Interview Wir reisen schwul, und das ist gut so!

Schwules Reisen
Welches Land geht - und welches nicht?

Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus
Keine Einreise für Schwule: 1600 Reisende eines Kreuzfahrtschiffes durften deshalb Marokko nicht besuchen. Tino Henn, Herausgeber des Spartacus Gay Guide, spricht über schwules Reisen, das richtige Hotel und in welchen Ländern am Strand nicht gekuschelt werden sollte.

1600 Kreuzfahrer durften am Wochenende nicht nach Marokko einreisen. Der Grund: Die Reisegesellschaft auf dem Kreuzfahrtschiff «Nieuw Amsterdam» war schwul - und die Regierung in dem arabischen Land hat Homosexualität unter Strafe gestellt. Leider ist das kein Einzelfall. Es gibt immer noch viele Länder, die für Schwule kein gutes Reiseziel abgeben.

Im Spartacus Gay Guide werden Urlaubsregionen vorgestellt, im dazugehörigen Hotel & Restaurant Guide gibt es Tipps für die richtige Hotelwahl für schwule Paare. Seit 1986 verlegt der Bruno Gmünder Verlag den Reiseführer, im vergangenen Jahr haben Nik Reis, Tino Henn und Michael Taubenheim den Verlag übernommen.

Herr Henn, ein Kreuzfahrtschiff mit homosexuellen Reisenden durfte Marokko nicht anlaufen, melden die Medien. Kommt so etwas eigentlich häufiger vor?

Tino Henn: Leider gibt es solche Meldungen immer wieder. Auch wenn die Reedereien, ob nun aus Deutschland oder den USA, die Routen im Voraus festlegen und mögliche Ausflugsziele bestimmen, kann es vor Ort immer wieder einen Eklat - wie aktuell in Marokko - geben. In der Regel ist aber alles Wichtige mit den angestrebten Zielen geklärt.

Sie beschäftigen sich beruflich mit Reisen für Schwule. Wann wurde Ihnen klar, dass es dort eine «Marktlücke» gibt?

Henn: Seit der Gründung des Bruno Gmünder Verlag war es uns ein persönliches Anliegen, den schwulen Reisemarkt zu erschließen. Damals war schwules Reisen neu, es gab nichts Vergleichbares. Der Spartacus International Gay Guide war die einzige Möglichkeit, am Urlaubsort andere schwule Männer zu treffen. Das ist nun rund 30 Jahre her. Er ist in den drei Jahrzehnten jährlich um ein paar dutzend Seiten und viele Einträge gewachsen. Auf diese Entwicklung sind wir sehr stolz. Ebenso auf ein kleines Stück Pionierarbeit auf dem schwulen Reisemarkt.

Homosexuelle Stars
«Ich bin schwul, und das ist auch gut so»

Gibt es Länder, die man als Schwuler meiden sollte?

Henn: In Jamaika oder Zentralafrika zum Beispiel sind die Einheimischen sehr schwulenfeindlich. Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar dort hinfliegt und auch nur harmlose Zärtlichkeiten austauscht, muss mit öffentlicher Diskriminierung gerechnet werden, gegebenenfalls auch mit Geld- und Gefängnisstrafen. Generell können schwule Männer aber jedes Land bereisen, man sollte sich nur vorab mit den rechtlichen Situationen vertraut machen und sich darauf einstellen.

Gibt es denn auch positive Beispiele?

Henn: Unsere nordischen Nachbarn Dänemark, Norwegen, Schweden und Island sind nur ein paar Urlaubsländer, in denen Schwule und auch Lesben offen ihre Sexualität leben können. Dort wurde in den letzten Jahren die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt und der klassischen Eheform gleichgestellt, mit allen Rechten und Pflichten. Übrigens sind auch Adoptionen für Schwule und Lesben möglich.

Im Süden sind Länder wie Spanien und Portugal gute Bespiele dafür, dass auch in sehr katholischen Gegenden der Fortschritt Einzug hält. Hier ist ebenfalls die Ehe für die Gleichstellung geöffnet worden. Im Vergleich zu den Ländern gibt es hingegen in Deutschland noch kein Gesetz zur Eheöffnung. Aber eins für die eingetragene Lebenspartnerschaft.

Warum braucht es denn überhaupt einen eigenen Reiseführer für Schwule? Haben Sie andere Ansprüche an Hotels, Länder und Freizeitmöglichkeiten?

Henn: Im Großen und Ganzen sind die Ansprüche nicht weniger oder großartig anders als die von heterosexuellen Paaren. Sie wollen gleiche und ebenwertige Behandlung und nicht erst groß erklären müssen, warum sie ein Doppelbett möchten.

Der Urlaub dient der Erholung, daher steht der Spaßfaktor weit oben auf der Urlaubsliste. Es ist für viele schwule Männer wichtig, dass ihr Hotel in der Nähe vom Gay-Kiez der Stadt ist und dass in den Hotels auch schon Informationen dazu ausliegen. Oder dass das Personal weiß, in welchen Clubs was los ist, wo man ungestört am Strand liegen kann oder was sehenswert ist.

Wie wird für den Reiseführer recherchiert?

Henn: Einmal pro Jahr werden alle gelisteten Adressen per E-Mail oder Telefon kontaktiert. Es werden allgemeine Angaben wie Adressen, Öffnungszeiten, Telefon- und Faxnummern aktualisiert und korrigiert. Dazu arbeiten in einigen Ländern feste Scouts und Redakteure. Aber auch Urlauber und Einheimische teilen uns Änderungen und Neueröffnungen mit.

Der Interviewpartner: Seit Sommer 2011 ist der 37-jährige Tino Henn Geschäftsführer beim Bruno Gmünder Verlag. Gebürtig aus Essen, pendelt er beruflich wie privat zwischen Berlin und München, wo sein Ehemann und Mitinhaber Nik Reis (31) noch lebt. Sein Bestreben ist es, das Unternehmen Bruno Gmünder zu erneuern und insbesondere für die digitale Zukunft fit zu machen.

Der Spartacus Gay Guide: Der Reiseführer kostet 25,95 Euro und erscheint jährlich in einer aktualisierten Auflage. Die App für das iPhone kostet 6,99 Euro, eine kostenlose Testversion ist erhältlich. Außerdem gibt es den Reiseführer auch für das iPad.

Welche Länder Homosexuelle besuchen können und welche gefährlich sind, sehen Sie in unserer Bilderstrecke.

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phs/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Die Redaktion
  • Kommentar 3
  • 11.07.2012 10:07
Antwort auf Kommentar 2

Sehr geehrter heinrichIV, es würde uns schon sehr wundern, sollte bild.de die Kommentare auf unserer Seite löschen können. Dessen ungeachtet löscht news.de all jene Leserkommentare, die diskriminuerend sind und gegen die Netiquette dieses Forums verstoßen und zwar ohne Ansehen von Herkunft, Religion und sexueller Ausrichtung. Herzlichst, die news.de-Redaktion

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  • heinrichIV
  • Kommentar 2
  • 10.07.2012 21:05

Ha, ha, ha Bild.de hat meinen Kommentar Nr. 2 stillschweigend gelöscht. Tut mir leid, wusste nicht dass hier nur Schwule Beiträge verfassen dürfen. Dazu gehöre ich nicht, da mir mein Hintern zu kostbar ist.

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  • Chino
  • Kommentar 1
  • 05.07.2012 20:01

Es scheint sich hier um eine Kampagne zu handeln, denn der Tourismus-Minister Marokkos hat ganz klar zum Ausdruck gebracht, dass eben keine Abweisung des Kreuzfahrtschiff ausgesprochen wurde. Sie sollten sich schon richtig informieren und auch eine Klarstellung melden, wenn sich rausstellt, das hier andere Motive verfolgt werden.

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