Von news.de-Redakteurin Mara Schneider - 16.04.2009, 18.28 Uhr

Wrestling: Ein bisschen Schauspielerei gehört dazu

Mit Hulk Hogan erreichte der Wrestlingsport in den 1980ern internationales Ansehen. Doch nur wenige wissen, dass es auch in Deutschland eine Wrestlingszene gibt. Für etwas Aufschwung hat der Kinofilm «The Wrestler» gesorgt.

Christian Eckstein hat die European Wrestling Promotion mitbegründet und steigt seit Jahren selbst in den Ring. Bild: news.de

Wie viel Schauspieltalent in einem Wrestler steckt, darüber lässt sich sicher streiten. Wenn sich die Kontrahenten mit bösen Blicken einzuschüchtern versuchen, sich nach einem Angriff theatralisch zu Boden fallen lassen oder die Muskelprotze verängstigt Zuflucht in den Zuschauerreihen suchen – dann fällt die Unterscheidung manchmal schwer, wo der Sport aufhört und die Show beginnt.

«Natürlich steckt da auch ein bisschen Kalkühl dahinter», sagt Christian «Ecki» Eckstein, Mitbegründer der European Wrestling Promotion (EWP). Der 37-Jährige steht seit seinem 20. Lebensjahr selbst im Ring und sagt: «Wrestling hat genauso viel mit Show zu tun wie andere Sportarten auch.» Wenn im Fußball jemand gefoult wird, mache der Spieler schließlich auch ein Drama draus, um etwas zu erreichen. Im Wrestling sei das nichts anderes.

FOTOS: Wrestling Zwischen Kampf und Schauspielerei

Ihren Ursprung hat die Sportart, die sich durch eben jenen Mix an Kampf und Show auszeichnet, zumindest kommerziell gesehen in den USA. Dort gab es schon um 1880 erste Profiligen, in denen auch um Titel gekämpft wurde. Die lange Zeit bekannteste Liga war die World (Wide) Wrestling Federation (WWF). Sie hatte ihre Anfänge in den 1930ern und feierte um 1980 ihren großen Durchbruch. Vor allem mit Hilfe ihres Aushängeschilds Hulk Hogan.

In den USA ist die WWF – die mittlerweile allerdings WWE (World Wrestling Entertainment) heißt – noch immer die größte Liga. Als einzig wahre Konkurrenz zählt TNA-Wrestling. Die zahlreichen sogenannten Independent Leagues (unabhängige Ligen) arbeiten eher halbprofessionell und spielen bei der Übertragung im Fernsehen kaum eine Rolle.

Obwohl es auch in vielen anderen Ländern Wrestling-Ligen gibt, ist das dortige Geschehen im internationalen Vergleich eher unbedeutend. Von Fernsehverträgen können auch die Veranstalter in Deutschland nur träumen. Hierzulande konzentriert sich die Wrestlingszene vor allem auf die EWP in Hannover, das German Stampede Wrestling im Sauerland, Westside Xtreme Wrestling in Essen und das Athletic Club Wrestling im baden-württembergischen Weinheim.

Lesen Sie auf Seite 2, was es braucht, um ein guter Wrestler zu werden

Feste Verträge mit einzelnen Kämpfern gibt es in Deutschland nicht. «Die Wrestler werden für jedes Event neu verpflichtet», erklärt Christian Eckstein. So sind allein bei der EWP in den vergangenen zehn Jahren mehr als 110 Sportler in den Ring gestiegen. Hin und wieder erleben die Zuschauer dabei auch Stars aus Übersee, darunter derzeitige oder ehemalige Profis der großen Ligen WWE oder World Championship Wrestling (WCW). «Wer die richtigen Personen verpflichtet, verschafft sich Anerkennung», sagt der 37-Jährige, der selbst schon Erfahrungen in der WWE sammeln durfte.

Erfolge hat Eckstein bisher aber nur in Europa verzeichnet. Er war unter anderem mehrfacher Europa-Champion der British Wrestling Federation und ist amtierender Intercontinental Champion seiner eigenen Liga EWP. «Der größte Höhepunkt für mich ist aber immer, gesund aus dem Ring zu steigen», sagt er. Denn Wrestling ist ein gefährlicher Sport, in dem Verletzungen an der Tagesordnung stehen. «Ich hatte in den letzten 17 Jahren einen Armbruch, einen Beinbruch, zwei Leistenbrüche, zwei Schulterbrüche, mehrere gebrochene Finger, einen angebrochenen Wirbel, mehrere Gehirnerschütterungen, viele Platzwunden», erinnert sich Eckstein.

Deshalb bedarf es auch einer speziellen Ausbildung, ehe man selbst in den Ring steigen kann. Trainingseinheiten werden von professionellen Wrestlern in ganz Deutschland angeboten. «Voraussetzung ist eine gewisse Grundsportlichkeit», sagt Eckstein, der sein Know-how in der Wrestling School, dem Ausbildungszentrum der EWP, weitergibt. «Was dann aus einem wird, hängt von jedem selbst ab», erklärt er. Wer es in der Szene zu etwas bringen will, der braucht Disziplin, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen, Kraft und Ausdauer.

In der Wrestling School melden sich vor allem junge Menschen an, meist Männer. Oft werde ein Probetraining auch verschenkt, um Freunden oder Verwandten das Hineinschnuppern in die Szene zu ermöglichen. Dabei lernen die Teilnehmer erste Griffe, um den Gegner zu überwältigen, das richtige Fallen und auch, wie sie sich dem Publikum gegenüber zu verhalten haben. Ein bisschen Schauspielerei gehört eben doch dazu – ebenso wie das obligatorische Kraft- und Ausdauertraining im Fitnessstudio.

Lesen Sie auf Seite 3, wie Wrestler einen Beitrag für gemeinnützige Arbeit leisten

Seit ein paar Wochen können sich die Veranstalter der Wrestlingszene auch wieder über mehr Resonanz freuen. Grund ist der Spielfilm «The Wrestler» mit Mickey Rourke, der am 26. Februar in den deutschen Kinos angelaufen ist. Darin spielt der ehemalige Profiboxer den Wrestler Randy «The Ram» Robinson.

«Seit dem Film haben wir mehr Anfragen von Leuten, die bei einem Training mitmachen wollen», freut sich Eckstein. Oft würden die Interessenten dabei keine Kosten und Mühen scheuen, um das Einmaleins des Wrestlingsports zu erlernen. Dazu gehört auch die Theorie, denn wie in jeder anderen Sportart gelten auch im Wrestling gewisse Regeln.

In Europa richtet sich der Wrestlingsport vor allem nach den 1946 von Admiral Lord Mount Evans aufgestellten Regeln. Evans selbst war olympischer Ringer und Mitglied des britischen Parlaments. «In der heutigen Form sind viele Regeln modernisiert worden, trotzdem ist bei Weitem nicht alles erlaubt», erklärt Eckstein. Welche Griffe erlaubt sind, wurde mit Hilfe zahlreicher Illustrationen in dem Buch Wrestling - The Admiral Lord Mount-Evans Style festgehalten.

So müssen sich Wrestler zu jeder Zeit im Ring aufhalten. Wer ihn verlässt und länger als zehn Sekunden draußen bleibt, bekommt eine Geldstrafe. Erlaubt sind außerdem Griffe «vom Scheitel bis zur Sohle», sagt Eckstein. Würgen, an den Haaren ziehen oder Schläge mit der Faust sind dagegen tabu. Je nach Verband werden auch hier Geldstrafen in unterschiedlicher Höhe fällig. Es folgen Verwarnungen, etwa die gelbe Karte, bis hin zur Disqualifikation. In der EWP werden die Geldstrafen gemeinnützigen Zwecken gestiftet.

mat

Empfehlungen für den news.de-Leser