So., 12.02.12

RB Leipzig Angriff der Bullen

Von news.de-Redakteur Oliver Roscher

Artikel vom 25.02.2010

Im Osten der Republik tut sich was: Mit einem neuen Konzept will RasenBallsport Leipzig die Ligen von hinten aufrollen. Red Bull soll es richten. Verrat am Fußball oder visionäres Konzept für die Ostklubs? News.de spricht mit Ex-Nationalspieler und RB-Leipzig-Kapitän Ingo Hertzsch.

Herr Hertzsch, Sie sind ehemaliger Nationalspieler und haben lange bei Top-Klubs in der Bundesliga gespielt. Was haben Sie gedacht, als Sie das erste Mal für RasenBallsport Leipzig auf dem Platz standen?

Hertzsch: Am Anfang hat man schon gemerkt, dass das nicht so einfach wird. Es braucht halt seine Zeit, bis sich alles findet. Ich bin aber einer, der gerne mit anpackt. Von daher ist es auch kein Problem für mich vor wenigen Zuschauern zu spielen. In meiner Karriere habe ich oft genug vor großem Publikum gespielt.

Wie groß ist denn der Unterschied zwischen der ersten und fünften Liga? Unterklassig geht es doch sicher rustikaler zur Sache.

Hertzsch: Da ist schon ein riesiger Qualitätsunterschied zur ersten oder zweiten Liga. Wenn ein Spieler in der Bundesliga angespielt wird, hat man als Abwehrspieler kaum die Chance an den Ball zu kommen. Da bleibt eigentlich nur das Abschirmen. In der Oberliga dagegen ist es einfacher den Ball zu erobern, weil technische Fehler häufiger vorkommen, was aber auch normal ist, denn es ist ja Oberliga und nicht Bundesliga.

Wie treten denn die Gegenspieler Ihnen gegenüber auf? Gibt es Spieler, die sich besonders beweisen wollen?

Hertzsch: Persönlich ist mir das noch nicht aufgefallen, aber viele Teams wollen uns natürlich gerne ein Bein stellen, das ist ja ganz klar. Wir sind aber auf einem guten Weg, dass uns das nicht mehr stört.

Gibt es bei RB Leipzig eigentlich einen «Aufstiegsplan»?

Hertzsch: Nein, wir denken nur von Spiel zu Spiel. Wir wollen natürlich jedes Spiel gewinnen und dann steigen wir auch auf. Das liegt nur an uns, wie schnell es weitergeht.

Mit Timo Rost hat ein weiterer namhafter Spieler bei RB Leipzig unterschrieben. Was halten Sie von seiner Verpflichtung?

Hertzsch: Ein Mann seiner Klasse hilft uns natürlich enorm weiter. Man merkt zwar, dass er ein halbes Jahr verletzt war und noch seinen Rhythmus braucht, aber Fortschritte sind von Tag zu Tag zu beobachten.

Wie bewerten Sie das Gesamtkonzept Ihres Vereins mit einem starken Finanzinvestor im Hintergrund? Fürchten Sie nicht, das Stigma des Retortenklubs nicht mehr loswerden zu können?

Hertzsch: Heutzutage geht es ohne einen ordentlichen Geldgeber im Hintergrund doch gar nicht. Schon gar nicht im Osten, der ja nach wie vor wirtschaftlich nicht so gut aufgstellt ist.

Das Modell RB Leipzig sehen Sie demnach als Modell für Ost-Klubs, sich langfristig in der Bundesliga zu etablieren?

Hertzsch: Ja, natürlich. Die Vereine hier haben es alle schwer und RB Leipzig ist eine Riesenchance für den gesamten Osten, vor allem aber für die Region Sachsen endlich mal wieder auf der Fußball-Landkarte einen Platz zu finden. Ein Ost-Klub in der Bundesliga, der sich langfristig dort etablieren kann, lockt dann natürlich auch die Talente an. Talentierte Spieler aus ganz Sachsen, Chemnitz, Dresden usw. müssen nicht erst in den Westen gehen, um sich weiterentwickeln zu können.

Sie sind zur Zeit Tabellenführer. Bei einem Aufstieg steht ein Umzug vom beschaulichen Markranstädt ins große Leipziger Zentralstadion an. Fürchten Sie nicht, dort vor einer Geisterkulisse spielen zu müssen?

Hertzsch: Das liegt an uns. Wenn wir erfolgreich spielen, werden schon ein paar Zuschauer kommen. Ich glaube auch, dass die Leipziger heiß sind auf hochklassigen Fußball. Da wird schon der ein oder andere den Weg ins Stadion finden. Gerade Spiele wie gegen Magdeburg oder Chemnitz locken die Zuschauer an. Je schneller wir die vierte Liga überbrücken, umso voller wird es werden. Mit zunehmenden Zuschauerinteresse wird es natürlich auch angenehmer.

Ihr Vertrag läuft noch bis 2011. Denken Sie daran, ihre Karriere danach fortzusetzen?

Hertzsch: In anderthalb Jahren wird man sehen, wie es weitergeht. Wenn mein Körper hält, möchte ich natürlich weiter Fußball spielen, wenn möglich bei RB Leipzig.

Wir dürfen uns also auf ein Wiedersehen mit Ihnen in der Bundesliga freuen?

Hertzsch: Solange mein Körper mitmacht (lacht). Dafür müsste es natürlich optimal laufen, aber soweit denke ich gar nicht. Ich denke nur von Jahr zu Jahr und das Wichtigste ist jetzt, dass wir aus der fünften Liga rauskommen. Das würde uns dann auch von der Spielweise her etwas entgegenkommen, da sich die Gegner dann nicht ausschließlich hinten reinstellen, sonder auch mitspielen.

Der neue starke Mann im Verein heißt Dietmar Beiersdorfer. Was versprechen Sie sich von einer solchen Persönlichkeit?

Hertzsch: Das wird der ganzen Sache noch einmal einen ordentlichen Schub geben. Er hat beim HSV exzellente Arbeit geleistet. Ich denke, dass der HSV ohne die Arbeit Beiersdorfers in den letzten Jahren aktuell nicht so gut dastehen würde. Er weiß, worum es geht, welche Strukturen errichtet werden müssen. Gerade für einen neuen Verein wie RB Leipzig ist es wichtig, so früh wie möglich professionell aufgestellt zu sein. Umso besser läuft es dann im gesamten Klub, wenn es sportlich aufwärts geht.

Sie können auf eine lange Karriere als Fußballprofi zurückblicken. Was würden Sie als ihre Höhepunkte bezeichnen?

Hertzsch: Die Spiele in der Nationalmannschaft natürlich. Für mich war es das Größte, für mein Land auflaufen zu dürfen.

Hat man Ihnen damals mitgeteilt, warum Sie plötzlich nicht mehr für die Nationalelf nominiert wurden?

Hertzsch: Nein, aber mir war klar, dass ich aus Leistungsgründen nicht mehr nominiert wurde. Ich bin irgendwann in ein Leistungsloch gefallen und nicht mehr richtig rausgekommen. Ein bisschen Pech kam auch dazu, weil bei meinem damaligen Wechsel nach Leverkusen die Konkurrenten für meine Position Lucio, Nowotny und Juan allesamt dageblieben sind. Da wurde es sehr schwer und dann hat das ganze eine Eigendynamik angenommen, sodass es am Ende für ganz oben nicht mehr gereicht hat. Traurig, das es nicht für mehr gelangt hat, aber ich bereue keinen einzigen Schritt in meiner Karriere.

Welche Vereinsstation war denn die wichtigste und prägenste?

Hertzsch: Beim HSV habe ich meine schönste Zeit verbracht. Ich habe nach wie vor die Raute in meinem Herzen. Fünfeinhalb Jahre war ich dort. Dasi ist schon eine lange Zeit und das prägt natürlich. Dort begann meine Bundesliga-Karriere, habe Champions League gespielt und bin Nationalspieler geworden. Auch privat verbinde ich nur Gutes mit Hamburg. Ich habe dort meine Frau kennengelernt und mein Sohn ist dort geboren. Nur meine Tochter ist Teufelin, sie ist in Kaiserslautern zur Welt gekommen.

 

Ingo Hertzsch spielte einst beim Chemnitzer FC mit Michael Ballack zusammen, bevor er 1997 zum Hamburger Sport-Verein wechselte. Für den HSV war der heute 32-jährige Abwehrspieler bis 2003 im Einsatz und erlebte dort die erfolgreichste Zeit seiner Karriere. Mit den Hanseaten spielte er in der Champions League und reifte zum Nationalspieler (Zwei Länderspiele). Nach weiteren Stationen in Leverkusen, Frankfurt, Kaiserslautern und Augsburg wechselte Ingo Hertzsch 2009 zum neu gegründeten Verein RasenBallsport Leipzig. Der ambitionierte Fünftligist will langfristig im Profibereich Fuß fassen.

kru/news.de
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