Fußballtrikots Kicker im Schlabberlook

Matthias Sammer (Foto)
Dortmund Libero Matthias Sammer kann so auf jeden Mega-Rave gehen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Stefan Bechstein
In Sachen Mode hängen Fußballtrikots ihrer Zeit hinterher. Sie sind weit geschnitten und haben teils altmodische Farben. Warum das so ist, erklärt Designer und Produktmanager Hendrik Hwang. Eine Geschichte über das Mittelalter, Streifen und Gerstensaft.

news.de: Herr Hwang, warum sind so viele Fußballtrikots weit geschnitten?

Hendrik Hwang: Der Markt von Fußballbekleidung wurde über viele Jahre von Adidas geprägt. Nun hat Adidas seine breiten Käuferschichten nicht nur unter aktiven Fußballern, sondern auch unter einer speziellen Konsumentenschicht, welche sich mit den deutschen Mannschaften identifiziert und die Trikots gerne in ihrer Freizeit anzieht. Dort macht Adidas die großen Umsätze, und diese Konsumenten verfügen eben nicht immer über sportlich wohlgeformte Körper, sondern leiden oft unter Folgeerscheinungen übermäßigen Gerstensaftkonsums. Die Bundesliga-Fußballer sind Werbeträger einer Kleidung, die im Handel an eben jene Käufer vertrieben wird.

Trikots
Kleider machen Leute, oder auch nicht

news.de: Der Bierbauch ist also schuld?

Hwang: Nicht ganz, es gibt noch eine andere Erklärung und die ist sportlich bedingt. Viele Spieler oder auch Sportler mögen in den Sommermonaten Kleidung, welche nicht eng am Körper liegt, da sich flatternder Stoff wie ein Ventilator verhält und Körperwärme gut abtransportiert. Dies trifft vor allem bei Ausdauersportarten zu.

news.de: Aber es gibt doch auch eng anliegende Fußballtrikots.

Hwang: Genau, neue synthetische Materialien, die eng am Körper anliegen, transportieren die Feuchtigkeit vom Körper weg. Das macht weite Kleidung überflüssig und sieht meiner Meinung nach auch besser aus.

news.de: Wer setzt auf diese Materialen?

Hwang: Seit sich Firmen wie Nike verstärkt auf dem europäischen Fußballmarkt bewegen, ist Bewegung in das Styling dieser Artikel gekommen. Auch Puma, die sich im Gegensatz zu Adidas gerne ästhetisch von der Masse abheben wollen, haben hier Impulse gesetzt und neuere Formen eingeführt - schmaler und essentieller. Kappa als italienisches Label und als eine Marke, die in der Vergangenheit viele Schwankungen durchstehen musste, orientiert sich wieder eher an den modischen Themen und daher auch an den schmalen Formen und neuen Details. Auch Adidas hat scheinbar dazu gelernt und verschmälert zusehends seine Trikots, modischer werden sie davon alleine aber nicht.

news.de: Lassen Sie uns über die Trikotfarben sprechen. Da scheint sich auch wenig zu bewegen.

Hwang: Die Farben der Fußballvereine, welche sich in der Kleidung widerspiegeln, gehen auf lange Traditionen zurück. Vereine die sich vor mehr als hundert Jahren gegründet haben, sind oft bei ihren Farben geblieben. Die Farbgebungen waren damals nicht unter ästhetischen oder gar modischen Gesichtpunkten gewählt, sondern eher fast mittelalterlichen Traditionen folgend. Es ging darum, die Flagge oder den Schild zu zeigen, sprich, eine klare Zugehörigkeit zu demonstrieren und eine Kampfposition zu beziehen. Es ist daher nicht einfach und meistens auch nicht gewünscht, an diesen Farbidentitäten, mit allen dazugehörenden Merchandising-Artikeln und sonstigen Werbemitteln, etwas zu ändern.

news.de: Das klingt sehr festgefahren. Gibt es denn keine Chance auf ein frisches Design?

Hwang: Fußball gehört aus einer Vielzahl an Gründen zu den wertkonservativsten Sportarten. Einzig durch das Aufkommen von FreestyleIm Fußball versteht man unter Freestyle (zu deutsch: Freistil) Kunststücke am Ball. Der brasilianische Fußballer Ronaldinho ist bekannt für seine zahlreichen Tricks, die vielen Freestylern zur Nachahmung dienen. werden auch Schnittstellen zur StreetwearSportliche Kleidung für den Alltag. erweitert. Ansonsten kann man Fußball einfach nicht mit einem trendigen Umfeld gleichsetzen. Allerdings, muss man fairer Weise zugeben, konnte sich sogar ein FC Bayern durchringen, das Bayern-Blau für die Auswärtsspiele etwas edler und dunkler einzusetzen. Die Trikots sind von Adidas.

news.de: Haben Sie ein Lieblingsfußballtrikot?

Hwang: Am besten gefallen mir die Trikots der amerikanischen Fußball-Nationalmannschaft. Ich finde sie edel und essentiell. Nike orientiert sich, im Gegensatz zu vielen deutschen Herstellern, nicht an den typischen Vereinsoptiken, sondern an den elitären Sportkleidungen der Universitäten, welche in Amerika die Kaderschmieden des Sports sind. Für den «Schlabberlook» sorgen dort die Basketballspieler und die HipHop-Szene.

news.de: Wie sähe Ihr Trikotentwurf für einen Fußball-Bundesligisten aus?

Hwang: Ich würde in den Entwurf alles hineinlegen, was Kampf, Leidenschaft und mentale Überlegenheit widerspiegelt. Der Einsatz bester Material ist selbstredend. Die Optik des Trikots sollte wichtiger sein als das Branding.

Hendrik Hwang ist 42 Jahre alt und Designer und Produktmanager für funktionelle Bekleidung. Zudem ist er als Dozent für Modedesign an der Mediadesign Hochschule München tätig. In der Bundesliga drückt er der TSG Hoffenheim die Daumen. Begründung: Weil dieses Team mit Kampfgeist und Klugheit die Etablierten aufmischt.

Lesen Sie auf Seite 2, was Adidas über seine Fußballtrikots sagt

news.de: Warum sind Ihre Fußball-Trikots so weit geschnitten?

Adidas: Auch Adidas-Fußballtrikots können sehr eng getragen werden. Da die meisten Spieler aber weitere Trikots bevorzugen und uns das Wohlbefinden unserer Athleten am Herzen liegt, können die Sportler das Trikot nach Belieben tragen.

news.de: Was ist überhaupt das Besondere an einem Fußballtrikot gegenüber anderen Trikots?

Adidas: Die «ClimaCoolEin System für Kleidung, entwickelt von Adidas, bei dem die Schweißbildung auf der Haut durch Ventilation und Absorption von Feuchtigkeit verringert wird. »-Funktion in unseren Fußballtrikots kühlt den Spieler beispielsweise gezielt durch Luftzufuhr.

news.de: Wie lange braucht es von der Ideenfindung bis zur Produktion eines Trikots?

Adidas: Vom Entwurf über Entwicklung bis hin zur Produktion eines Trikots vergehen in etwa anderthalb Jahre.

news.de: Und inwiefern sind die Vereine an der Farb- und Formauswahl beteiligt?

Adidas: Alle Produkte werden in Zusammenarbeit mit den Vereinen gestaltet.

news.de: Fließen auch Fan-Vorschläge in das Trikotdesign ein?

Adidas: Natürlich gehen wir auch bei der Entwicklung eines Trikots auf unsere Zielgruppe ein. In Fokusgruppen mit Fußballfans beobachten wir intensiv die Reaktionen von Fans auf unsere Produkte und beziehen diese in die Entstehung ein.

news.de: Gibt es ein Adidas-Trikot, das es zum Kultstatus geschafft hat?

Adidas: Viele Emotionen wurden zweifelsohne mit dem WM-Trikot der deutschen Nationalmannschaft von 1990 verbunden. Dieses Trikot war und ist auch heute nicht aus optischen Gründen sehr beliebt, sondern auch weil es der deutschen Nationalmannschaft zum WM-Sieg verhalf.

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