Ein Fehler im System Sport
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Von news.de-Mitarbeiter Holger Heitmann
Artikel vom 11.12.2009
Claudia Pechstein hat die Olympiaverbände durch die verpasste Qualifikation vor einer Zwickmühle bewahrt. Der Fall ist dennoch ein Plädoyer für eine Änderung: Der Sport muss sich gesellschaftlich und juristisch stärker in die Pflicht nehmen lassen.
Egal, ob Claudia Pechstein nun Justiz-Opfer oder Doping-Täterin ist: Dieser Qualifikationslauf für Olympia in Salt Lake City war für alle unbefriedigend: für die am Ende durchgefallene Athletin, für ihre Konkurrentinnen, für die Sportveranstalter und Sportverbände. Das Schiedsgericht Cas hatte Pechstein fürs Rennen gesperrt, das Schweizer Bundesgericht hatte die Eisschnellläuferin wegen derer finanziellen Interessen formal wieder zugelassen.
Klar, Gerichtsurteile über mehrere Instanzen gibt es überall. Doch dieses Hin und Her hat auch mit der veränderten Rolle des Sports zu tun. Der ist schon lang nicht mehr das unschuldige Spiel jenseits der Gesellschaft. Und die Olympischen Spiele, für die sich Pechstein qualifizieren wollte, sind es erst recht nicht. Dafür ist nicht Pechstein verantwortlich, sondern die enorm gestiegene Bedeutung des Produktes Leistungssport. Das weiß jeder. Doch in den Strukturen des Sports ist diese Erkenntnis nicht erkennbar.
Internationaler Sportgerichtshof nennt sich die Cas, die Pechstein abgeurteilt hatte. Das klingt zwar hochoffiziell, letztlich bleibt die Cas aber eine Instanz innerhalb des Sports. Wenn es nach Sportfunktionären wie dem Vize des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, geht, soll es genau so bleiben: Das System Sport schön in sich geschlossen, das Sportreich herrscht weiter über sich selbst.
Fast hat man den Eindruck, dass der harte Urteilsspruch der Cas und die markigen Sprüche des bisher nicht als Anti-Doping-Kämpfer aufgefallenen Bach zeigen: Wir kommen in unserem Mikrokosmos wunderbar allein zurecht. Dass dem nicht so ist, hat dieser Präzedenzfall um eine weltbekannte Wintersportlerin wieder gezeigt. Ein wenig erinnert er an den ganz anderen Fall Hoyzer: Der Schiedsrichter und geständige Betrüger konnte 2005 nur mit juristischen Winkelzügen verurteilt werden, weil es kein Sportgesetz gab und gibt, das Betrug unter Strafe stellt.
Das Schweizer Zivilgericht hätte bei einer Qualifikation Pechsteins über ihre Olympia-Teilnahme entscheiden müssen. Das wäre schon zeitlich knapp geworden. Die Zwickmühle, ob man eine Doping-Verdächtige und sogar Doping-Verurteilte im Zweifelsfall bei Olympia 2010 hätte starten lassen müssen, hat Pechstein den Sportverbänden unfreiwilligerweise erspart.
Doch die Diskussion muss weitergehen. Ist Pechstein nicht schon durch die Trainingssperre vor der Qualifikation benachteiligt worden? Hätte sie bei Olympiasperre und einen späteren Freispruch Schadenersatz erhalten? Oder hätte man ihr womöglich bei einem Start auf Verdacht eine Medaille auf Zeit umgehängt? Der Wirtschaftszweig Sport muss endlich ordentlichen Gerichten unterworfen werden.
seh/news.de
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