ich dann humorvoll aufbereite, nach dem Motto. «Der Hoeneß verkauft dem Papst auch ein Doppelbett.» Das ist nicht bösartig, aber zeichnet auch ein Bild über Ulis Geschäftstüchtigkeit.

Wusste Uli Hoeneß, dass er die Rechte am Rathausbalkon gar nicht hatte?

Hartmann: Uli weiß, wo er Rechte dran hat und wo nicht. Am Rathausbalkon jedenfalls nicht.

Können sie als Sportjournalist eigentlich noch Fan sein?

Hartmann: Nein, sicherlich nicht. Das Geschäft raubt dir einige Illusionen. Wenn du die Leidenschaft für einen Verein mit zur Arbeit nimmst, dann verlierst du entweder die Leidenschaft oder machst die Arbeit schlechter. Aber wenn ich eine Reihenfolge nach Sympathie aufstellen müsste, dann käme erst der 1. FC Nürnberg und dann der FC Bayern. Wahrscheinlich halten mich aber alle für einen Bayern-Fan, weil ich immer bei den Meisterfeiern auf dem Rathausbalkon zu sehen bin.

 

Waldemar Hartmann (62) ist seit über 30 Jahren im Sportjournalismus tätig. Als Fußball-, Wintersport- und Box-Experte hat er sich einen Namen gemacht. Seine lockere Art kommt bei den Zuschauern gut an. Seit 2006 moderiert er seine eigene Sendung Waldis WM-Club im Anschluss an die Länderspiele. Inzwischen hat er seinen Anekdoten-Fundus als Kabarettist auf der Bühne mit dem Programm Born to be Waldi - 30 Jahre in der Anstalt verarbeitet. Ein Begleitbuch ist ebenfalls erschienen: Born to be Waldi - Live aus dem Studio des Lebens (Heyne-Verlag, 8,95 Euro).

mas/ivb/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • wm
  • Kommentar 1
  • 30.03.2010 14:27

Gell, Oliver Roscher, deutsches Sprak, schweres Sprak; wann wars Du letzte Mal in Kaberett?

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