Handball-Nationalmannschaft Brand mahnt zum Aufbruch

Heiner Brand (Foto)
Heiner Brand setzt sich konsequent für einen höheren Anteil junger deutscher Spieler in der Bundesliga ein. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Stefan Bechstein
Während die Konzentration bei der deutschen Handball-Nationalmannschaft voll auf das Spiel gegen Ungarn (15 Uhr) gerichtet ist, nutzt Bundestrainer Heiner Brand das große Interesse am Handball, um auf Versäumnisse aufmerksam zu machen - nicht zum ersten Mal.

Deutschland gegen Ungarn - das Spiel um Platz fünf um 15 Uhr bei RTL und im livestream bei rtl.de.

Bereits nach dem frühen Ausscheiden des deutschen Teams bei den Olympischen Spielen 2008 sagte Brand: «Ich habe seit zwölf Jahren angemahnt, dass junge Spieler gefördert und gefordert werden müssen. Da müssen die Spitzenvereine mehr tun.» Der Bundestrainer kämpft dabei, ähnlich wie sein Pendant Joachim Löw im Fußball, gegen die Interessen der Ligavereine.

Die Clubs brauchen internationale Stars um im europäischen Spitzenhandball zu bestehen und Titel zu gewinnen. Dabei passiert es unweigerlich, dass deutsche Talente dafür auf der Bank sitzen müssen und nicht genug Einsatzzeiten erhalten. Daher Brands Kritik: «Wir haben die stärkste Liga der Welt, aber die Schlüsselpositionen sind mit Ausländern besetzt.»

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft
Mission Titelverteidigung gescheitert

Ein Ansatz zur Lösung des Problems wäre, den deutschen Nachwuchs dermaßen gut zu fördern, dass der Unterschied zu den Spielern aus dem Ausland nicht mehr so groß ist. Das kostet zum einen viel Geld und braucht Zeit. Da ist ein ausländischer Spieler, der bei einem anderen Club internationale Erfahrung sammeln konnte, die schnellere Lösung.

Im deutschen Fußball gibt es seit einigen Jahren das Konzept - übernommen aus dem englischen Fußball - talentierte Spieler auszuleihen, um ihnen Spielpraxis zu geben. Davon profitieren alle Beteiligten. Der Spieler kann sich durch viel Spielzeit weiterentwickeln, der ausleihende Verein verliert kein Talent und der Verein, der den Spieler ausleiht, erhält für relativ wenig Geld eine Verstärkung.

Bestes Beispiel für ein erfolgreiches Leihgeschäft ist Nationalspieler Philipp Lahm. In der Jugend des FC Bayern München ausgebildet, wurde er an den VfB Stuttgart ausgeliehen, bekam seine Einsätze, reifte zum Nationalspieler und kehrte letztlich wieder zum Rekordmeister zurück.

Im Handball wird das Leihgeschäft selten angewandt. Und so bekommen junge deutsche Talente eben nicht die nötige Spielpraxis. Daher forderte Heiner Brand umgehend nach dem WM-Erfolg 2007, dass jedes Bundesligateam in jeder Partie mindestens vier deutsche Spieler aufbieten muss. Bislang ohne Erfolg.

Bei all der Begeisterung, die durch die Handball-WM in Kroatien ausgelöst wurde, bleibt Heiner Brand seinen Forderungen treu und mahnt: «Alle, die an dieser Sportart beteiligt sind, müssen sich engagieren, damit wir in Zukunft wieder eine Supermacht im Handball werden. Bisher bewegen wir uns irgendwo an der Grenze. Wir schaffen es immer wieder durch besondere Anstrengungen, an die Weltspitze heran zu kommen. Aber bei dem Potenzial, das im Handball in Deutschland steckt, ist viel mehr drin».

Lesen Sie auf Seite 2, wie die Stimmung im deutschen Team nach dem verpassten Halbfinaleinzug ist, und wie es sich auf das heutige Spiel einstimmt

Im Spiel um den fünften Platz (15 Uhr / RTL) gegen Ungarn will der entthronte Titelverteidiger bei der WM in Kroatien einen versöhnlichen Abschluss. Im Team herrschte einen Tag nach dem unglücklichen Verpassen des Halbfinales die Gefühlsmischung aus Enttäuschung und Aufbruchstimmung.

«Dass wir nicht Serien-Weltmeister werden, ist doch klar. Wir haben gesagt, dass wir eine neue Mannschaft brauchen, und dafür war das ein sehr guter Anfang. Es ist bitter, dass wir nicht ins Halbfinale vorgedrungen sind, aber wir haben mehr erreicht als zu erwarten war», urteilte Horst Bredemeier, Vizepräsident im Deutschen Handballbund (DHB).

Noch immer aufgewühlt von den Geschehnissen des Vortages haderten die Spieler mit dem Schicksal. Nach der 25:27-Niederlage gegen Europameister Dänemark hätte anschließend ein Remis zwischen Polen und Norwegen doch noch für das Halbfinale gereicht. Nach 59:58 Minuten stand es 30:30.

«Da war die Welt noch in Ordnung. Und dann wirft der den Ball irgendwo hin», sagte der Hamburger Torsten Jansen und meinte den Weitwurf von Artur Siodmiak (TuS N-Lübbecke) ins leere norwegische Tor zum 31:30, der buchstäblich in letzter Sekunde alle Hoffnungen zunichte machte. «Das ist unglaublich, das kann man noch immer nicht begreifen», gab Spielmacher Martin Strobel zu.

«Das hätte nicht in dieses Turnier reingepasst, wenn wir da auf einmal Glück gehabt hätten», grummelte der Bundestrainer, der zuvor schon zahlreiche umstrittene Schiedsrichter-Entscheidungen in den Spielen gegen Norwegen (24:25) und Dänemark angeprangert hatte. «Was die Referees gemacht haben, ist fahrlässig. Ganz Deutschland weiß, dass wir das Halbfinale verdient hätten, aber gegen die Schiedsrichter hatten wir keine Chance», pflichtete der verletzte Spielmacher Michael Kraus bei.

Bundestrainer Brand wollte sich mit den Leistungen der Unparteiischen aber nicht mehr aufhalten und lobte stattdessen die Leistung seines Teams. «Es war ein sehr gutes, teilweise sensationelles Auftreten der Mannschaft. Es hat nur wenige in Handball-Deutschland gegeben, die dieser Truppe eine solche Leistung zugetraut hätten. Besonders wichtig für mich bei dieser umgebauten Mannschaft war die Leidenschaft in jedem der acht Spiele, der unbedingte Wille zu gewinnen», erklärte er.

Gegen Ungarn zum WM-Abschluss wollen Brand und seine Spieler ihr Engagement noch einmal demonstrieren. Fehlen wird dabei neben Kapitän Kraus auch Pascal Hens wegen einer Oberschenkelblessur. Für ihn wurde der Wetzlarer Sven-Sören Christophersen nachnominiert. «Die Mannschaft wird genau wie in jedes andere Spiel reingehen. Das sind wir uns und dem deutschen Handball gegenüber schuldig», sagte Brand.

Dabei erhielt er volle Rückendeckung aus der Mannschaft. «Wir wollen einen schönen Abschluss», sagte Strobel. Und Torhüter Johannes Bitter ergänzte: «Es ist immer noch Frust und Wut im Bauch. Das werden wir alles rauslassen und dann Fünfter werden.»

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