Lärm im Stadion Beim Fußball gibt’s was auf die Ohren

Die Atmosphäre im Stadion ist für Fußballanhänger das Größte. Je lauter, desto besser. Dass der Lärm in einem Stadion häufig auch mit Hörschäden verbunden sein kann, erklärt Siegrid Meyer, Dozentin an der Akademie für Hörgeräte-Akustik in Lübeck.

Laerm im Stadion (Foto)
Gerade kleine Fans sollten sich vor Lärm schützen. Bild: ddp

news.de: Welche Schallpegel sind in Fußballstadien anzutreffen, und was sind die schädigenden Einflüsse?

Meyer: In einer Fankurve sind Schallpegel von über 130 Dezibel durch den Gebrauch von Fanfaren zu erwarten. Durch den Einsatz von aufblasbaren Klatschhilfen wird immerhin noch ein Schallpegel von 120 Dezibel im Abstand von 50 Zentimetern erzeugt. Im Schnitt liegt die Belastung für den Zuschauer im Stadion bei 105 Dezibel. Zum Vergleich: Im Arbeitsalltag wird ab einem Schallpegel von 85 Dezibel Schallschutz getragen. Erfolgt am Anschluss an das Fußballspiel keine Erholungsphase für das Ohr, addieren sich die folgenden Schallpegel in ihrer schädigenden Wirkung.

news.de: Was sind die Folgen?

Meyer: Es kann unmittelbar zu Beeinträchtigungen des Hörvermögens bis hin zur Schwerhörigkeit kommen sowie zu Geräuschen im Ohr, allgemein bekannt als Tinnitus. Ferner wirkt Lärm sich auf den gesamten Organismus aus, indem er Stressreaktionen auslöst. Daraus resultieren Veränderungen bei Blutdruck, Herzfrequenz und anderen Kreislauffaktoren.

news.de: Was genau versteht man unter einem Tinnitus?

Meyer: Tinnitus ist der medizinische Fachausdruck für Ohrgeräusche oder Ohrensausen. Jeder Vierte hat dieses Phänomen schon mal wahrgenommen, meistens und glücklicherweise nur vorübergehend. Oft wird es als Pfeifen, Rauschen, Zischen oder Summen erlebt. Der Tinnitus ist eine Art Phantomschmerz. Der durch Lärm geschädigte Hörnerv sendet ständig Impulse an das Gehirn, die dort als Ton interpretiert werden, obwohl von außen kein Geräusch an das Ohr dringt.

news.de: Gibt es auch Langzeitfolgen?

Meyer: Ja, die gibt es. Zu den möglichen Langzeitfolgen gehören neben den Gehörschäden auch Änderungen bei den Blutfetten, Blutzucker und Gerinnungsfaktoren. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Arterienverkalkung, Bluthochdruck und bestimmte Herzkrankheiten einschließlich Herzinfarkt gehören zu den möglichen Langzeitfolgen.

news.de: Wie kann man sich gegen Lärm schützen?

Meyer: Am einfachsten ist es, die Schalleinwirkung auf das Ohr zu vermindern, indem man sich die Ohren zuhält. Das ist zwar effektiv, aber zugegebenermaßen nicht praktikabel für den Fan im Stadion. Ein Stück vom Papiertaschentuch, vorsichtig am Eingang des Gehörgangs platziert, kann eine Erste-Hilfe-Maßnahme sein. Besser ist es, sich mit professionellem Gehörschutz auszustatten.

news.de: Und der sieht wie genau aus?

Meyer: Der Standard-Gehörschutz ist aus weichem Kunststoff in verschiedenen Größen und Farben erhältlich. Der DämmwertWert, um den der Lärmpegel gesenkt wird. liegt bei etwa 35 Dezibel.
Ein individuell angefertigter Gehörschutz passt nur in den Gehörgang, für den er angefertigt wurde. Dafür wird eine Abformung vom Ohr genommen und ein Filterstück eingebaut. Der Dämmwert ist abhängig vom verwendeten Filter. Erhältlich ist er bei allen Hörgeräteakustikern.

Lesen Sie auf Seite 2, woran man Hörschäden erkennen kann

news.de: Wie merkt man denn eigentlich, dass man schlechter hört?

Meyer: Deutliche Merkmale für Hörprobleme sind häufiges Überhören des Telefons oder der Türklingel und das Gefühl, dass der Gesprächspartner nuschelt oder undeutlich spricht. Es kommt auch vor, dass die Nachbarn sich über den zu lauten Fernseher oder laute Musik beschweren. Im Straßenverkehr führen Hörprobleme zu unsicherem Verhalten.

news.de: Das hat doch bestimmt auch Folgen für das soziale Miteinander?

Meyer: Auf jeden Fall. Kollegen und Partner sind durch ständiges Nachfragen genervt und ziehen sich zurück. Hörprobleme führen nicht selten zur Isolation oder gar zu Depressionen des Betroffenen; im schlimmsten Fall kann aber auch der Verlust der Arbeitsstelle die Folge sein. Hörgeminderte Berufstätige sollten deshalb Hörprobleme nicht auf sich beruhen lassen, sondern sich gezielt beim Hörgeräte-Akustiker oder Hals-Nasen-Ohrenarzt informieren.

news.de: In Diskotheken und bei Konzerten gibt es gesetzliche Obergrenzen für den Lärmpegel. Sollte es Ihrer Ansicht nach eine solche Beschränkung auch für Fußballstadien geben?

Meyer: Ja, eine Umsetzung der Richtlinie sollte auch in Fußballstadien gelten.

news.de: Wie glauben Sie, könnte man denn den Lärmpegel in Fußballstadion regulieren oder einschränken?

Meyer: Klatschhilfen und Nebelhörner könnten verboten werden, zudem gibt es schallabsorbierende Maßnahmen für die Architektur der Stadien. Und jeder Einzelne kann mit Ohrstöpseln etwas gegen Lärm tun.

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