Sportliche Wiedervereinigung Lob trotz Medaillenschwund

Sportliche Wiedervereinigung (Foto)
Geher Peter Frenkel (M) aus der DDR steht bei den Olympischen Spielen in München auf dem Siegerpodest. Bild: dpa

Als Katarina Witt, Marita Koch und Kristin Otto noch siegten, wurden olympische Medaillen in der DDR kiloweise abgerechnet. Seit der Vereinigung der deutschen Sportverbände in Ost und West 1990 sind Olympia-Medaillen eher handverlesen.

Das Rechenkalkül bei der Wende - eins plus eins macht vier, sprich: DDR-Medaillenschwemme plus West-Erfolge gleich weltweit unschlagbar - war nicht aufgegangen. Ist die Zusammenführung des deutschen Leistungssports dennoch gelungen oder schiefgelaufen? «Im Großen und Ganzen ist die Vereinigung gelungen», sagt Manfred von Richthofen, von 1994 bis 2006 Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB). «Die Zusammenführung der Organisationen ist so reibungslos gelaufen wie in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich.» Von Richthofen räumt jedoch auch Fehler ein. «Die DHfK in Leipzig, die international einen sehr guten Ruf hatte, hätte man erhalten sollen.»

Auch Wolfgang Remer, Präsident des Landessportbundes Mecklenburg- Vorpommern, sieht die sportliche Vereinigung positiv. «Es wäre nicht anders gegangen», sagt der 64-Jährige. «Es wurden schließlich zwei vollkommen verschiedene Systeme zusammengeführt: ein zentralistisches und ein föderales. Man kann nicht versuchen, ein System in das andere zu verpflanzen.»

Ost-West- Duelle
Sport als Systemvergleich

Die «Diplomaten in Trainingsanzügen», als welche DDR-Sportler von Chefideologen gern inszeniert wurden, brachten von Olympischen Spielen seit Entsendung eigener Mannschaften 552 Medaillen in die Heimat. Westdeutsche Sportler zogen im selben Zeitraum (1968 bis 1988) 243-mal Edelmetall an Land. Der letzte eigenständige Olympia-Auftritt von DDR-Sportlern 1988 in Seoul erbrachte die stolze Ausbeute von 102 Medaillen und Platz zwei in der Nationenwertung hinter der UdSSR (132) und vor den USA (92).

Nach der Vereinigung und der Anpassung des ostdeutschen Leistungssportsystems an das westdeutsche ebbte die Medaillenflut ab. 1992 in Barcelona: 82 Medaillen, 1996 in Atlanta: 65, Sydney 2000: 56, Athen 2004: 48. Vier Jahre später in Peking standen noch 41 Olympia-Medaillen zu Buche.

Lesen Sie auf Seite 2, was das Erfolgsgeheimnis der DDR war

Kritiker des ostdeutschen Modells reduzieren dessen Erfolgsgeheimnis auf Doping. «Das ist zu flach gedacht», warnt Sportpolitiker Remer. «Gedopt wurde auf beiden Seiten. Die einen machten es flächendeckend, die anderen individuell.» Grundlage des Erfolges war das ausgeklügelte Sichtungs-, Förder- und Trainingssystem in der 17 Millionen Einwohner zählenden DDR. Sportclubs, Kinder-und Jugendsportschulen, Trainingszentren und Spartakiade-Bewegung brachten unzählige Talente hervor.

Vergleichbares trotz der Einrichtung von Sportgymnasien und Eliteschulen gibt es im geeinten Deutschland nicht. «Das ist in einem demokratischen System auch undenkbar und nie und nimmer bezahlbar», sagt von Richthofen. «Denn es zählt nicht nur der Spitzensport. Wir müssen auch den Breitensport, den Behindertensport, den Seniorensport fördern.»

In der DDR sei mit einem «ungeheuren Personalaufwand in den Trainingszentren» gearbeitet worden. «Das war eine Trainerbreite wie im Märchen», versichert von Richthofen. Zudem, so der einstige DSB-Chef, sei in der DDR eine ungeahnte wissenschaftliche Begleitung des Sports betrieben worden. «Da gingen Unsummen drauf.» In der DDR war der sportliche Erfolg staatlich verordnet, koste es, was es wolle.

«Ein entscheidender Unterschied war, dass unsere Trainer meistens selbst erfolgreiche Athleten waren. Dies führte zu einer höchst kompetenten Ausbildung», nennt der dreimalige Segel-Olympiasieger Jochen Schümann in der Fachzeitschrift Yacht einen weiteren Grund für den Erfolg. «Im Westen dagegen wanderten viele erfolgreiche Segler nach Ende ihrer sportlichen Karriere oft in andere Karrieren und Berufe ab.» Was Schümann im Segeln beklagt, gilt wohl für den gesamten geeinten Sport seit der Wende: «Nur zwei DDR-Segeltrainer wurden 1991 nach ihren Bewerbungen beim Deutschen Segel-Verband angestellt.»

Spitzensportler in der DDR genossen den Status von Staatsamateuren, deren berufliche und finanzielle Zukunft geregelt war. Da wurden Athleten mit Berufsbezeichnungen geführt, die sie wohl nur vom Hörensagen kannten. Nach der Wende mussten die Top-Athleten ihre berufliche Entwicklung plötzlich selbst vorantreiben, Sponsoren für ihren Sport finden und sich fragen: Kann ich mit Sprinten, Springen, Kanufahren Geld verdienen?

Das Rundum-Versicherungspaket Made in GDR für den erfolgreichen Leistungssportler ist mit der Mauer zerbröselt. Mitunter macht sich im Osten Deutschlands deswegen Wehmut breit, jedoch keine Verbitterung. Mecklenburg-Vorpommerns Sportchef Remer: «Wir haben uns unter den neuen Bedingungen behauptet.»

hem/mas/news.de/dpa

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