Olympia-Anekdoten Das Wunder von Lake Placid

Im Jahr 1980 herrscht Eiszeit zwischen den Supermächten USA und UdSSR. Der politische Zwist greift auch auf den Sport über. Gegenseitige Boykottdrohungen der Olympischen Spiele von Lake Placid und Moskau machen die Runde. Genau die richtige Zeit für ein Wunder. 

Das olympische Eishockeyturnier 1980 (Foto)
Kalter Krieg auf dem Eis: US-Boy Mark Johnson (10) kurz vor seinem zweiten Tor gegen den sowjetischen Keeper Vladislav Tretjak. Bild: ap

Das olympische Eishockeyturnier ist eigentlich schon entschieden, bevor der erste Puck über das Eis gleitet. Selbst die US-amerikanischen Medien erkennen die totale Überlegenheit der sowjetischen Nationalmannschaft an - sie gelten als unschlagbar. Die «Eis-Sputniks» dominieren ihre Sportart scheinbar nach Belieben. Dreimal in Folge hat die UdSSR die olympische Goldmedaille gewonnen. Die eingespielte Truppe, die auch im Verein bei ZSKA Moskau das ganze Jahr über zusammen auf dem Eis steht, scheint übermächtig.

Im Jahr 1980 gilt noch der olympische Grundsatz, dass nur echte Amateure an den Spielen teilnehmen dürfen. Dieses Reglement unterwandern die Sowjets einfach. Zwar behaupten sie vehement, dass ihre Sportler reine Amateure seien. Doch jeder weiß, dass die Top-Athleten der Warschauer-Pakt-Staaten nur ihrem Sport nachgehen und vom Staat großzügig subventioniert werden. Im Westen nennt man diese Sportler «Staatsamateure».

Olympia: Deutsche Hoffnungen auf dem Eis

Die Spieler kommen vom College

Bei den US-Amerikanern sieht die Situation ganz anders aus. Die Weltmeisterschaft in Moskau endet mit einem siebten Platz enttäuschend und die Olympischen Spiele im eigenen Land stehen vor der Tür – bis dahin muss sich dringend ändern. Der US-Verband beschließt kurzfristig Team und Trainer neu zusammenzustellen. Als Coach wird der renommierte Collegetrainer Herb Brooks berufen. Er versammelt eine Mannschaft um sich herum, die größtenteils aus Collegespielern besteht. Die meisten von ihnen spielen in der erfolgreichen Eishockeymannschaft der University of Minnesota, sind jedoch weit davon entfernt in der höchsten Profi-Liga, der National Hockey League (NHL) zu spielen.

Als das Turnier schließlich am 12. Februar 1980 beginnt, marschieren die UdSSR zunächst souverän und ohne Punktverlust durch die Vorrunde. Die USA ziehen als Tabellenzweiter ihrer Gruppe hinter Schweden ebenfalls in die nächste Runde. In die Finalrunde haben es neben UdSSR und USA die starken Schweden und Finnland geschafft.

Lesen Sie auf Seite zwei, wie das Wunder seinen Lauf nimmt

Gleich am ersten Spieltag der Finalrunde am 22. Februar kommt es schließlich zum Aufeinandertreffen der Systemblöcke – College-Jungs gegen Staatsamateure, Außenseiter gegen Favorit. Die Auswahl von Trainer Viktor Tichonow hat mit den Superstars Wladislaw Tretjak (Tor ) und Wjatscheslaw Fetissow (Verteidigung) Spieler in ihren Reihen, die zu den Besten in der Historie des Eishockeysports gehören. Kuriosum am Rande: Da das Spiel nicht zur besten Sendezeit läuft, verweigert ABC die Live-Übertragung. Erst fünf Stunden später können die einheimischen TV-Zuschauer verfolgen, was als «Wunder von Lake Placid» in die Geschichte eingeht.

Im ersten Drittel dominieren die Kufenflitzer aus der UdSSR, scheitern aber ein ums andere Mal am überragenden Torhüter der USA, James «Jim» Craig. Trotz großer Überlegenheit heißt es am Ende des ersten Drittels nur 2:2 (Tore 1:0 Wladimir Krutow, 1:1 William «Buzz» Schneider, 2.1 Sergej Makarow, 2:2 Mark Johnson) aus Sicht des sowjetischen Teams. Im zweiten Spielabschnitt wechselt Trainer Tichonow den Torhüter - Tretjak muss raus. Später werden die sowjetischen Medien diesen Wechsel für spielentscheidend erklären. Zunächst aber läuft für die Sowjetunion alles nach Plan. Alexander Malzew erzielt das 3:2 – es bleibt das einzige Tor im zweiten Drittel.

Denn im Schlussabschnitt wendet sich das Blatt. Wegen nachlassender Kräfte kann die «Sbornaja» nicht mehr ihre technische Überlegenheit ausspielen und die College-Boys wittern ihre Chance. Durch Tore von Mark Johnson und Mike Eruzione führte der Außenseiter zehn Minuten vor Schluss überraschend mit 4:3. Die sowjetischen Favoriten drücken nochmal auf das Tor von Craig, können ihn aber nicht mehr überwinden. Der Torhüter ist das personifizierte Symbol für den sensationellen Sieg. Craig ist nach einem Bodychek mit Waleri Charlamow schwer angeschlagen, beisst sich aber durch und sichert den Sieg mit überragenden Paraden. Die Sensation wird vom ABC-Reporter Al Michaels als Wunder bezeichnet und findet unter diesem Namen Eingang in die Ruhmeshalle der großen olympischen Momente.

Ein Sieg fehlt zu Gold

Nach dem Sieg gegen die UdSSR war das Turnier aber noch nicht zu Ende. Die Amerikaner müssen noch gegen Finnland ran und gewinnen auch dieses Spiel nach toller Aufholjagd mit 4:2 – der Olympiasieg ist ihnen nun sicher. Eine Auswahl an College-Jungs hatte die Eishockeywelt für einen kurzen Moment auf den Kopf gestellt und den Kalten Krieg auf dem Eis gewonnen. In der Erinnerung vieler Amerikaner ist das Spiel gegen die Sowjetunion als Finale gespeichert, obwohl ein weiteres gegen Finnland folgte.

Nach den Olympischen Spielen fällt die Mannschaft auseinander – die meisten Spieler schaffen den Sprung in die beste Liga der Welt – die National Hockey League. Verteidiger Ken Morrow darf nach dem Sieg im Stanley Cup, die olympiche Goldmedaille bejubeln, bisher einmalig. Der Siegtorschütze Mike Eruzione beendet dagegen gleich nach dem Gewinn der Goldmedaille seine Karriere, weil ihm der sportliche Ehrgeiz fehlt.

Das Wunder von Lake Placid wurde natürlich mehrmals verfilmt. Die bekannteste Verfilmung mit dem Titel «Miracle» stammt aus dem Jahr 2004. Kurt Russel spielt darin den legendären Trainer Herb Brooks.

kru/news.de

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