Mo., 13.02.12
Wieder vereint

Jörg Berger über die DDR «Ich konnte mich nicht frei fühlen»

Artikel vom 22.03.2009

Was war es für ein Gefühl, einigen der Stasi-Leute und DDR-Fußballgrößen nach der Wende wieder in neuen Funktionen zu begegnen?

Berger: Für mich war erschreckend, wie schnell sich diese Leute gewandelt haben und wie leicht sie es geschafft haben, sich wieder in neue Positionen zu bringen. Das hat mich geschockt und geärgert, denn das waren zum Teil auch Leute, die mich in der DDR schikaniert haben und mich nach meiner Flucht zurückbringen wollten. Man muss sich mal den umgekehrten Fall vorstellen: Wenn die DDR als Sieger aus dem Klassenkampf hervorgegangen wäre, hätte niemand aus dem Westen eine Chance bekommen. Da ist man meiner Ansicht bei der Aufarbeitung viel zu oberflächlich geblieben, nicht nur im Fußball.

Sie wurden auch von engen Freunden bespitzelt. Wie gehen Sie damit um?

Berger: Ich hatte Glück, dass ich diesen Leuten nichts von meinen Fluchtplänen anvertraut hatte. Wer weiß, was sonst mit mir passiert wäre. Dass diese Leute sich anschließend hinstellen und so tun, als sei das alles nicht so schlimm gewesen, das kann ich nicht hinnehmen. Ich höre immer wieder «Du weißt doch, wie das damals lief» oder «Wir haben niemandem geschadet.» Aber Schaden kann man nicht nur körperlich anrichten, sondern auch, indem man Gefühle verletzt und Vertrauen missbraucht. Dafür kann ich niemals Verständnis haben. Ich habe mit diesen Leuten – heute nenne ich sie nicht mehr Freunde – gebrochen.

In Ihrem Buch schildern Sie, wie die Stasi auch Sie anwerben wollte. Sie konnten es sich leisten, Nein zu sagen. Andere konnten das vielleicht nicht.

Berger: Das kann ich nicht gelten lassen. Ich habe damals abgelehnt und wurde dann in Ruhe gelassen. Wenn viele heute sagen: «Wir mussten ja alle», dann stimmt das nicht. Das war nicht so. Das hat mich nach der Wende geärgert, dass sich viele so rausgeredet haben. Für mich gibt es drei Kategorien, was die Stasi angeht: Junge Menschen, die unter Druck gesetzt wurden. Dann diejenigen, die wirklich überzeugt waren vom Sozialismus. Beides habe ich gelernt zu verstehen. Was ich aber nicht akzeptieren kann ist die dritte Kategorie: Menschen, die genau wussten, dass sie anderen schaden, dass sie Menschen verraten mussten, die das aber für Geld oder ihre eigene Karriere gemacht haben.

Dennoch haben auch Sie sich auch egoistisch mit dem System arrangiert. Sie sind beispielsweise in die SED eingetreten, weil das hilfreich für Ihre Trainerlaufbahn war. Kann man sagen: Sie haben dann mit der DDR gebrochen, als sie sich Ihrer eigenen Karriere in den Weg stellte?

Berger: Ich habe mit dem System gebrochen, weil man zu dieser Zeit begann, in meine Privatsphäre einzudringen und mir vorzuschreiben, wie ich zu leben hatte. So wollte ich aber die nächsten 30 Jahre nicht weiter leben.

Wenn Sie heute, 30 Jahre nach Ihrer Flucht, in den Osten zurückkehren, was empfinden Sie dabei? Ist Deutschland für Sie inzwischen wieder ein Land?

Berger: Ein Land ja, aber die Menschen in den neuen und alten Bundesländern sprechen immer noch nicht die gleiche Sprache.

Jörg Berger (65) spielte in der DDR-Oberliga, musste seine Fußballerkarriere wegen einer Verletzung aber früh beenden. Er wurde dann erfolgreicher Vereins- und Verbandstrainer. 1979 floh er in die Bundesrepublik, wo er sich bei vielen Proficlubs einen Namen als «Retter» vor dem Abstieg machte. Nach mehreren Krebserkrankungen hat er seine Trainerlaufbahn mittlerweile beendet und arbeitet heute als Experte für den Fernsehsender Premiere.

ruk
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