Gold-Trainer Glass Tatjanas Erfolgsrezept

Auf dem Weg zurück ins Mannschaftshotel erklärt Bernhard Glass bei news.de, wie Tatjana Hüfner in der schnellen und gefährlichen Rodel-Bahn von Whistler zu Gold raste. Es geht aber auch um die Konsequenzen nach dem Unfalltod des georgischen Sportlers.

Tatjana Hüfner (Foto)
Holte die zweite Gold-Medaille für die deutschen Rodler: Tatjana Hüfner. Bild: dpa

Herr Glass, ich hoffe, Sie haben die Goldmedaille gebührend gefeiert.

Bernhard Glass: Naja, ein bisschen. Das Problem dabei ist, dass morgen auch wieder Wettkämpfe stattfinden. Und wenn du heute feierst, dann fühlen sich die anderen Athleten vielleicht ein klein wenig benachteiligt.

Haben Sie denn wenigstens Ihrer Olympiasiegerin Tatjana Hüfner eine kleine Feier genehmigt?

Glass: Natürlich, ich weiß auch gar nicht, wo sie gerade ist. Aber das ist doch das normale Geschehen: Jeder möchte jetzt gern mit der Olympiasiegerin feiern.

Wodurch zeichnet sich Tatjana Hüfner aus?

Glass: Durch ihre Zielstrebigkeit und Konsequenz. Und sie ist sehr akribisch und ehrgeizig - vor allen Dingen ehrgeizig, gepaart mit dem Talent, das man eben fürs Rodeln braucht.

Warum haben gerade die Deutschen diese Dominanz im Rodeln?

Glass: Nun, ich glaube, das liegt daran, dass wir eine gesunde Konkurrenz im Team haben. Wir haben viele junge, starke Damen, die nach oben streben. Die Sportlerin, die sich im eigenen Lager durchsetzt, weiß, dass sie auch in der Weltspitze dabei ist.

Welche Rolle spielt das Material? Auch was Schlittenkonstruktion und optimale Kufenpräparierung betrifft, sind Sie immer ganz vorn dabei.

Glass: Da gibt es auch andere Nationen. Aber wir versuchen, jedes Jahr etwas Neues zu finden und zu verbessern. Das sind kleine Schritte, aber dadurch kommen wir voran und versuchen, der Konkurrenz vielleicht ein Quäntchen voraus zu sein.

Können Sie auch Laien erklären, was das Besondere an Tatjana Hüfners Gold-Schlitten ist?

Glass: Das würde jetzt zu sehr ins Detail gehen. Ich glaube nicht, dass das so prägnant ist. Für unsere Details haben die meisten Menschen kein Verständnis. Das hebt sich schon ab vom normalen Schlittenfahren.

Nach dem tragischen Unfalltod auf der Bahn in Whistler wurde der Start verkürzt. Hatte Tatjana Hüfner damit Probleme?

Glass: Die Probleme hatten alle. Da kommen wir wieder auf das Thema Schlitten zurück. Man muss sehen, dass man die Anfahrt so gestaltet, dass man nicht so viel Zeit verliert und für den Rest der Strecke die Chance hat, weiter vorn dabei zu sein. Im ersten Lauf war Tatjana etwas verhalten, da war sie sich noch nicht sicher. Damit ist dieser leichte Rückstand nach dem ersten Rennen zu erklären. Aber nachdem sie im ersten Lauf gemerkt hat, dass es geht, hat sie in den anderen drei Durchgängen gut zugelegt und dann hat sich dieser Sieg ergeben.

Finden Sie es richtig, dass nach dem Tod des jungen Georgiers der Anlauf aus Sicherheitsgründen verkürzt wurde?

Glass: Das zu beurteilen, ist schwierig. Dafür gibt es ein Renngericht, eine Jury. Sicherlich hat diejenige gewonnen, die am wenigsten mit der Problematik der verkürzten Strecke gehadert hat, die das als gegeben hingenommen und versucht hat, aus dieser Situation für sich den größten Nutzen zu ziehen.

Wie haben Sie ihre Athletinnen bei der Bewältigung des Schreckens und der Trauer begleitet?

Glass: Diese Situation war für jeden sehr bedauerlich und sehr kritisch. Jeder von uns war sich bewusst, dass diese Bahn die schnellste ist, die wir bisher erlebt haben. Doch unsere Leute waren hundertprozentig darauf vorbereitet. Das ist eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass man eine solche Strecke gut bewältigen kann. In dem Moment, in dem dieser tragische Unfall passiert ist, haben wir die Sportler zusammengenommen und mit ihnen geredet. Darüber, wie wir alle mit dem Unglück umgehen und auch darüber, wie wir die neue Situation sportlich gestalten. Man muss es so klar sagen: Das Rennen geht weiter, trotz dieses Unglücks.

Zum Abschluss: Sie waren 1980 selbst Olympiasieger und haben Silke Kraushaar 1998 zum Olympiasieg geführt. Welchen Stellenwert hat die aktuelle Goldmedaille in Ihrer Sammlung?

Glass: Wir sammeln kein Gold, sondern wir arbeiten jeden Tag daran, dass wir gut sind. Aber für mich ist eine Medaille, besonders eine goldene, immer eine Genugtuung für die Arbeit, die man geleistet hat. Das ist ja nicht in Stunden und Minuten aufzurechnen, das ist mehr eine Berufung. Gold ist der Lohn für die Arbeit, die Athlet und Trainer investiert haben.

 

Bernhard Glass (52) gewann 1980 in Lake Placid für die DDR die Goldmedaille im Einsitzer und holte 18 Jahre später in Nagano als Trainer von Silke Kraushaar wieder Gold. In der vergangenen Nacht wurde seine derzeitige Top-Athletin Tatjana Hüfner Olympiasiegerin. Glass arbeitet seit 1995 als Trainer im Stützpunkt Oberhof.

/ivb/news.de

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