Familie: Parcours mit Schikanen: Nachfrage nach Rollator-Training wächst

Pforzheim - Sie machen mobil und erleichtern das Laufen. Man kann damit aber auch stolpern und übel stürzen. Sich mit Rollatoren sicher zu bewegen, ist nicht leicht. Spezielle Trainings helfen, die Nachfrage steigt.

Parcours mit Schikanen: Nachfrage nach Rollator-Training wächst Bild: Uli Deck/dpa

Es ist ein wenig abschüssig und die Rollatoren bewegen sich fast wie von selbst. Aber nur fast, denn der 90-jährige Reinhold Binder und der 83 Jahre alte Konrad Götz müssen ja noch um die Kurven. Im Slalom steuern sie ihr Gefährt ganz langsam durch den Parcours aus grün-weißen und rot-weißen Hütchen, aufgestellt von der Verkehrswacht und dem Kreisseniorenrat. Beim Rollator-Training in Pforzheim üben die beiden Bewohner eines Pflegeheims, wie sie mit der Gehhilfe auf vier Rädern sicher wenden, über Bordsteine kommen, Hindernisse umfahren oder Bus und Bahn benutzen.

In Baden-Württemberg werden Rollator-Trainings erst seit dem vergangenen Jahr veranstaltet; bundesweit gibt es solche Angebote seit etwa drei Jahren. «Es ist aber inzwischen eine Art «Bewegung»», erläutert Juliane Papendorf, Sprecherin des bayerischen Rollator-Herstellers Topro. «Denn der Rollator hat sich von einem nervigen Hilfsmittel zu einem Instrument entwickelt, das dem Benutzer Mobilität und Freiheit gibt.»

Die Zahl der Älteren und Alten in Deutschland steigt, ebenso der Bedarf an Rollatoren. «Sie sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken», sagt Cornelia Brodesser von der Verkehrswacht Bonn. Sie bot 2011 als eine der ersten solche Kurse an und leitete inzwischen rund 100. Ältere Menschen bräuchten oft mehr Zeit, um sich mit der Handhabung von Rollatoren wirklich anzufreunden. «Eine kurze Einweisung im Sanitätshaus genügt da oft nicht - ein Training kann da Abhilfe schaffen.»

Seit zwei Jahren gibt es sogar einen «Deutschen Rollatortag», bei dem über mehrere Monate hinweg in verschiedenen Städten die Rollator-Nutzung thematisiert und geübt wird. Im vergangenen Jahr gab es über 50 Veranstaltungen mit Tausenden Besuchern, sagt Papendorf. «Rollatoren finden immer mehr Verbreitung - nicht nur bei gebrechlichen Senioren, sondern eben auch bei «jungen Alten»», sagt sie.

Mindestens 200 solcher Trainings gibt es inzwischen jährlich in Deutschland - und der Umgang mit den Gefährten treibt lustige Blüten. Der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband (ADTV) beispielsweise bietet «Rollator-Tanzkurse» an.

Branchenexperten schätzen, dass es bis 2022 bis zu sechs Millionen Rollatoren in Deutschland geben könnte. Allein 2013 seien etwa 500 000 Stück verkauft worden, sagt der Geschäftsführer von Topro, Thomas Appel. Rund 100 000 davon sind leichte Alu- oder Kunststoff-Rollatoren. Die Krankenkasse bezahlt meist nur die Standard-Rollatoren aus Stahl. Sie wiegen um die zwölf Kilo, sind nicht so handlich, kosten aber nur zwischen 45 und 80 Euro.

Für die leichten Premium-Rollatoren müssen hingegen schon mal zwischen 300 und 500 Euro hingeblättert werden. Dafür sind sie bis zu sechs Kilo leichter und einfacher zu handhaben.

Alu oder Stahl - der Umgang mit dem Rollator muss so oder so gelernt werden. Und das Gerät muss verkehrssicher sein. «Beim Rollator-Training im letzten Jahr haben wir an 40 Prozent der Rollatoren Mängel festgestellt», sagt Maik Reiling vom Sanitätshaus Heintz, der die Rollatoren beim Training in Pforzheim auf ihre Verkehrssicherheit untersucht: Bei Herrn Binder zum Beispiel sind die Griffe zu niedrig eingestellt, die Bremsen funktionieren ebenfalls nicht richtig.

Im Staßenverkehrsrecht gibt es nach Angaben des Verkehrsministeriums keine speziellen Regeln für Rollatoren. Im Namen von Betroffenen wünscht Appel sich längere Ampelphasen, breitere Gehwege in Ballungszentren und weniger Barrieren. Insgesamt ist er mit der Entwicklung aber zufrieden: «Die Entstigmatisierung ist gelungen. Inzwischen sieht man eine ganze Menge Senioren, die flott und guten Mutes unterwegs sind.»

Die an Multipler Sklerose erkrankte Birgit Stieß nutzt schon seit zehn Jahren einen Rollator, hatte bislang aber Angst vor dem Busfahren. «Ein- und Aussteigen traue ich mich oft nicht», sagt sie. Nach dem Parcours und dem Training in zwei extra bereitstehenden Bussen ist ihr ein wenig leichter ums Herz: Bremsen ziehen, abkippen, Bremsen lösen, anheben, reinrollen, fertig. Aber üben will sie trotzdem noch privat. «Mir ist das noch ein bisschen zu wackelig.»

news.de/dpa

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