Jochen Behle «Deutschland ist keine Langlauf-Nation»

Maximal zwei Weltcups bleiben den deutschen Langläufern, um sich in Olympiaform zu bringen. News.de spricht mit Bundestrainer Jochen Behle über die Leistungsprobleme der Damen, Nachwuchssorgen und den Rettungsanker Biathlon.

Behle (Foto)
Bundestrainer Jochen Behle stoppt die Zeit. Bild: dpa

Die Tour de Ski hat gezeigt, dass die Männer stark sind, die Frauen aber der Weltspitze hinterher laufen. Was können Sie jetzt noch tun, um die Frauen in die Olympiaspur zu bekommen?

Behle: Immerhin hat Claudia Nystad die Nominierungskriterien mit einem zwölften Platz beim Prolog in Oberhof perfekt gemacht. Evi Sachenbacher-Stehle war bei der Tour leider nicht in der Form, wie wir uns das vorgestellt hatten, deswegen ist sie vorzeitig ausgestiegen, um zu trainieren. Der Trainingsblock wird mit dem Weltcup in Rybinsk abgeschlossen. Sie wird sich auf die Staffel konzentrieren.

Sie hat die Olympianorm noch nicht erfüllt. Was heißt das für Vancouver?

Behle: Wir werden uns bei den Olympischen Spielen im Frauenbereich ohnehin auf die zwei Teamwettbewerbe konzentrieren. Dafür brauche ich fünf Läuferinnen. Sie gehört dazu. In den Einzelrennen haben wir nicht die Möglichkeit, um Medaillen zu kämpfen.

Olympia: Das sind unsere Goldkandidaten

Ein Leistungsproblem gab es bereits in der vergangenen Saison, als der zuständige Frauentrainer Ismo Hämäläinen nach harscher Kritik Ihrerseits mehr oder weniger freiwillig den Hut nahm. Summieren sich jetzt Trainingsversäumnisse und Fehler von damals?

Behle: Ich bin ein Mensch, der sagt, was er denkt. Wir hatten Defizite, es musste etwas geändert werden. Die Leistungskurven der Damen gingen seit Jahren nach unten. Wir haben bei der nordischen Ski-WM dann zwar Silber in der Staffel geholt, aber das war nicht ihr Verdienst. Miriam Gössner, die eigentlich Biathletin ist, hat damals eine Superleistung gebracht. Janko Neuber, der nach Hämäläinen für die Frauen zuständig ist, hat das Leistungsniveau noch nicht so heben können, wie ich mir das gewünscht hätte.

Also brauchen Sie weiterhin die Biathletinnen ...

Behle: Gössner hat die Olympianorm im Langlauf erfüllt und sie ist für den Langlauf nominiert. Sie ist ein Riesentalent im läuferischen Bereich, egal was sie macht. Als Juniorin bringt sie bereits Weltklasseleistungen. Wenn sie ihr Schießen noch verbessert, wird sie im Biathlon eine von denen sein, die es in die Weltspitze schafft. Wir sind froh, dass wir diese Alternative haben, sie einzusetzen, aber es ist kein Patentrezept.

Und Magdalena Neuner? Die ist auch dafür bekannt, eine überragende Läuferin zu sein, weniger eine überragende Schützin ...

Behle: Sie wird ganz normal ihre Wettkämpfe im Biathlon bestreiten. Nur wenn bei uns aufgrund von Verletzungen oder Erkrankungen vor den Staffelrennen der Notstand ausbricht, wäre sie ein Thema.

Was sagt Ihr Kollege Uwe Müßiggang (Bundestrainer der Biathlon-Frauen) dazu?

Behle: Wir haben noch gar nicht darüber gesprochen. Ihr Einsatz bei uns ist auch wirklich, wirklich unwahrscheinlich.

Ist es nicht eigentlich ein Armutszeugnis für den Langlauf-Nachwuchs, dass Sie Biathletinnen rekrutieren müssen?

Behle: Deutschland ist keine Langlauf-Nation. Und das werden wir auch nicht werden. Ich muss mit dem vorhandenen Personal haushalten. Man sieht ja, es sind seit Jahren die gleichen Namen ...

In der Goldstaffel von 2002 lief eine Claudia Künzel – jetzt haben Sie eine Claudia Nystad. Aber Spaß beiseite: Was ist die Ursache für den Nachwuchsmangel?

Behle: Der Sport ist trainingsintensiv. Man muss eine Menge dafür tun. Der Wille dazu muss beim Sportler da sein und da tun wir uns als Nation sehr schwer. Beim Biathlon sieht das anders aus, Biathlon ist populär. Aber es ist eine eigene Sportart und die zieht ihre eigenen Talente heran.

mas/news.de

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