Von news.de-Redakteur Philip Seiler - 05.03.2010, 17.27 Uhr

Kletter-Boom: Ab in die Vertikale

In 15 Jahren hat sich die Zahl der Sportkletterer vervierfacht. Die Kletterhallen platzen aus allen Nähten, der Alpenverein bricht Mitgliederrekorde. Vor allem immer mehr junge Leute entdecken die Sportart, die aber auch Schattenseiten hat.

Als Sportkletterer sollte man schwindelfrei sein. Bild: istockphoto

München, Thalkirchner Straße 207. Hier steht die größte Kletterhalle Europas. Doch wer das riesige Gebäude betritt, muss meist nach einem freien Platz an der Wand suchen. Trotz einer Kletterfläche von 4500 Quadratmetern platzt die Halle förmlich aus allen Nähten. «Am Nachmittag und Abend muss man bei uns Schlange stehen. Freie Routen gibt es dann nicht», sagt der stellvertretende Betriebsleiter Peter Zeidelhack. 170.000 Leute kommen pro Jahr hierher. Ein neuer Anbau muss her. In den nächsten Wochen sollen die Bauarbeiten beginnen und Ende des Jahres der Neubau eröffnet werden. Mit 7000 Quadratmetern Kletterfläche würde man zur größten Kletterhalle der Welt aufsteigen.

Ein ähnliches Bild wie in München findet man auch in der Hauptstadt und im Rest der Republik. Die Sportart erlebt seit Jahren auch hier einen unglaublichen Hype. «Wir haben in Berlin nur zwei große Hallen. Die sind im Winter rappelvoll. In den wärmeren Monaten haben wir ein Dutzend Outdooranlagen, auch die sind dann restlos überfüllt», sagt Bernd Schröder vom Deutschen Alpenverein (DAV) Berlin. Sogar im flachen Norden zieht es die Menschen in die Vertikale. In Hamburg wurde das DAV-Kletterzentrum 2006 ausgebaut, nun wird sogar ein neues Zentrum mit 6000 Quatratmetern Kletterfläche im Stadtteil Wilhelmsburg gebaut.

FOTOS: Klettern in Deutschland Beliebte Klettergebiete
zurück Weiter Frankenjura (Foto) Foto: flickr/ jens_hausherr Kamera

350.000 Sportkletterer in Deutschland

Klettern boomt und ist längst vom Trendsport zum Breitensport aufgestiegen. «In 15 Jahren ist die Szene mehr oder weniger explodiert. Plötzlich hat jeder im Freundeskreis jemanden, der klettert und sagt: geh doch auch mal mit. Das hat eine gewisse Eigendynamik entwickelt», sagt Thomas Bucher vom DAV. Europaweit gibt es es mittlerweile über zwei Millionen Sportkletterer, allein in Deutschland sind es 350.000. Mitte der 90er Jahre lag die Zahl noch bei rund 70.000.

Mit verantwortlich für den Trend sind die zahlreichen Kletterhallen, die in den letzten Jahren fast aus dem Boden gestampft wurden. Und es sind vor allem junge Menschen und Großstädter zwischen 25 und 35, die den Sport für sich entdeckt haben. Viele gehen heute nach der Arbeit nicht mehr ins Fitnessstudio, sondern abends mal eben ein paar Stunden zum Klettern in die Halle.

«Früher großer Aufwand und hohes Risiko»

«Früher galt Klettern eher als Abenteuersportart, die mit sehr großem Aufwand und einigem Risiko verbunden war. Durch die Hallen ist es plötzlich in einem geschützten Raum möglich», sagt Bucher. Das Unfallrisiko in der Halle ist tatsächlich vergleichsweise gering. 2008 und 2009 gab es jeweils einen tödlichen Unfall in deutschen Kletterhallen.

350 DAV-Kletterhallen gibt es mittlerweile in Deutschland, hinzu kommen noch zahlreiche kommerzielle Hallen. Fast alle Regionen und Großstädte wurden bereits erschlossen. Der DAV hat von dieser Entwicklung besonders profitiert. Innerhalb von 30 Jahren hat sich der Mitgliederstand mehr als verdoppelt. Zählte man 1980 noch 398.000 Mitglieder, so waren es im Januar diesen Jahres bereits 851.000. Besonders stark war der Anstieg in den letzten zehn Jahren. Seit 2000 traten 219.000 Deutsche bei. Und ausgerechnet im Krisenjahr 2009 verzeichnete man mit 37.000 neuen Mitgliedern den höchsten Zuwachs überhaupt.

Profit für Outdoorbranche und Regionen

«Wir sind wahre Krisengewinner. Auch während der Krise von 2001 bis 2003 hatten wir ein starkes Wachstum», sagt Bucher. Die Frage nach dem warum, erklärt er sich ganz einfach: «Wir versuchen das so nachzuvollziehen, dass Bergurlaub tendenziell günstiger als sonstiger Urlaub gilt. Viele verzichten dann eher auf Fernreisen und machen dann Urlaube zu Hause oder in den Alpen.» Davon profitieren wiederum ganze Tourismusregionen. Und auch die gesamte Outdoorbranche und Sportartikelhersteller verdienen sich eine goldene Nase. So verzeichnete die Outdoormesse in Friedrichshafen während der Wirtschaftskrise 2009 mit 810 Ausstellern eine neue Bestmarke.

Die Stimmung bei den privaten Betreibern von Kletterhallen ist dagegen nicht ganz so gut. Sie fühlen sich gegenüber dem Alpenverein benachteiligt. «Anders als wir muss der Verein wegen seiner Gemeinnützigkeit keine Gewerbe- und Körperschaftssteuer zahlen und erhält trotzdem Zuschüsse von Kommunen», kritisiert Norbert Kunz, der Vorsitzende des Kletterhallenverbandes.

Die private Kletterhalle Heavens Gate in München ist zwar «an der Kapazitätsgrenze». Geschäftsführer Andreas Feile sieht es aber ähnlich: «Die Kletterhallen des DAV sind genauso kommerziell. Durch die Förderung unterstützen wir mit unseren Steuergeldern sozusagen die Konkurrenz.» Den Vorwurf müsse man in dem Fall dem Freistaat Bayern machen. «Natürlich haben wir gegenüber den kommerziellen Hallen einen Vorteil. Es gibt Regionen, da gibt es gar keine privaten Hallen. Für private Investoren lohnt sich das sowieso nur in Ballungszentren», sagt Bucher vom DAV.

Schattenseite Naturzerstörung

Der Kletter-Boom hat aber auch Schattenseiten. Die Eingriffe in die Natur nehmen immer mehr zu. «Die Wildnis darf nicht zum Abenteuerland verkommen», sagte deutsche Spitzenkletterer Stefan Glowacz der Frankfurter Allgemeinen-Zeitung. Er protestiert gegen den Ausverkauf der Berge. Am Osterfelderkopf bei Gramisch-Partenkirchen soll beispielsweise ein sogenannter Skywalk entstehen, von dem die Bergfreunde einen tollen Ausblick genießen sollen. In ganz Deutschland werden ständig neue Klettergebiete erschlossen.

«Natürlich ist es so, dass die meisten Kletterer irgendwann mal draußen klettern wollen. Das heißt, dass die Berge immer höher frequentiert werden. Diese Entwicklung befördern auch wir. Aber wir sind nicht nur ein Naturschutzverband, sondern auch ein Sportverband. Und wir denken, dass eine Sportausübung in der Natur immer sinnvoller ist als wenn die Leute mit der Natur gar nichts zu tun haben», sagt Bucher.

Viele Sportkletterer haben unterdessen noch ein ganz anderes Ziel. Sie wollen, dass ihre Sportart olympisch wird. In zehn Jahren könnte dieser Traum bereits in Erfüllung gehen. Im Dezember 2009 wurde der Internationale Verband der Sportkletterer (IFSC) offiziell vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannt. Damit ist es dem IFSC nun möglich, an IOC-Veranstaltungen teilzunehmen und sich um die Olympia-Aufnahme zu bewerben.

oro/news.de

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