Mit 73 Jahren Sie ist Deutschlands größter Olympia-Fan!

Hannelore Paepcke (Foto)
Hannelore Paepcke und ihr «Olympiahut». Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Mara Schneider
Ob Toni Sailer oder Jesse Owens, sie hat sie alle getroffen. Als Zuschauerin hat Hannelore Paepcke seit 1956 nur zwei Olympische Spiele verpasst. News.de traf die 73-Jährige vor ihrer Abreise nach Vancouver.

Es ist elf Uhr morgens. Hannelore Paepcke kommt gerade vom Frühstück. Es war eine kurze Nacht für die Seniorin, nur sechs Stunden hat sie geschlafen. «Eigentlich brauche ich acht, um richtig fit zu sein. Aber das habe ich seit November nicht mehr geschafft», sagt sie. Die 73-Jährige leidet an akutem Reisefieber. In wenigen Stunden geht ihr Flieger nach Kanada - zu den Olympischen Spielen. Es sind die 27., die Paepcke von der Zuschauertribüne aus verfolgen wird. «Ich bin mit Olympia verheiratet», stellt sie mit einem augenzwinkernden Lächeln fest.

Vieles im Leben der Rentnerin dreht sich um die fünf Ringe. «Schon als kleines Kind habe ich über Olympia-Bildbänden gesessen», erzählt die in Hinterpommern geborene Deutsche. Ihr bewegtes Leben schien ihr bereits in die Wiege gelegt - denn Paepcke kam 1936 zur Welt. In dem Jahr fanden auf deutschem Boden sowohl die Winter- (Garmisch-Partenkirchen) als auch die Sommerspiele (Berlin) statt. Mehr als nur ein Zeichen.

Ein Leben für Olympia
Autogramme von Sailer & Co.
Autogramme (Foto) Zur Fotostrecke

«Sind Sie eine Athletin?»

1956 war es dann soweit. Im Alter von 19 Jahren beschloss die begeisterte Wintersportlerin, zu den Olympischen Winterspielen ins italienische Cortina d'Ampezzo zu fahren. Acht Monate lang sparte sie eisern. Von den 75 Mark, die sie im dritten Lehrjahr während der Ausbildung zur Buchhändlerin monatlich verdiente, ging jeder Pfennig in die Spardose, um sich den großen Traum zu erfüllen.

«Und es war großartig», erinnert sich Hannelore Paepcke. In dem Jahr feierte ihr Idol einen Siegeszug sondergleichen: Abfahrtsläufer Toni Sailer, der «Schwarze Blitz aus Kitz», fuhr der Konkurrenz auf und davon, holte drei Goldmedaillen. «Im Wintersport war er der Allergrößte», sagt sie und zeigt stolz auf das Autogramm, dass der Österreicher ihr wenige Jahre später gab. «Ich habe geweint, als er im vergangenen Jahr gestorben ist», sagt sie mit leiser Stimme und wischt sich verstohlen die Augen.

In dem kleinen Büchlein, dass die Rentnerin stets auf Reisen mit sich trägt, finden sich neben der Unterschrift Sailers auch Autogramme von Stars wie Eisschnellläuferin Gunda Nieman-Stirnemann oder dem früheren Eiskunstläufer und Olympia-Moderator Rudi Cerne. Paepcke hat sie alle getroffen. Mit Bob Mathias, Zehnkämpfer und zweimaliger Olympiasieger (1948/'52), saß sie einst im Flugzeug. «Ich hatte damals ein Tuch um den Hals von den Spielen 1960 in Rom und er hat mich gefragt, ob ich dort als Athletin war. Ich habe gesagt ‹Nein, und Sie?› Ich hatte keine Ahnung, wer er war», erinnert sie sich und lacht.

Für Melbourne und Squaw Valley reichte das Geld nicht

Dass sie von Olympia nie genug bekommen würde, dass wusste Hannelore Paepcke schon damals. «Ich bin von den Winterspielen in Cortina so begeistert gewesen, dass ich mir als nächstes unbedingt auch die Sommerspiele anschauen wollte», erzählt sie. Prompt saß sie 1960 im Flieger nach Rom. Nur zwei Olympische Spiele hat sie seitdem verpasst. Für die Sommerspiele 1956 im australischen Melbourne reichte das Geld nicht.

Und auch Squaw Valley (USA), Austragungsort der Winterspiele 1960 - bis einschließlich 1992 fanden Sommer- und Winterspiele noch im selben Jahr statt - war zu weit weg. «Da bin ich dann jede Nacht zu meinem Schwager gegangen und habe mir die Wettkämpfe im Fernsehen angeschaut. Dann habe ich zwei Stunden geschlafen und musste morgens wieder auf Arbeit. So verrückt war ich», erinnert sie sich.

Seite 2: «Ich bereue fast nichts»

Dann wird es Zeit zum Aufbruch. Der Flieger ruft. Auf dem Weg zum Flughafen steigt bei Hannelore Paepcke die Anspannung. Was darf gleich noch mal alles in den Koffer rein? Kommt der Zug pünktlich? Habe ich nichts vergessen? Auch vor ihren 27. Olympischen Spielen plagt die Seniorin noch das Reisefieber.

Um sich abzulenken, schwelgt sie in Erinnerungen. Berichtet, wie sie 1968 Jesse Owens in einem Hotel in Mexiko Stadt begegnet ist. «Sein Autogramm ist das schönste von allen» schwärmt sie. «My sincere greetings to a very lovely person» - meine herzlichsten Grüße an einen wunderbaren Menschen - schrieb er in Paepckes kleines Büchlein.

Bereut hat sie es bis heute nicht, dass die fünf Ringe ihr Leben bestimmen. Nur eines würde sie wohl anders machen, wenn sie könnte. «Bei den Spielen in Sarajevo haben wir an einem Abend den 18. Geburtstag einer Freundin gefeiert. Das ging so lange, dass ich am nächsten Tag die Goldmedaille von Peter Angerer verschlafen habe. Das verzeihe ich mir heute noch nicht», sagt sie verärgert, fügt dann aber mit einem Lächeln hinzu: «Aber als er einen Tag später Silber geholt hat, da war ich wieder bei.»

50 Jahre nach Cortina: Küsschen von Toni Sailer

Einen ihrer schönsten Momente erlebte Paepcke 2006 in Turin. Mittlerweile waren auch die Medien auf die Olympia-Reisende aufmerksam geworden und die ARD lud sie ein zu Harry und Waldi, der Late-Night-Show während der Spiele. Dort begegnete sie noch einmal ihrem großen Idol Toni Sailer.

«Er war ganz gerührt, dass da jemand sitzt, der noch ‹seine› Spiele erlebt hatte», erinnert sie sich. «Dann ist er aufgestanden und hat mir links und rechts ein Küsschen auf die Wange gedrückt. Das ging alles so schnell, ich habe es gar nicht richtig mitbekommen», erzählt sie noch immer tief berührt von dieser Geste.

Souvenirs hat sich Paepcke selten gekauft. Ihre Erinnerungen sind kostbarer als jede Ansichtskarte. Auf eines aber ist sie besonders stolz: ihren alten Jägerhut. An ihm prangen Dutzende Anstecknadeln mit den Logos alle Spiele, die sie je besucht hat. «Wenn ich den aufsetze, ziehe ich immer alle Blicke auf mich», sagt sie.

«Ich bin spontan»: Ein Quartier hat Paepcke noch nicht

Und tatsächlich. Es vergehen keine fünf Minuten, da wird sie von einer Flughafen-Mitarbeiterin auf die kuriose Kopfbedeckung angesprochen. Wenig später klickt die Kamera - und Hannelore Paepcke ist verewigt für das Buch der Fluglinie, die in den vergangenen Tagen schon zahlreiche Nationalmannschaften nach Vancouver befördert hat. «Sie kommen da mit rein, als ganz besonderer Fan», erklärt die Dame vom Airport.

Schließlich erscheint auch Paepckes Flugnummer auf der Anzeigetafel. Ein Jahr lang hat sie auf diesen Moment gewartet. Dass sie noch nicht weiß, wo sie die ersten Nächte schlafen wird, macht ihr keine Angst. «Ich bin sehr spontan, irgendwas finde ich immer», sagt sie selbstbewusst. Das Wichtigste sind die Eintrittskarten zu den Spielen. Wem sie dieses Jahr eine Goldmedaille wünschen würde? «Magdalena Neuner. Die ist so süß, ein natürliches Mädchen. Und sie strickt so schön», sagt Paepcke, ehe sie sich auf den Weg in den Flieger macht.

In zwei Jahren, das steht für Hannelore Paepcke jetzt schon fest, ist sie wieder dabei. Schließlich liegt London ja fast vor der Haustür.

kru/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Jeff Nibert
  • Kommentar 1
  • 20.02.2010 03:45

At the Vancouver pairs skating final, I sat next to this remarkable woman. She impressed me not only with her razor-sharp recall of Olympic results all the way to 1956, but also her own experiences of history itself. For the next five hours, she shared many amazing stories with me. I hope that she will stay in touch with one more friend, in addition to the others whom she has befriended around the world. I will remember my first Olympics as the time I met Hannelore Paepcke. She said to me, “There are two things that people can never take away from you: what you learn and what you see.”

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