«Am Nachwuchs hapert es»
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Philip Seiler
Artikel vom 03.03.2010
Platz elf und 20 Gegentore in vier Spielen. So schlecht schnitt das deutsche Eishockeyteam bei Olympia noch nie ab. DEB-Präsident Uwe Harnos spricht bei news.de über Vancouver, das geringe Interesse in Deutschland, die Nachwuchsarbeit und die Heim-WM (7. bis 23. Mai).
Herr Harnos, wie und wo haben Sie das Eishockeyfinale zwischen Kanada und der USA bei Olympia erlebt?
Uwe Harnos: Das Finale habe ich zu Hause im Fernsehen gesehen. Das war natürlich aller erste Sahne. Unglaublich schnell, unglaublich körperintensiv. Es war wie Eishockey vom anderen Stern.
Kann man sagen, dieses Spiel war um drei Klassen besser als die Spiele hierzulande in der Deutschen Eishockey Liga (DEL)?
Harnos: Ob da nun zwei oder drei Klassen dazwischenliegen, es ist auf jeden Fall eine andere Welt. Das hat man ganz deutlich gesehen und ich denke, dass sich die US-Amerikaner und die Kanadier auch noch mal deutlich von den anderen Top-Teams abgehoben haben.
Deutschland hat in Vancouver alle vier Spiele verloren und wurde nur Elfter. So schlecht schnitt man bei Olympia noch nie ab. Wie erklären Sie sich das schwache Auftreten?
Harnos: Ich denke, dass es das Eishockeyturnier mit der besten Besetzung seit langem oder sogar jemals war. Dann muss man einfach realisieren, dass es zu den ersten acht Mannschaften eine große Lücke gibt und wir eben nicht zu diesen Teams dazugehören. Man hat sich zwar gegen die Schweden gut verkauft, aber versäumt das eigene Tor zu machen und dann knapp verloren. Aber das war ein Tag, an dem alles funktioniert hat. Da hat es im Angriff und in der Abwehr gestimmt und der Torwart hat glänzend gehalten. Die anderen Spiele waren dann wieder Normalität. Auf Augenhöhe ist man vielleicht mit Weißrussland. Das Spiel kann man gewinnen, wenn alles stimmt. Aber an dem Tag hat eben nicht alles gestimmt.
Ist das nicht auch eine Einstellungsfrage? Ex-Kapitän Stefan Ustorf hat beispielsweise kritisiert, dass man sich schon vor dem Spiel klein macht und in die Außenseiterrolle drängt.
Harnos: Ich glaube, gegen Weißrussland hat man sich nicht klein gemacht. Ich denke auch, dass die Einstellung gestimmt hat. Man hat deutlich gesehen, dass jeder, der auf dem Eis stand und auf der Bank saß, gewinnen wollte. Man muss sich natürlich immer Ziele setzen, um sich zu motivieren. Aber die Ziele sollten eben auch realistisch sein. Natürlich hatte die Mannschaft vor, gegen Weißrussland zu gewinnen, aber dieses Ziel wurde eben verfehlt.
Muss man nach dem enttäuschenden Abschneiden nicht auch den Trainer in Frage stellen?
Harnos: Schlussendlich stehen die Spieler auf dem Eis. Und ich denke nicht, dass es ein Problem des Trainers, der Motivation oder der Zielvorgabe gibt. Das Gefüge und die Stimmung in der Mannschaft haben gestimmt.
Das heißt, Uwe Krupp wird die deutsche Mannschaft auch bei der Heim-WM im Mai definitiv trainieren?
Harnos: Davon gehen wir aus. Es hat bisher keine anderen Gedankenspiele gegeben. Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) hat auch nicht mit anderen Trainern gesprochen.
Trotzdem steht die WM schon in neun Wochen vor der Tür. Wie will man bis dahin die Kurve kriegen, so dass man am Ende nicht in die Zweitklassigkeit absteigt?
Harnos: Man muss sich natürlich ein Ziel setzen. Man kann nicht sagen, jetzt schauen wir mal, was passiert. Das Ziel muss sein, bereits in der Gruppenphase Spiele zu gewinnen und in die Zwischenrunde einzuziehen, damit man sich erst gar nicht über den Abstieg Gedanken machen muss. Viel werden wir in den nächsten zwei Monaten nicht verändern können. Wenn man immer so spielen würde wie gegen die Schweden, dann könnte man auch die Mannschaften schlagen, mit denen man auf Augenhöhe ist.
Wie ist denn aktuell die Nachfrage für die WM?
Harnos: Wir sind im Moment bei 330.000 Zuschauern. Wir wollen 400.000 bis 450.000 erreichen. Da sind wir auf einem guten Weg. Im Vergleich zu vorherigen Weltmeisterschaften liegen wir gut im Rennen.
Dennoch: In Vancouver hätte man für das Finale 30 Mal so viele Karten verkaufen können. Warum ist die Begeisterung in Deutschland für die Sportart Eishockey vergleichsweise niedrig?
Harnos: Da hinken wir natürlich hinterher. In Kanada ist Eishockey aber Volkssport, da hat die Sportart einen ähnlichen Stellenwert wie bei uns der Fußball. Die Kanadier betonen immer wieder: «Hockey is our game». Die sprechen gar nicht vom Eishockey, sondern vom Hockey. Man könnte fast sagen, die Kinder kommen dort mit Schlittschuhen auf die Welt. An jeder Ecke spielt irgendjemand Eishockey. Ich bin zum Beispiel mit der Seilbahn auf den Grouse Mountain bei Vancouver hochgefahren. Und oben auf der Seilbahnplattform haben fünf- bis sechsjährige Kinder morgens in Nationaltrikots die Olympiabegegnungen nachgespielt. Das war unglaublich.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren