«Ich konnte mich nicht frei fühlen»
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Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Erst hat er im System der DDR Karriere gemacht, dann floh er in den Westen und war auch dort erfolgreich. Im Interview erzählt Fußballtrainer Jörg Berger, wie ihn die Stasi entführen wollte, wie sehr er seinen Sohn vermisste und warum er nicht verzeihen kann.
Herr Berger, Sie sind als kleines Kind nach Leipzig gekommen, dann 1979 in die Bundesrepublik geflohen. Als Trainer waren Sie in ganz Deutschland und im Ausland tätig. Wo ist für Sie Heimat?
Berger: Heimat habe ich für mich nie richtig definieren können. Früher war das die DDR für mich, in allererster Linie Leipzig. Aber ich habe dann mit meiner Heimat abgeschlossen. Nicht mit den Menschen, aber mit dem System. Danach war ich durch meine ganzen Trainerstationen nie länger als zwei, drei Jahre in einer Stadt. Heute ist meine Heimat Düsseldorf, wo ich mit meiner Frau lebe.
Sie wollten das System der DDR hinter sich lassen, aber nicht die Menschen. Ironischerweise kam es nach Ihrer Flucht genau umgekehrt: Das System hat sie verfolgt, von den Menschen waren sie abgeschottet. Hatten Sie damit gerechnet?
Berger: Nein. Meine Eltern waren ja schon Rentner. Ich hatte gehofft, dass sie mich im Westen besuchen könnten. Aber für sie galt dann Sippenhaft. Sie durften nicht einmal mehr in den Ostblock reisen.
Sie haben aber auch ihre Ex-Frau und Ihren Sohn Ron zurückgelassen. Hat er Sie jemals deshalb zur Rede gestellt?
Berger: Er hat mir nie einen Vorwurf gemacht. Aber der Abschied und die Trennung waren sehr hart für mich. Kurz vor der Wende haben wir uns drei Tage lang in Prag getroffen. Wir hatten uns zehn Jahre lang nicht gesehen. Ich hatte mir das Wiedersehen leichter vorgestellt. Wir waren uns fremd, und das hat sehr wehgetan. Nach der Wende haben wir uns ausgesprochen. Ich wusste, dass er es auch nicht leicht hatte mit einem Vater, der für die DDR ein Verräter und Verbrecher war.
Bis zur Flucht waren Sie in der DDR erfolgreich, angesehen und privilegiert. Was trieb Sie dennoch in den Westen?
Berger: Auslöser war ein Erlebnis 1976. Das hat mich veranlasst, mit dem System zu brechen. Die Stasi wollte Einfluss auf mein Privatleben nehmen. Ich sollte wieder heiraten, sonst hätte ich nicht zu Länderspielen ins westliche Ausland fahren dürfen. Ich konnte nicht mehr selbst entscheiden über mein Leben. Und ich konnte mich nicht frei fühlen, weil ich observiert wurde. Da habe ich erkannt: So kannst du nicht die nächsten 30 Jahre weiterleben. Dann hat es aber noch drei Jahre gedauert, bis ich die Möglichkeit hatte, mich abzusetzen.
Die Flucht über Jugoslawien und Österreich in die Bundesrepublik hatten Sie nicht vorbereitet. Weshalb waren Sie dennoch so entschlossen?
Berger: Ich war fest davon überzeugt: Ich ziehe das durch. Ich wollte mir nicht später den Vorwurf machen müssen: Damals warst du feige, du hättest die Chance gehabt, und jetzt bist du unzufrieden und unglücklich.
Aber auch im Westen machte Ihnen der lange Arm der Stasi das Leben schwer. Hatten Sie das erwartet?
Berger: Natürlich war mir klar, dass die Stasi an mir dran war. Aber dass sie auch im Westen so viele Mitarbeiter hat und so nah an mich ran kam, das hatte ich niemals erwartet. Im Westen waren mehr IMs in meiner unmittelbaren Nähe als im Osten. Welche Ausmaße das hatte, habe ich später erst durch den Einblick in meine Stasi-Unterlagen erfahren. Ich kann heute sagen: Ich habe Glück gehabt, dass ich noch am Leben bin.
Wie sah die Bedrohung konkret aus? Hatten Sie Angst?
Berger: Es waren viele Dinge, die sich summierten. Zerstochene Reifen an meinem Auto. Ein Rad, das sich während der Fahrt löste. Versuche, mich zurück in die DDR zu bringen, unter anderem durch ein erfundenes Treffen mit meiner Mutter in Schweden, zu dem ich erscheinen sollte. Es sind ja Fälle bekannt, in denen die Stasi Menschen entführt oder getötet hat. Irgendwo im Hinterkopf hatte ich Angst, auch wenn ich nichts beweisen konnte. Aber später hat sich herausgestellt: Diese Angst war nicht unbegründet.
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