Aus der Zone in die Nationalelf
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Von Jens Mende
Artikel vom 23.11.2009
Der Osten Deutschlands ist bundesligafreie Zone - allerdings spielen Kicker aus dem Osten eine hervorragende Rolle in der Eliteklasse und darüber hinaus: Allein 33 Fußballer, die in der ehemaligen DDR geboren sind, spielten seit der Wende für die Nationalmannschaft.
Auch Michael Ballack staunte wie Millionen DDR-Bürger zunächst einmal über den Glanz im Supermarkt-Regal - erst viel später wurde dem heutigen Superstar auch die ganz persönliche Bedeutung des Mauerfalls bewusst. Ballack, am 9. November vor 20 Jahren gerade 13 Jahre alt und Schüler der damaligen Kinder- und Jugendsport-Schule in Karl-Marx-Stadt, steht an der Spitze jener 33 ehemaligen Ost-Fußballer, die von 1989 an den Sprung in die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geschafft haben. «Der FCK hieß eines Tages Chemnitzer FC. Und die KJS plötzlich Sportgymnasium», erinnert sich DFB-Kapitän Ballack, im sächsischen Görlitz geboren, im heutigen Chemnitz aufgewachsen und jetzt in London zu Hause, an die Wende.
Die Liste der «Grenzgänger», die noch im Osten lernten und später für Deutschland spielten, ist prominent besetzt: Von Matthias Sammer, über Ballack, die 1996er Europameister Steffen Freund und René Schneider (damals nicht eingesetzt), den Dauerbrenner Bernd Schneider bis zum aktuellen Nationaltorhüter René Adler und dem verstorbenen Robert Enke. Viele haben sich auch nach ihrer aktiven Karriere inzwischen einen festen Platz im gesamtdeutschen Profifußball gesichert. Thomas Doll und Heiko Scholz saßen schon als Trainer auf einer Bundesliga-Bank. Dem 33 Jahre alten Ballack fehlen mit 97 nur noch drei Länderspiele zum Eintritt in den exklusiven «Klub der Hunderter».
«Ich habe erst beim Blick zurück gemerkt, welche Möglichkeiten sich dadurch eröffnet haben», sagte Ballack dem Magazin 11 Freunde zu den gesellschaftlichen Veränderungen vor 20 Jahren. Als Kind habe er noch nicht genau gewusst, worum es eigentlich im Detail ging. Dabei hatte der junge Ballack mit seinen Eltern auf einer Montagsdemonstration in Leipzig schon schnell gemerkt, «dass da was nicht in Ordnung ist». Dann seien ihm zunächst «die Augen übergegangen, als es Westfernsehen gab und man auch im Supermarkt die Vorteile der Marktwirtschaft bestaunen durfte», berichtete Ballack.
Der weitere Weg ist bekannt: Ballack ging nach Kaiserslautern, wo er mit dem FCK 1998 gleich sensationell Meister wurde. Über Leverkusen kam er zum FC Bayern, dann zum FC Chelsea. Sportlich hat der DFB-Kapitän wie viele seiner Nationalmannschaftskollegen von der Ausbildung in der DDR profitiert. «Man erinnert sich an seine Wurzeln. Die DDR ist ein Teil von mir. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich in die Region komme», sagte Ballack, der sein Fußball-ABC beim Betriebssportclub Motor Fritz Heckert Karl-Marx-Stadt gelernt hat. Fritz Heckert hatte 1919 zu den Gründern der Kommunistischen Partei Deutschlands gehört.
Das Ende des Kommunismus eröffnete Ballack und Co. den Weg zu Ruhm und Wohlstand. Auf 683 Länderspiele für das vereinte Deutschland haben es die 33 «Grenzgänger» gebracht. So verwundert es wenig, dass sich DFB-Sportdirektor Sammer, der im September 1990 im letzten Länderspiel der DDR gegen Belgien beide Tore zum 2:0-Sieg geschossen hatte, für die Nachfolge der Kinder- und Jugendsportschulen stark machte. Die 15 sportbetonten Fußballschulen, die seit 1996 vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) intensiv gefördert werden, liegen allesamt auf dem Gebiet der neuen Bundesländer. Ein eigener Bundesligaverein fehlt derzeit allerdings im Osten.
Als vor 20 Jahren der eiserne Vorhang fiel, hatten sich die Top-Manager der Bundesliga im Eiltempo auf die besten Ost-Stars gestürzt. Rund 150 ehemalige DDR-Spieler gingen bereits in den ersten fünf Jahren nach der Wende in die alten Bundesländer und unterschrieben Verträge in der 1. oder 2. Bundesliga. Das WM-Qualifikationsspiel der DDR in Österreich (0:3) nur sechs Tage nach dem Mauerfall wurde zum ersten offiziellen Schaulaufen. Schon kurz vor Weihnachten 1989 war der 2,8-Millionen-Mark-Deal zwischen dem DDR-Serienmeister BFC Dynamo und Bayer Leverkusen über den Transfer von Andreas Thom perfekt.
Zu einem geplanten Vereinigungsspiel zwischen Weltmeister Deutschland und einer Auswahl von DDR-Spielern im Herbst 1990 kam es allerdings nicht, nachdem der Fußball im Osten seine schwärzeste Stunde erlebt hatte. Bei Ausschreitungen zwischen Berliner und Leipziger Hooligans wurde der 18-jährige Mike Polley in Leipzig von einer Polizeikugel getötet; das Spiel Ost gegen West wurde abgesagt.
oro/hem/news.de/dpa
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