Der stille Revolutionär
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Michael Heinrich
Artikel vom 26.03.2009Von der Weltklasse war der deutsche Bahnradvierer zuletzt weit entfernt. Bundestrainer Andreas Petermann soll nun den Erfolg zurück bringen. Bei der Weltmeisterschaft in Polen muss sich der ehemalige sportliche Leiter von Jan Ullrich erstmals an Medaillen messen lassen.
Die deutschen Asse konnten lange nur in Erinnerungen schwelgen. Bei den den Olympischen Spielen 2008 hatten sie genug Zeit, denn als die Medaillen vergeben wurden, war das Quartett längst nicht mehr dabei. Dabei hatten die Deutschen vor acht Jahren als erste die magische Grenze von vier Minuten nach unten durchbrochen. 3:59,710 Minuten für 4000 Meter stellten einen Meilenstein
in der Mannschaftsverfolgung dar. Damals war man ganz oben.
Mit Petermann will der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) wieder an jene lang vergangenen, goldenen Zeiten anknüpfen. Eine Medaille bei den Olympischen Spielen 2012 ist die vertraglich festgeschriebene Zielsetzung. «Das ist ein großes Ziel, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich hätte den Job nicht angenommen, wenn ich nicht eine realistische Chance dafür sehen würde», sagt Petermann im Gespräch mit news.de. Die gerade laufenden Bahnrad-Weltmeisterschaften in Polen sind eine erste Standortbestimmung.
Vieles hat Petermann bereits für sein Konzept geändert. «Zwei Bausteine sind wesentlich», erklärt der ehemalige sportliche Leiter von Jan Ullrich beim Team Coast und Bianchi: «Erstens die engere Vernetzung mit Fahrern und Trainern, zweitens die Stärkung der sportwissenschaftlichen Komponente im Trainingsprozess.» So hat Petermann intern eine Zusammenarbeit mit dem renommierten Institut für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) in Leipzig durchgesetzt. «Es wird am IAT einen extra Mitarbeiter für Radsport geben», bestätigt Petermann auf Nachfrage von news.de.
Die Kooperation kommt einer kleinen Revolution gleich. Bislang gehörte der BDR zu den Verbänden, die auf Hilfestellung seitens des weltbekannten Instituts freiwillig verzichteten. «Vor dem Hintergrund der Dopingdiskussionen konnte ich meine Argumentation, dass es leistungssteigernde Mittel legaler Natur gibt, durchsetzen», sagt der 51-Jährige und kündigt an: «Es gilt noch einiges an den Strukturen zu ändern.» Stille Sachlichkeit statt klinsmannschem Hurrastil ist dabei sein Motto.
«Er ist die optimale Besetzung für diese Position», findet Robert Bartko. Der mehrfache Olympiasieger – unter anderem mit dem legendären Vierer 2000 in Sydney – nimmt kein Blatt vor den Mund, um die Situation zu beschreiben: «Uns fehlt die Qualität auf der Bahn, die Masse der Fahrer geht auf die Straße, weil dort das meiste Geld zu verdienen ist. Da muss was passieren. Petermann hat das erkannt.» Den Vierer fährt Bartko bei der WM nicht mehr, doch seine Anwesenheit ist auch so wichtig genug.
Petermann braucht für seine Mission einen wie Bartko, ein Idol auf der Bahn. Das Gegenteil, nämlich ein übermächtiges Idol auf der Straße, ist mitverantwortlich für die gegenwärtige Krise. «Es hängt sicher mit Jan Ullrich zusammen», analysiert Petermann, «seine Erfolge haben den Nachwuchs auf die Straße gezogen, weg von der Bahn.»
Der Straßenradsport ist medial zwar präsenter, geht es aber um das Abschneiden von Nationen bei Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen, gibt es auf der Bahn mehr Edelmetall zu holen. «Es gilt Trainer und Vereine zu motivieren, wieder verstärkt auf der Bahn zu arbeiten. Der spätere Gang auf die Straße ist ja nicht ausgeschlossen, im Gegenteil: Neben Erik Zabel gibt es viele weitere erfolgreiche Beispiele.»
hem/mik
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren