«Robert Enke ist einen Stellvertreter-Tod gestorben»
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Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Artikel vom 15.11.2009
40.000 Menschen haben bei einer Trauerfeier Abschied von Robert Enke genommen. Trauerforscher Norbert Fischer war dabei. Im news.de-Interview erklärt er, warum Enkes Schicksal so viele Leute bewegt und warum er einen Stellvertreter-Tod starb.
Sie waren bei der Trauerfeier - wie war die Atmosphäre dort im Stadion?
Fischer: Es war eine sehr gedämpfte und ruhige Atmosphäre, aber auch sehr gelassen. Ich denke, die Leute waren froh, dass sie diesen Anlass hatten und diesen Ort am Stadion haben. Tausende von Lichtern brennen, viele private Relikte liegen dort, Briefe an den Verstorbenen, Erinnerungsobjekte, Fotos mit Robert Enke und seinen Anhängern, Autogrammkarten, Schals und Mützen in Vereinsfarben, nicht nur von Hannover 96, sondern auch von vielen anderen Vereinen. Ganz viele Leute standen da, brachten neue Lichter und verharrten, wie Menschen, die auf einem Friedhof vor einem Grab verharren.
40.000 Menschen waren im Stadion - ist das überhaupt noch eine Trauerfeier oder schon eine Massenveranstaltung?
Fischer: Ich denke, dass ein Stadion eigentlich kein angemessener Ort für eine Trauerfeier ist. Aber es gab für dieses Mal sicher keinen besseren Ort, da es ja auch Robert Enkes «Heimat» als Fußballtorwart war. Außerdem herrschte eine sehr angemessene Stimmung. Es gab keinerlei Musik, abgesehen von der offiziellen Trauermusik. Sonst war es absolut ruhig, auch ums Stadion herum. Die Feier hat bewiesen, dass eine große Teilnehmerzahl den Charakter einer Trauerfeier nicht zwingend negativ beeinflusst.
Es war die größte öffentliche Trauerfeier seit Jahrzehnten. Wie kommt es dazu, dass Zehntausende Menschen dort hin gehen?
Fischer: Ich denke, Robert Enke ist einen Stellvertreter-Tod gestorben. In zweierlei Hinsicht. Zum einen sind solche Trauerfeiern - das haben wir etwa bei Michael Jackson und Lady Diana gesehen - immer Ventile, um überhaupt Gefühle öffentlich zeigen zu können. Denn das traut man sich ja sonst kaum noch, weil zum Beispiel Trauerkleidung am Arbeitsplatz oder sonst in der Öffentlichkeit verpönt ist. Hier dagegen kann man Trauer zeigen, weil es viele Gleichgesinnte gibt, von denen man weiß, dass sie genauso empfinden, während man sonst mit seiner Trauer oft allein ist.
Ist denn Trauer im öffentlichen Leben wirklich so verpönt?
Fischer: Trauerkleidung zum Beispiel wird ja nicht mehr, wie früher üblich, über einen längeren Zeitraum getragen. Gesellschaftlich zulässig ist allenfalls eine «Auszeit» von wenigen Tagen oder allenfalls ein paar Wochen. Aber dann wird erwartet, dass man zum Alltagsleben und insbesondere zum Berufsleben zurückkehrt.
Was ist die zweite Erklärung für den von Ihnen genannten Stellvertreter-Tod?
Fischer: Robert Enke ist auch ein Opfer unseres Leistungssystems geworden. Der Druck auf ihn war offensichtlich enorm. Und da gibt es viele Menschen, die unbestimmt und indirekt genau diese Ängste empfinden und sich fragen: Was passiert mit mir, wenn ich einmal diesem enormen Konkurrenz- und Leistungsdruck nicht mehr standhalten kann? Denn der herrscht ja nicht nur im Sport. Deshalb ist die gefühlsmäßige Identifikation so hoch, dass sie sich in dieser massenhaften Trauer zeigt.
Robert Enke war ja kein internationaler Star wie etwa Michael Jackson. Spielt der Selbstmord eine besondere Rolle, wenn es um die Erklärung dieser Massentrauer geht?
Fischer: Ja, denn gerade der Freitod drückt diese diffusen Ängste in uns aus. Eigentlich sind wir vielleicht selbst ganz nah an dieser Schwelle, dass wir dem Druck nicht mehr Stand halten und keinen Ausweg mehr sehen. Vielleicht geht es mir ja auch mal so und dann möchte ich, dass jemand bei mir ist und Solidarität und Mitmenschlichkeit gezeigt wird. Genau das - das, was einem bewusst oder unbewusst fehlt - wurde in der Trauerfeier ausgedrückt. Da gab es enorme Solidarität, ein Sich-aneinander-Schmiegen im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe viele Leute gesehen, die sich umarmt und dabei geweint haben. Und im besten Fall kann dieser Tod, die Reaktionen, die Trauerfeier und die Solidarität mit den Angehörigen dazu führen, dass man sich fragt: Was könnte denn anders laufen? Könnte diese Mitmenschlichkeit nicht auch abseits von solch tragischen Ereignissen Einzug in Alltag und Gesellschaft halten?
Professor Norbert Fischer ist Honorarprofessor am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie sowie Privatdozent für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Uni Hamburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Themen Tod und Trauer, Friedhof, Grabmal und Bestattung.
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Im Gedenken an Robert Enke .... ist ja alles schön und Gut ! Aber wer denkt an den Lockfüher und seiner Familie !!!!!!!! Da ist doch jemand , bzw . da sind doch Menschen die nun Hilfe brauchen , wer denk an die !!!! Ach ja die sind nicht Bekannt in den Medien !!!
jetzt antwortenKommentar meldenRobert Enke ist uns so nahe, wir erkennen uns in seinen Ängsten wieder. Wir saßen zusammen als wir erfuhren was geschehen war, alle waren wir geschockt, einige kannten ihn nicht, fast alle weinten. Das Tabuthema Depressionen war plötzlich ein offenes Buch - einige sprachen mit viel Mut über ihre Depressionen, die immer gegenwärtigen Ängste, keiner hat es von dem anderen geahnt. Robert Enke hat mit seinem Tod anderen Mut gemacht über die eigenen Ängste zu reden, auch ich.
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