Internationale Sachsen-Tour Ein Ausgestoßener in Gelb

Lance Armstrong feiert ein glänzendes Comeback, Alberto Contador strahlt heller denn je in Gelb. Kein Dopingfall trübt die Tour de France. Wie wenig sich tatsächlich im Radsport geändert hat, zeigt das Schicksal von Patrik Sinkewitz bei der kleinen Sachsen-Tour.

Patrik Sinkewitz (Foto)
Bei der Königsetappe der Sachsen-Tour holt Patrik Sinkewitz den Sieg, allerdings einen mit Schatten. Bild: dpa

Sinkewitz: an diesen Nachmittag fällt im sächsischen Meerane kein anderer Name. Fünfmal wird der 28-Jährige auf das Podium zur Ehrung gerufen: für den Tagessieg, die Führung in der Gesamtwertung, als kämpferischster Fahrer und für noch weitere zwei Wertungstrikots. Es war eine furiose Fahrt von ihm: Fast 150 Kilometer allein über die höchsten Gipfel des Erzgebirges auf der Königsetappe der international besetzten Rundfahrt, in deren Siegerlisten Namen wie Jens Voigt oder Jens Heppner stehen.

Zwischen seinen Auftritten sitzt Sinkewitz jedoch Abseits seiner Fahrerkollegen: kein Schulterklopfen, kein Händeschütteln – nur hönisches Klatschen goutierte seinen Wahnsinnsritt. In geschlossener Formation war die Verfolgergruppe gemächlich über die Ziellinie gerollt. Columbia-Topsprinter André Greipel hatte demonstrativ die Hände vom Lenker genommen und applaudiert; Milramprofi Björn Schröder die Faust in die Luft gereckt.

Allein der Deutsche Meister von 2006, Dirk Müller, überbringt seine Glückwünsche: «Ich erkenne die großartige sportliche Leistung an. Patrik ist nicht nur ein geständiger Dopingsünder, sondern unheimlich fleißig im Training», sagt der 35-jährige Routinier, der selbst nach einer Dopingsperre einen Neuanfang gewagt hatte. Sein Fall hatte freilich nicht die Dimensionen wie die Überführung Sinkewitz bei der Tour de France 2007, als dem Fuldaer anhand einer im Training in den Pyrenäen genommenen Probe Testosteronmissbrauch nachgewiesen worden war.

ARD und ZDF hatten damals als Konsequenz die Übertragung der Tour abgebrochen. Sinkewitz hatte später als Kronzeuge gegen ehemalige Kollegen, darunter Astana-Profi Andreas Klöden ausgesagt. Nach verkürzter Sperre, die im Oktober 2008 abgelaufen war, fährt Sinkewitz seit Februar wieder Rennen. Er ist damit der erste Fahrer, der nach Inanspruchnahme der Kronzeugenregelung wieder in den bezahlten Radsport zurückgekehrt ist. Es ist eine Leistung, die an diesem Tag fast mehr zählt als sein Sieg.

Noch immer gilt die Regel: Wer auspackt, ist draußen. Da ist der Radsport unerbittlich. Auch Jörg Jaksche hatte über seine Dopingvergangenheit Zeugnis abgelegt und über die Praktiken in den Teams berichtet. Bjarne Riis habe ihm damals gedroht, erzählt Jaksche. Der Däne wollte angeblich «dafür sorgen, dass Jaksche niemals in den Radsport zurückkomme». 2008 beendete der Ansbacher seine Karriere. Kein Team hatte den «Verräter» aufnehmen wollen.

Die alte Garde sitzt mittlerweile an noch längeren Hebeln, nämlich als Sportliche Leiter in den Teamfahrzeugen oder sogar als Manager in den Büros. Auch Sinkewitz, der als großes Talent gilt, musste deshalb lange nach einem neuen Rennstall suchen und heuerte schließlich beim zweitklassigen tschechischen Team PSK Wirlpool an. Das Peloton beugt sich dem geltenden Recht, wonach Straftätern wie im normalen Leben nach Absitzen der Strafe eine neue Chance zusteht – nur dass die Resozialisierung im Radsport viel schwieriger ist.

Ralf Grabsch hat eben noch ein aufgeregtes Gespräch mit Martin Velits geführt, der die Sinkewitz-Flucht mit initiiert hatte. Jetzt, da sich Journalisten nähern, setzt der Sportliche Leiter von Milram seine dunkle Terminator-Sonnebrille auf und lehnt sich lässig an das Teamfahrzeug. Waren sich die Renner bei ihrer Protestaktion einig? «Dazu kann ich nichts sagen.» Glauben Sie an einen Boykott? «Ich glaube zuerst einmal an das Gute.» Sinkewitz …? «Ist startberechtigt. Das war ein Start-Ziel-Sieg. Ich würde ihm gratulieren» - habe ich aber nicht, steht zwischen den Zeilen.

Die Fahrer, die der ersten Verfolgergruppe angehört hatte, verschwinden nach dem Eklat mit versteinerter Miene erst einmal hinter die schwarzen Scheiben der Teambusse. «Wir müssen die Szene erst auswerten», meint Schröder. Seine in die Luft gereckte Faust allein sagte mehr. Der Sportliche Leiter des Teams Columbia HTC, Jan Schaffrath, beeilt sich, Spekulationen zuvorzukommen: «Ob Patrik oder jemand anders – das spielt keine Rolle», erklärt der ehemalige Telekom-Profi. Es sind die Zeichen, nicht die Worte, die zählen.

Dass es hier um eine Kardinalfrage geht, hat Tour-Direktor Wolfgang Friedermann mit untrüglichem Gespür erkannt. «Ich will nicht, dass die großen Probleme des Radsports auf dem kleinen Rücken der Sachsen-Tour ausgetragen werden», warnt der Dresdner. Es ist ein Werteproblem: Einer wie Sinkewitz, der einen Schlussstrich unter seine Dopingvergangenheit gezogen hat, wird gemobbt. Jemand wie Jan Ullrich, an dessen Schuld kaum noch Zweifel bestehen, der aber alles bestreitet, wird verehrt.

«Wenn sie mich mit dieser Aktion wirklich treffen wollten, dann danke ich für die Sekunden», sagt Sinkewitz sarkastisch und fügt vorsichtig an: «Man muss überall mit Leuten klar kommen, die einen vielleicht nicht so mögen.» Dreimal hat er auf der Schlussrunde der Etappe die Steile Wand von Meerane, jene gefürchtete Kopftsteinpflasterpassage mit 13 Prozent Steigung, bezwungen. Doch gegen die Mauer, die sich seit seinem Comeback gegen ihn aufgebaut hat, ist er machtlos.

ham

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • walter wolf
  • Kommentar 1
  • 11.09.2009 13:32

JEDER DUMMKOPF WEISS: NUR DER VERRAT UND NIEMALS DER VERRÄTER IST GEFRAGT IM FALL SINKEWITSCH TUT MIR DAS SEHR LEID ABER ES GIBT INTERNE REGELN

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