Von news.de-Redakteurin Fabienne Rzitki
Wer durch den Westen der USA reist, sollte sich einen Sonnenaufgang am Grand Canyon nicht entgehen lassen. News.de-Redakteurin Fabienne Rzitki war in Arizona, dem jüngsten US-Staat, unterwegs und berichtet von der Reise zur gigantischsten Schlucht der Welt.
Es ist einsam auf dem Highway 180. Kein Auto weit und breit, keine Stadt, kein Haus. Tiefschwarz hüllt die Nacht die Straße in ihr dunkles Kleid. Rechts und links säumt Kiefernwald den Weg zum Abgrund der Welt - dem Grand Canyon.
Die Sterne am Himmel strahlen heller als anderswo. Im Radio läuft sanfte Country-Musik. Plötzlich rennt ein Coyote aus dem Forst, schreckt uns aus dem ruhigen, verträumten Dahingleiten über Arizonas Straßen auf. Seine Augen blitzen gespenstisch, als das Scheinwerferlicht unseres roten Pickups sie erreicht.
Leben regt sich auf einmal in der menschenleeren Gegend kurz vor Morgengrauen. Wenige Meilen weiter steht ein gewaltiger Maultierhirsch seelenruhig auf der Straße. Er scheut uns Menschen nicht, verharrt und lässt sich auch vom Motorengehäul unseres Autos nicht irritieren. Mit gedrosseltem Motor und vor den Gefahren der Wildnis gewarnt setzen wir die Fahrt fort.
Ein paar Meilen später sind wir in Tusayan. Der kleine Ort liegt an der Grenze zum Grand Canyon Nationalpark. Hier gibt es ein paar gemütliche Hotels sowie die üblichen Fastfood-Restaurants für hungrige Wanderer. Tusayans Einwohner sind freundlich und gerne bereit, Auskunft und dienliche Hinweise zu Amerikas berühmtestem Naturmonument - dem Grand Canyon - zu geben.
Leichte Morgenröte durchzieht bereits den Himmel. An einer Tankstelle mahnt uns eine charmante Mittvierzigerin mit blondem Haar zur Eile, wollten wir den Sonnenaufgang noch sehen. Die ersten Sonnenstrahlen über dem Grand Canyon zeigen sich Anfang Juli gegen 5.10 Uhr.
Zehn Minuten später sind wir im Grand Canyon Nationalpark, für dessen Eintritt wir 25 Dollar pro Auto zahlen. Nur ein paar Meter vom Parkplatz des Visitor Centers entfernt hinter Kiefergehölz klafft urplötzlich vor uns die berühmteste Schlucht der Welt. Der Blick fällt hinab in die Tiefe. Er schweift in die Ferne, findet keinen Halt. 446 Kilometer lang, 6 bis 30 Kilometer breit und fast 1,8 Kilometer tief ist der riesige Schlund, der selbst noch vom All aus zu erkennen ist.
Gewaltige Felswände ragen wie Mahnmale empor, lassen uns vor Ehrfurcht erstarren und die zehrende Kälte des frühen Morgens vergessen. In der Ferne zeigen sich markante Steinformationen, Tafelberge und Kamine aus Sandstein und Schieferton. Sie wirken wie rätselhafte Wesen aus einer anderen Welt. Sie erzählen die Geschichte der Erde. Fast zwei Milliarden Jahre davon liegen vor uns blank, offenbaren das Innerste des Planeten in einer der vollständigsten Schichtenabfolgen, die je ein menschliches Auge erblickt hat.
Man mag kaum erahnen, welche Naturgewalten an diesem Ort in Millionen von Jahren gewirkt haben. Unvorstellbar scheint die Kraft, mit der sich der Colorado River in das einstige Plateau gebohrt und wie ein gefräßiges Monster Gesteinsschichten und Fossilien freigelegt hat.
Wir gehen zum Mather Point, einem der schönsten Aussichtspunkte, um dem nun folgenden Naturschauspiel beizuwohnen: Von Osten zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen über der Schlucht. Mit all ihrer Wucht presst sich die Sonne hinter dem Horizont hervor. Felswände am südlichen Rim und westlich gelegene Berge erröten, Felsformationen erstrahlen und werfen Schatten in den Abgrund, der noch nicht gänzlich von der Sonne wachgeküsst ist. Immer höher steigt der Feuerball am anderen Ende der Schlucht. Adler kreisen über dem Canyon. Kleine, flinke Hörnchen tummeln sich an den Hängen. Fette schwarze Käfer krabbeln im hellbraunen, sandigen Geröll.
Wir sind beeindruckt von der unsagbaren Dimension des Canyons, seiner malerischen Kulisse und dem bukolischen Schauspiel früh am Morgen. Wir genießen den Augenblick, den wir zusammen mit den zahlreichen Chinesen, Deutschen, Kanadiern und Amerikanern teilen, die ebenfalls zum Mather Point gefunden haben.
Zufrieden und glücklich lassen wir uns Zeit, die ersten Eindrücke am «Mittelpunkt der Erde» zu verinnerlichen. Wer Gleiches vorhat, der wisse, dass es dauert, den gewaltigsten Anblick der Erde zu begreifen. Mehr als eine Stunde sinnieren wir am Rande der Schlucht - so lange, bis auch der letzte für uns sichtbare Winkel im Tal im Sonnenlicht erscheint.