Fußball-Metropolen für Mann und Frau

Himmel und Hölle in Istanbul

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

In kaum einer Stadt spielt der «Futbol» eine so zentrale Rolle wie in Istanbul. Doch auch Fußballmuffel werden den Austragungsort des Uefa-Cup-Finals so schnell nicht wieder vergessen. News.de stellt ihn vor - ein Spaziergang zwischen Himmel und Hölle.

An diesem Mittwoch ist alles ganz einfach in Istanbul. Ein Stadion - ein Spiel. Wenn im Sükrü-Saracoglu-Stadyumu des Vereins Fenerbahçe die Mannschaften von Werder Bremen und Schachtjor Donezk aufeinandertreffen (die Statistik des Spiels im news.de-Ticker) , muss sich kein Istanbuler Fußballfan auf die Seite seines Vereins schlagen und kann das Spiel mal ganz unbeschwert genießen. An keinem anderen Tag macht diese Stadt es seinen Fußballfans derart leicht. Sonst nämlich spielen hier gleich drei Klubs in der ersten türkischen Liga, der Süper Lig: Fenerbahçe, Galatasaray und Besiktas, alle verfeindet, schon aus Prinzip. Wohl dem, der weiß, wo er hingehört.

Die heiß umkämpften Istanbuler Derbys gehören zu den attraktivsten aber auch hitzigsten Duellen im europäischen Fußball. Nicht umsonst bezeichnen die Anhänger von Galatasaray ihr Stadion, das Ali Sami Yen Stadi in Mecidiyeköy, als «Hölle von Istanbul» und ihre Mannschaft als «Aslanlar», als Löwen. Nicht umsonst begrüßen die Fans von Fenerbahçe ihre Gegner mit dem Schlachtruf «Hier gibt es keinen Ausweg». Selbst an einem Fußballtag aber gibt es Alternativen zum Fußball in der Zehn-Millionen-Einwohner-Stadt.

Welches Istanbul darf es sein? Kopftuch oder Kapuzenpulli? Basar oder Shopping-Mall? Wasser oder Hügel? Klischee oder Realität? Keine Sorge, die Wege zwischen den Welten sind kurz, kaum eine Stadt ändert so schnell ihr Gesicht, ihren Geruch, ihren Charakter.

Ganz gleich, ob 90 Minuten oder zwei Wochen - Istanbul übersteigt den Verstand. Zu groß für einen Stadtbummel, zu laut zum Leben, zu schön zum Abschied nehmen. Auch dort, wo an diesem Mittwoch das Fußballherz schlägt - im Stadtteil Kadiköy auf der asiatischen Seite des Bosporus, einem der ältesten Viertel Istanbuls. Rund um den Platz der «6 Wege» leben Christen, Muslime und Armenier und versuchen, an den Mann zu bringen, was sie haben: Schmuck, Antiquitäten, Kleidung. Hier tummeln sich Einheimische und Touristen in Bars und Restaurants mit preiswerter türkischer Küche, in Kinos und auf einem der größten Wochenmärkte der Türkei.

Viele aber führt der Weg erst einmal ans Wasser, an den Bosporus. Ein Spaziergang am Meer ist hier reizvoller als auf der europäischen Seite, etwa auf der Promenade in Richtung Bostanci. Irgendwann aber geht der Blick hinüber, nach Europa, nach Eminönü, dem historischen Zentrum Istanbuls, das früher Konstantinopel und noch früher Byzanz hieß.

Das Viertel Eminönü füllt einen Großteil der Seiten in jedem Reiseführer, hier erheben sich die Hagia Sophia, die Blaue Moschee, der Sultanspalast in den Himmel, hier steht das wichtigste Basarviertel Istanbuls mit dem Ägyptischen Basar (Misir Çarsisi) und dem großen gedeckten Basar (Kapal Çarsi) mit seinen tausenden von kleinen Läden. Und da heißt es entweder handeln (nach dem Prinzip: Wer anfängt zu feilschen, sollte auch kaufen) oder wissen, wie man freundlich «Nein, danke» sagt: «Yok tesekkürler».

Der Weg in das bekannteste Viertel Istanbuls ist jetzt nicht mehr weit. Ein Spaziergang über die Galatabrücke und das Goldene Horn, einen Seitenarm des Bosporus, dauert vielleicht 30 Minuten. Die Hügel Beyoglus hinauf geht es zur Istiklal Caddesi, der Unabhängigkeitsstraße. Wie kaum ein anderer Ort spiegelt diese Straße das Gesicht der Stadt wieder. Zwischen Gründerzeitbauten, Läden, Restaurants, Botschaften, Schulen, Kirchen und Moscheen ist die Istiklal tagsüber Einkaufsstraße und nachts Vergnügungsmeile. Dann wird die Istiklal zur Bühne, dann wird hier gegessen, getanzt und gefeiert - bis die Straßenkehrer kommen.

In Istanbul endet alles am Wasser, auch die Hügel Beyoglus fallen in Richtung Borporus ab. In Kuruçesme, einem Viertel nördlich der Bosporus-Brücke, wird der Wandel der vergangenen Jahre besonders deutlich. Hier, an der Uferstraße, stehen heute die angesagten Clubs der Stadt, House, Reggae und Jazz erfüllen die Luft. Hier ist Europa, hier sind die Röcke noch kürzer und die Nächte noch länger, hier wechseln die Trends so schnell, dass selbst die Istanbuler Nachtschwärmer schnell die Orientierung verlieren.

Wer Abschied von Istanbul nehmen muss, für den gibt es nur einen Ort. Wenige Kilometer südlich von Kuruçesme liegt Ortaköy, das «Dorf in der Mitte». Gleich unterhalb der großen Brücke gibt es den schönsten Blick auf das Wasser und die Silhouette der Stadt. Hier, an der Kaimauer, wird selbst die sommerliche Hitze Istanbuls zur Nebensache, eine ständige Brise macht die Temperaturen erträglich. Und vielleicht weht der Wind ja sogar ein wenig Musik herüber, etwas Gesang. Vielleicht aus Besiktas oder Mecidiyeköy, oder aus Kadiköy. Dann hört man hier, ganz leise, wie aus einer anderen Welt: «Hier gibt es keinen Ausweg».

jus
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