In Vancouver drohen manipulierte Wettkämpfe. Im news.de-Interview erklärt Dopingexperte Hajo Seppelt die angewandten Testverfahren zur Farce. Seine Doku Geheimsache Doping - Eiskalter Betrug ist den Betrügern auf der Spur.
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So ist das eben bei den Spritzensportlern!
Herr Seppelt, die Olympischen Spiele in Vancouver stehen vor der Tür. Wie sicher ist es, dass die Mehrzahl der Sieger aufgrund Ihrer sportlichen Leistung auf dem Podest stehen?
Seppelt: Ob die Sieger von Vancouver sauber sind, wissen wir vielleicht erst in acht Jahren. Solange werden die Proben der Spiele aufbewahrt. Sollte es Nachtests auf Substanzen geben, für die es jetzt noch keine Nachweisverfahren gibt, wissen wir erst im Nachhinein, ob die Sieger sauber waren. Insofern glaube ich, dass man da erst mal abwarten muss.
Welches Ausmaß hat Doping im Wintersport nach Ihren neuesten Erkenntnissen, die Sie im Film «Geheimsache Doping – Eiskalter Betrug» präsentieren?
Seppelt: Aus meiner Sicht ist das Ausmaß viel größer, als uns die Sportfunktionäre Glauben schenken wollen. Wir haben mit einem Menschen aus dem Nordischen Skisport (Herkunft: Mitteleuropa, Anm. d. Red.) gesprochen, der sich aus Angst vor Repressalien entschieden hat, nicht öffentlich vor der Kamera aufzutreten. Er schildert aber eindrücklich, was bis heute im nordischen Skisport betrieben wird. Dass hier verschiedene Präparate genommen werden, Eigenblutdoping betrieben wird und dass es am Ende eine große Heuchelei ist.
Wie haben Sie diesen Athleten zum Reden gebracht?
Seppelt: Durch viele Vorgespräche. Es war ein langer Prozess. Aber irgendwann war es dann soweit, dass er sich entschieden hatte, zu reden.
Der Athlet spricht im Film davon, dass Doping im nordischen Skisport gang und gäbe ist und erzählt, dass er bei Olympia gedopt war. Wie glaubwürdig sind diese Aussagen?
Seppelt: Sicherlich ist es schwierig, wenn ein Mensch anonym vor der Kamera auftritt. Aber da wir ja wissen, wer es ist und wir diese Aussagen quergecheckt haben, gibt es keinen Zweifel zu glauben, dass es so ist.
Tritt dieser Athlet auch in Vancouver an?
Seppelt: Dazu können wir leider nichts sagen.
Wie ist Doping im Wintersport im Vergleich zu anderen dopingverseuchten Sportarten einzustufen? Wird im Wintersport möglicherweise sogar flächendeckend gedopt?
Seppelt: Pauschal kann man so etwas nicht sagen. Aber ich glaube, dass Ausdauersportarten generell ein Problem beinhalten und dass der nordische Skisport und die Ausdauerbereiche sehr geeignet für Doping sind. Ich denke, dass es hier durchaus ähnlich wie im Radsport ist.
Wie aufwendig waren die Dreharbeiten zum Film?
Seppelt: Sehr aufwendig. Wir waren in kurzer Zeit in vielen Ländern unterwegs. Eigentlich haben wir nur zwei, drei Monate an dem Film gearbeitet. Aber erst seit zwei Wochen wissen wir, dass wir den Film im Programm haben werden, weil die Aussagen stark genug waren. Es war sehr stressig, aber auch sehr erfolgreich. Man kann in einer halben Stunde nicht alle Fragen beantworten, aber wir wollen einen Eindruck erwecken, wie es wirklich im Sport abläuft. Und ich glaube, das wird schon deutlich.
Der ehemalige Vorsitzende des Disziplinarausschusses des Österreichischen Ski-Verbandes, Arnold Riebenbauer, sprach auch von Hinweisen auf deutsche Wintersportler. Wie ist der aktuelle Kenntnisstand zu den deutschen Athleten?
Seppelt: Wir wissen nur, dass Herr Riebenbauer erstmals das bestätigt, was seit Jahren im Raum steht. Er war damals der Ermittler und hat zum ersten Mal gesagt, dass er Hinweise auf die Beteiligung von deutschen Biathleten und Langläufern als Kunden der Wiener Blutbank Humanplasma erhalten hat.
Sie haben in dem Film auch die Aufklärungsarbeit der Sportorganisationen kritisiert.
Seppelt: Wir sind nicht dafür da zu kritisieren, sondern Dinge aufzuzeigen. Und am Ende wird es eine Kritik, das ist dann so.
Insgesamt wurden vor Vancouver bereits 70 Prozent mehr Dopingkontrollen als 2006 in Turin durchgeführt. Ist das immer noch nicht genug?
Seppelt: Es geht gar nicht um die Dopingkontrollprogramme, sondern darum, was sie für eine Funktion haben. Wenn sie 200.000 Polizisten auf die Straße stellen, aber nicht in die Häuser reingehen, dann haben sie ein Problem. Ich behaupte nicht, dass sich die Verbände keine Mühe geben. Ich sage nur, dass es nicht das richtige Mittel ist.
Sie sprechen neuere Substanzen und ausgefeilte Methoden an, die Sie auch im Film dokumentieren. Sind die Drahtzieher den Kontrolleuren also nicht nur sprichwörtlich immer um Jahre voraus?
Seppelt: So banal es klingen mag, die Dopinganwender sind den Kontrolleuren wie beim Hase-Igel-Spiel weit voraus. Bei der Substanz S107 (Mittel gegen Herzleiden, das auch zur Leistungssteigerung führt, Anm. d. Red.) muss man davon ausgehen, dass es im Umlauf ist. Und es gibt eine ganze Reihe von anderen Substanzen, die nicht nachweisbar sind. Eigenblutdoping, Wachstumshormone und so weiter. Deshalb kann man die Dopingkontrollen nicht wirklich ernst nehmen. Sie werden am Ende keinen Aufschluss darüber geben, wie sauber die Spiele sind.
Wird in den Medien mit dem Thema Doping Ihrer Meinung nach immer noch zu unkritisch umgegangen?
Seppelt: Es ist besser geworden. Aber aus meiner Sicht schaut man immer noch nicht genau hin. Im internationalen Vergleich sind wir in Deutschland aber schon ganz gut dabei.
Nach dem Radsport und der Leichtathletik haben Sie sich bei dem aktuellen Film dem Wintersport gewidmet. Was wird Ihr nächstes Projekt?
Seppelt: Das wissen wir noch nicht.
Wäre Fußball auch ein Thema?
Seppelt: Selbstverständlich. Wir gucken mal, aber ich kann Ihnen versichern, wir kümmern uns um Vieles.
Der Film Geheimsache Doping - Eiskalter Betrug läuft heute Nacht ab 0.15 Uhr in der ARD.
Hajo Seppelt arbeitet seit 1985 als Redakteur und Reporter für die ARD. Der 1963 in Berlin geborene Journalist studierte an der Freien Universität Berlin Sport und Politologie. Als Dopingexperte war er bereits regelmäßig in der Sportschau, der Tagesschau und den Tagesthemen zu sehen. Außerdem produzierte er mehrere Filme zum Thema Doping wie «Staatsgeheimnis Kinderdoping» oder «Olympia im Reich der Mittel: Doping in China».
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