Familie Durchatmen und bis zehn zählen: Mit Wut in der Pflege umgehen

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Durchatmen und bis zehn zählen: Mit Wut in der Pflege umgehen Bild: dpa

Berlin - Demenzkranke zu betreuen, ist für viele Angehörige großer Stress. Das macht gereizt - und kann im schlimmsten Fall zu Gewalt gegen den Pflegebedürftigen führen. Damit es soweit nicht kommt, sollten Betreuer die Grenzen ihrer Kraft einschätzen lernen.

Die Mutter macht sich wie ein Kleinkind in die Hose, der Ehemann weiß nicht mehr, wie er sich ein Brot schmiert: Die Pflege demenzkranker Menschen ist für Angehörige oft eine Geduldsprobe. Fehlt die Kraft, kann das in Aggressionen umschlagen. Es fallen harte Worte, der Pflegebedürftige wird unsanft ins Bett befördert - manchmal bricht sich die Wut auch mit Schlägen oder Stößen Bahn. Merken Angehörige, dass sie sich mit der Betreuung überfordert fühlen, müssen sie sich Hilfe suchen.

«Gewalt gegen Pflegebedürftige muss nicht eine Ohrfeige oder ein Schubser sein», sagt Wilfried Schnepp, Professor für familienorientierte und gemeindenahe Pflege an der Universität Witten/Herdecke. «Das fängt schon an, wenn der Betroffene häufig eingeschlossen oder angepflaumt wird.»

Besonders problematisch sei die Pflege oft, wenn die Beziehung schon vor der Erkrankung angespannt war, sagt Claudia Schacke, Professorin für Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. «Gerade Kinder, die eher ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern hatten, übernehmen oft die Pflege, weil sie sich späte Dankbarkeit erwarten.»

Ein erstes Anzeichen der Überforderung sei es, wenn Pflegebedürftige angeschrien werden. In einer Studie aus dem Jahr 2004 hatten 88 Prozent der Befragten angegeben, in den vorangegangenen zwei Wochen gegenüber dem Pflegebedürftigen laut geworden zu sein. «Das kann noch vertretbar sein», sagt Zank. «Mit jedem geht mal der Gaul durch, gerade bei hohem Stress.» Spürt der Pflegende jedoch, dass er gegenüber dem Angehörigen aggressiv wird, sollte er die Situation möglichst auflösen. «Will sich ein Demenzkranker zum Beispiel partout nicht beim Zähneputzen helfen lassen, verlasse ich am besten für ein paar Minuten den Raum», empfiehlt Claudia Schacke. «Wenn ich am liebsten losschreien möchte, zähle ich langsam bis zehn, bevor ich etwas sage.»

Um ruhiger zu werden, sei es empfehlenswert, einige Sekunden tief durchzuatmen, rät Wilfried Schnepp. «Der Pflegende muss sich Kraftquellen suchen, die ihm helfen, die Angespanntheit zu verlieren.» Dies könne der wöchentliche Gottesdienst oder der Stammtisch mit Freunden sein. «Angehörige müssen darauf achten, sich selbst nicht zu vernachlässigen», bekräftigt Zank. Dazu sei es wichtig, die gelegentliche Verzweiflung und Wut zu akzeptieren.

Bemerkt der Pflegende aber, dass er den Demenzkranken wiederholt beschimpft, damit droht, ihn ins Heim zu stecken oder härter anpackt, dürfe er diese Warnzeichen nicht ignorieren. Auch wer den Pflegebedürftigen vernachlässige, ihn beispielsweise nicht mehr regelmäßig wasche oder häufig im Zimmer einschließe, müsse sich eingestehen, mit der Pflege überfordert zu sein.

Unterstützung finden Betroffene bei regionalen Pflegestützpunkten und bei den städtischen Sozialämtern. «Dort kann man sich beraten lassen, welche zusätzlichen Hilfen man über die Pflegeversicherung in Anspruch nehmen kann, um sich etwas zu entlasten», sagt Schacke. Susanne Zank empfiehlt, Kontakt zu anderen Betroffenen zu suchen. «Es ist immanent wichtig, dass man sich mit anderen über Probleme oder Schuldgefühle austauscht.» Möglich sei dies in Selbsthilfegruppen oder angeleiteten Gruppengesprächen, wie sie beispielsweise in Regionalbüros der Alzheimer-Gesellschaft, Gedächtnisambulanzen oder gerontopsychiatrischen Kliniken angeboten würden, so Zank.

Studie zur Belastung pflegender Angehöriger

news.de/dpa

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