Ein Berg, der weint
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Michael Heinrich
Artikel vom 25.12.2008Glaube kann Berge versetzen. Der Glaube brachte bei den Olympischen Spielen aber auch einen Berg zum weinen. Matthias Steiners Goldmedaille im Gewichtheben war die, die mir von den dreizehn deutschen am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben ist.
Denn nach seinem Triumph vergoss der 145-Kilo-Mann Steiner Tränen der Freude und des Schmerzes gleichermaßen. In Gedanken war er bei seiner verstorbenen Frau Susann. «Mit dem Glauben ist das so eine Sache, aber ich hoffe und denke, dass sie das mitbekommen hat», erklärte Steiner anschließend im Fernsehinterview.
Für mich ist es das Bild dieses Hünen, der - golddekoriert, halb lachend, halb weinend - auf dem Podest ein Foto seiner Susann in die Kamera hält, das ich zuerst mit den Spielen 2008 in Peking assoziiere. Kein Usain Bolt mit seinen fantastisch aufreizenden Sprintsiegen, kein Michael Phelps mit seinen acht Goldmedaillen im Schwimmen reichten an den stärksten Mann der Welt heran, der vor den Augen der Öffentlichkeit hemmungslos seine Schwäche zeigte.
Besonders bewegend war auch die Reaktionen von Susanns Eltern. Zusammen mit Steiners Heimtrainer Stefan Grützner sahen sie beim Public Viewing im Vereinsheim des Chemnitzer Athletenclubs, wie Steiner das Bild ihrer Tochter vor seinen massiven Bauch hielt. «Es kullern die Freudentränen - es ist einfach nur bewegend», bemerkte Grützner. Die Eltern fanden in diesem Moment keine Worte. Vor gut einem Jahr war ihre Tochter, Steiners Frau, in Leimen mit dem Auto verunglückt.
Statt den Sport aufzugeben, in Trauer zu versinken, suchte und fand Steiner im Gewichtheben Erlösung. Dabei war Steiner noch vor einem Jahr am Boden: «Wir haben mit ihm bei der Beerdigung am Grab gestanden – und wir mussten diesen Riesen stützen», erinnerte sich Grützner. Als einziger deutscher Athlet stand Steiner am Ende unter den zehn denkwürdigsten Olympioniken in Peking – seine Geschichte rührte die Menschen weltweit.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren