Pornos mit 13 Sind deutsche Kids total versext?

Dr. Sommer? War gestern! Wenn es um erste Erfahrungen mit Sexualität geht, wird Pornographie für Heranwachsende immer wichtiger. Jeder zweite 13-Jährige hat schon Pornos gesehen - dabei sind die erst ab 18 freigegeben. Doch im Netz spielt das keine Rolle.

Sex in Zahlen: Witzige Fakten aus der Welt der Erotik

Porno? Das war früher einmal tabu, igitt, pervers. Heute ist Pornographie allgegenwärtig, manche Experten sprechen sogar von einer «Pornographisierung der Gesellschaft». Treiber der Entwicklung ist das Internet. Es ermöglicht nicht nur anonymen Konsum, sondern stellt auch eine nie dagewesene Menge und Vielfalt an pornographischen Inhalten bereit. Bei Google gehen jeden Tag 250 Millionen Suchanfragen nach Sexinhalten ein. Jeder vierte Internetnutzer schaut sich Pornos im Netz an. 

Pornographie und echtes Liebesleben bewegen sich dabei aufeinander zu. Das Private und Intime findet immer öfter den Weg ins Netz und wird somit selbst zu pornographischem Material. Bei YouPorn kann man nicht nur Filme anschauen, sondern auch selbst gedrehte Clips aus dem eigenen Schlafzimmer hochladen. Bei Chatroulette haben laut einer Studie knapp ein Siebtel der Teilnehmer nichts anderes im Sinn, als sich ihren zufällig angewählten Webcam-Partnern nackt zu präsentieren. Und das Phänomen «Sexting» (das Versenden anzüglicher Fotos im Netz) ist so verbreitet, dass sich eine App gerade zum Verkaufsschlager entwickelt, die Sexting komfortabler macht – und dafür sorgt, dass sich die Fotos nach einer gewissen Zeit selbst wieder löschen.

Ab 18, aber nur einen Klick entfernt

Das kann man erschreckend finden oder erfreulich. Besonders relevant wird die Entwicklung aber beim Blick auf Heranwachsende. Auch heute steht auf Pornographie noch ein großes «Ab 18». Jeder, der Minderjährigen den Zugriff auf pornographische Inhalte gewährt, macht sich strafbar. Aber im Internet sind die meisten Angebote trotzdem nur einen Klick weit entfernt. Im Netz oder durch Handyvideos auf dem Schulhof werden die Kids heute schon längst regelmäßig mit Pornographie konfrontiert, bevor sie alt genug sind, um solche Angebote legal nutzen zu dürfen – und bevor sie in ihrer eigenen sexuellen Entwicklung weit genug sind, um verarbeiten zu können, was sie da sehen.

50 Prozent der 13-jährigen Jungs haben schon mindestens einmal einen Porno gesehen. Bei den 16-Jährigen steigt der Wert auf 89 Prozent, hat eine Studie des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ergeben. Mädchen kommen im Durchschnitt später mit Pornographie in Kontakt: Nur jedes siebte 13-jährige Mädchen hat schon Pornos gesehen, drei Jahre später liegt der Wert aber schon bei 63 Prozent. Es bleibt auch nicht immer beim neugierigen Hineinschnuppern, wie eine andere Untersuchung zeigt: Laut der Studie Bildschirmmedien im Alltag von Kindern und Jugendlichen sehen sich 35 Prozent der männlichen und zwei Prozent der weiblichen Neuntklässler (also 14- bis 15-Jährige) mehrmals monatlich pornographische Inhalte oder Softsex-Filme an.

«Pornos sind Science Fiction»

Tina Bremer-Olszewski will auf solche Daten mit Aufklärung reagieren. Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin hat gemeinsam mit Ann-Marlene Henning das Buch Make Love geschrieben, einen sehr lesenswerten, modernen und unverkrampften Ratgeber für Teenager. «Wenn Jugendliche unkommentiert Pornos sehen, können sie gar nicht wissen, was daran alles fake ist. Und deshalb können Pornos schon unter Druck setzen. Eltern und Lehrer sind hier gefragt, die erklären, was da passiert», sagt sie. «Der Konsum ist da, also muss es eine Einordnung für Jugendliche geben. Jemand, der sagt: ‹Das ist wie in einem Science-Fiction-Film, das ist nicht echt, das hat mit schönem, erfüllten Sex wenig zu tun. Der geht anders.› Und genau das tun wir in Make Love

Dass Pubertierende ein riesiges Interesse an Sex haben, dürfte kaum überraschen – und man muss daraus auch nicht gleich Schlagzeilen wie «Generation Porno» ableiten. Trotzdem sollte man sich vor Augen führen: Bei den Sechzehnjährigen haben fast 90 Prozent der Jungs und zwei Drittel der Mädchen schon Inhalte gesehen, die aus gutem Grund erst ab 18 Jahren freigegeben sind. Gruppensex, Cumshots und einen akrobatischen Stellungsmarathon: All das hatten etliche von ihnen schon vor Augen, bevor sie auch nur den ersten schüchternen Kuss gewagt haben.

Weil viele Portale keine wirksamen Jugendschutzmaßnahmen haben, kommen die Kids jederzeit an alles ran – und sie laufen Gefahr, Pornographie für die Realität zu halten. Das liegt nicht nur daran, dass Portale wie YouPorn es tatsächlich möglich machen, sein eigenes Liebesleben mit der ganzen Welt zu teilen. Sondern auch daran, dass viele Anbieter vorgeben, in ihren Filmen seien Amateure beim echten Liebesspiel zu sehen statt Pornodarsteller bei ihrem Job.

«Es gibt leider noch keine Daten dazu. Aber es ist davon auszugehen, dass die extreme und leichte Verfügbarkeit von Pornographie einen Einfluss hat. Das Pornomodell kommt in die Köpfe rein, und das sorgt auch für Leistungsdruck», sagt Prof. Dr. Uwe Hartmann, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft.

Was das bedeutet? Heranwachsende könnten meinen, riesige Schwänze mit Endloserektion seien ebenso normal wie perfekte Brüste und dauergeile Frauen, die allesamt besonders gerne Sperma schlucken. Alles funktioniert in der Porno-Welt auf Knopfdruck, genau nach den eigenen Vorstellungen. Enttäuschungen sind ausgeschlossen, die Sexpartner sind eine Ware, die man bei Nichtgefallen austauscht. Das sorgt nicht nur für falsche Vorstellungen und Leistungsdruck, sondern nimmt den Kids auch die Möglichkeit, Erotik und Sexualität – inklusive ihrer eigenen Vorlieben und Grenzen – selbst zu entdecken. Und sie bleiben womöglich ein Leben lang geprägt vom Pornomodell. Die Sexualtherapeutin Brandy Dunn berichtet in ihrem Buch Die Männer auf meiner Couch von einer Freundin, die keine Lust mehr auf junge Männer und ihre Porno-Prägung hat. Sie habe lieber Sex mit Männern, die schon so alt sind, dass sie nicht mit dem Internet, sondern mit dem Playboy aufgewachsen sind.

Diese Erfahrung hat auch Cindy Gallop gemacht. Die 52-Jährige hat ebenfalls den Eindruck, dass sich das erotische Geschehen in den ganz realen Betten immer mehr den überzeichneten Drehbüchern von Porno-Clips angleicht. Die US-Millionärin hat als Gegenbewegung das Portal Make Love Not Porn ins Leben gerufen, wo ganz normale User ihre persönlichen Sexvideos hochladen und anschauen können, professionelle Pornographie aber unerwünscht ist.

Porno kann zur Sucht werden

Der massenhafte Kontakt mit Pornographie in sehr jungen Jahren erscheint da bedenklich, doch er ist Alltag. «Pornos gehören heute in ihren vielfältigen Verbreitungsformen ganz selbstverständlich zur sexuellen Umwelt von Jugendlichen», schreiben die Autoren der Studie aus Hamburg. Die Nutzung ist dabei sehr unterschiedlich: Mädchen schauen eher zufällig und vergleichsweise selten Pornos, aber öfter auch gemeinsam mit anderen, beispielsweise Freundinnen. Jungs suchen gezielt nach solchen Inhalten und nutzen diese sehr regelmäßig. Bei den 16- bis 19-jährigen Jungs schauen sich 80 Prozent regelmäßig pornographische Inhalte an, ein Drittel sogar mindestens zweimal wöchentlich.

Einige Fachleute sehen in einer sehr intensiven Nutzung auch die Gefahr einer Sucht. «Ständige Steigerung des Konsums, Suche nach immer stärkeren Reizen, Beschädigung der realen Sexualität», zählte die Psychologin Christiane Eichenberg von der Universität Köln unlängst in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung als Symptome auf. Make Love-Autorin Tina Bremer-Olszewski sieht bei übermäßiger Porno-Fixierung noch eine andere Gefahr: «Vor allem Jungs nutzen Pornos zum Masturbieren und eignen sich dabei manchmal bestimmte Techniken an. Und die können dazu führen, dass Sex zu zweit schwierig wird. Denn wenn man beispielsweise gelernt hat, nur in einer bestimmten Haltung, mit viel Druck zu kommen – wie soll ein Partner das jemals genauso hinkriegen?», fragt sie sich. «Es geht also beim Pornokonsum von Jugendlichen in erster Linie nicht um die Gefahr, süchtig zu werden, sondern um die Gefahr, sich einen Weg zum Höhepunkt anzutrainieren, auf dem ein Partner nur schwer folgen kann.»

Kids sind selbstbewusste Porno-Nutzer

Die Inhalte kommen dabei fast ausschließlich aus dem Netz: Die befragten 16- bis 19-Jährigen der Hamburger Studie erwähnten in den Interviews 33 einschlägige Seiten. Auch YouPorn war darunter, dessen Betreiber Fabian Thylmann unlängst Schlagzeilen gemacht hat. Mehr als die Hälfte der Befragten kannten das Portal. Laut der Studie suchen die Kids entweder stimulierendes, normales Material oder perverse, abtörnende Inhalte, mit denen man andere aufziehen oder in Form einer Mutprobe prahlen kann. Gelegentlich schauen Jugendliche Pornos auch gemeinsam mit dem Partner «zur gemeinsamen Stimulation und auf der Suche nach einvernehmlicher Variation ihrer Sexualpraxis», hat die Befragung ergeben.

Dass in deutschen Teenager-Betten nun massenhaft Pornos nachgespielt werden, befürchten die Autoren der Hamburger Studie trotzdem nicht. «Jugendliche gehen mit dem Internetangebot wählerisch um, ihre sexuellen Vorlieben und Strukturen bestimmen den Pornographiekonsum, nicht umgekehrt», lautet ihr Fazit der Befragung, und sie betonen: «Die Unaufgeregtheit, mit der Jugendliche über ihre Erfahrungen mit Pornographie sprechen, steht den AutorInnen zufolge in einem auffälligen Kontrast zur Dramatik der öffentlichen Debatte.» Auch Tina Bremer-Olszewski plädiert dafür, die Kids nicht als wehrlose Opfer in den Fängen der Sexindustrie zu betrachten, sondern ihnen vor allem bei einem selbstbewussten, reflektierten Umgang mit Pornographie zu helfen: «Wichtig ist, Jugendlichen klarzumachen, sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Weder von Sexfilmen, noch von Freunden, die es vielleicht ‹alle schon getan haben›. Diverse Studien belegen: Je besser Jugendliche aufgeklärt sind, desto später haben sie Sex.»

Grundwissen für Heranwachsende zu Sexualität und Internet bietet beispielsweise das Portal loveline.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Einen Überblick über Einstellungen von Jungendlichen zu Sexualität bietet der Bericht Jugendsexualität 2010.

Einen Überblick mit Daten zur Nutzung von Pornographie in der Pubertät gibt es hier.

Das Aufklärungsbuch Make Love führt Heranwachsende einfühlsam, cool und unaufgeregt an das Thema Sexualität heran. Dabei wird immer wieder auch der Umgang mit Pornographie thematisiert - auch für Eltern eine lohnende Lektüre.

Hier der direkte Weg zum Buch.

Autoren: Ann-Marlene Henning, Tina Bremer-Olszewski
Titel: Make Love
Verlag: Rogner & Bernhard
Umfang: 256 Seiten
Preis: 22,95 Euro

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Leserkommentare (31) Jetzt Artikel kommentieren
  • Anon
  • Kommentar 31
  • 23.12.2013 23:11

@Karin, mit verlaub, haben Sie Quellen für diese Zahlen? Ich würde ja behaupten, diese Zahlen wurden frei erfunden.

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  • gisi
  • Kommentar 30
  • 22.12.2013 18:14

Das Problem ist auch, daß die Kinder meinen, um einen Freund zu bekommen/zu haben, müßten sie sich so kleiden, benehmen und handeln wie in den Filmen. Jeder P Film sollte den Zusatz wie auf Zigarettenschachteln haben - Dick und fett - diese Filme sind kranken Fantasien entsprungen, nicht realistisch und mit bezahlten bzw. versklavten Menschen gedreht und nicht zur Nachahmung empfohlen, und absolut nieveaulos - und führen zu verminderter Liebesempfindung und Suchtverhaltem.

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  • Karin
  • Kommentar 29
  • 30.10.2013 20:09

Pornofilme, nur mal so neben bei werden zu 90 Prozent mit Frauen und Minderjährigen gedreht , die dazu gezwungen werden. Alleine in Amerika sind es zwischenman 500'000 - 1'000'000 Frauen . Frauenhandel boomt, verdinst im Jahr so ca. 23 Milliarden. Daher sollte man Pornos verbieten und den Kid's klar machen , eigentlich alle die sich so was reinzieh, das Sie nicht besser sind , alls diese Menschenhändler ! Es ist halt immer noch so, der Konsument bestimmt was auf den Markt kommt! Aber den meisten wird das sowieso am Arsch ab gehn, Hauptsache Sie haben ihren Spass.

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