Von Jörg Schreiber - 21.05.2012, 08.00 Uhr

Mit dem Auto zur EM: Holprige Anfahrt zu Polens Stadien

Die Fußball-EM in Polen und der Ukraine steht kurz bevor. Vor allem die Spiele im Nachbarland werden viele deutsche Fans anlocken. Wer mit dem Auto anreist, sollte zeitig losfahren, um beim Anpfiff im Stadion zu sein. Denn Polens Straßen sind ein Abenteuer.

Für die Europameisterschaft sind in Polen rund 1100 Kilometer Autobahn verbaut worden. Doch weitere geplante Abschnitte werden nicht mehr rechtzeitig fertig. Bild: dapd

Es hat mehr was von einer Rallye als von einer Schnellstraße: Die alten Autobahn-Betonplatten schütteln den Wagen kräftig durch, mehrfach drosseln Verkehrsschilder das Tempo auf 70 oder gar 60 Stundenkilometer. Hinter dem Grenzübergang Forst bei Cottbus wird die Fahrt durch Polen zur Tortur. 70 Kilometer weit geht es holprig zu, erst dann wird die polnische A 18 tatsächlich zur Autobahn. Über dieses Teilstück führt die Route von Berlin zu den EM-Spielorten Breslau (Wroclaw) in Polen sowie Lemberg (Lviv) in der Ukraine.

Fußballfans, die mit dem Auto zur Europameisterschaft (EM) anreisen, müssen Zeit und Nerven mitbringen. Polen hat in den vergangenen Jahren zwar ein Milliarden Euro schweres Autobahnprogramm umgesetzt. Bisher sind etwa 1100 Kilometer Autobahn gebaut worden. Doch weitere geplante Abschnitte werden bis zur EM nicht fertig.

FOTOS: Fußball-EM 2012 Mit dieser Elf holen wir den Titel

Gut kommen Touristen auf der West-Ost-Autobahn A 4 durch den Süden Polens voran. Die ist von Görlitz bis hinter Krakow fertig und auch von Berlin und Cottbus aus über die schon erwähnte polnische A 18 zu erreichen. Der Spielort Breslau, wo drei Gruppenspiele anstehen, ist nur 180 Kilometer vom Grenzübergang Forst bei Cottbus entfernt, die Fahrt bis dahin ist sogar mautfrei.

Wenn es einmal wieder länger dauert

Fans, die über die A 4 weiter in die Ukraine zu den Spielen des deutschen Teams nach Lemberg wollen, sollten allerdings die Entfernungen nicht unterschätzen: Von Forst bis zum Autobahnende hinter Krakow sind knapp 450 Kilometer zu bewältigen. Das fährt sich recht gut, wie deutsche Kraftfahrer berichten. Denn die A 4 sei sehr gut ausgebaut. Ein Autofahrer aus Hessen erzählt, dass er von Fulda bis Krakow knapp zehn Stunden gefahren sei.

Hinter Krakow folgen allerdings 225 Kilometer Landstraße bis zur ukrainischen Grenze. Einige Abschnitte sind mehrspurig ausgebaut, sonst herrscht meist zeit- und nervenaufreibender Kolonnenverkehr. Unterwegs können Autofahrer an mehreren Stellen beobachten, dass die A 4 Richtung Grenze zwar gebaut wird, die Firmen aber erst bei den Erdarbeiten sind, eine Übergabe vor der EM also illusorisch ist.

Mautgebühren werden zur EM ausgeweitet

Zudem führt Polen rechtzeitig vor dem Sportereignis auf einem langen Abschnitt der A 4 Mautgebühren ein. Bisher müssen Autofahrer dort nur zwischen Katowice und Krakow 18 Zloty (etwa 4,30 Euro) zahlen. Weiter westlich auf dem gut 160 Kilometer langen Abschnitt zwischen Breslau und Gliwice (Gleiwitz) können die Mautstellen noch umfahren werden. Ab 1. Juni werden aber auch dort Gebühren erhoben, wie die Warschauer Autobahndirektion mitteilt. Die Maut soll für Autos laut polnischen Presseberichten bei 16,20 Zloty (knapp 3,90 Euro) liegen.

Auch die von Frankfurt (Oder) über Poznan (Posen) Richtung Warschau führende West-Ost-Autobahn A 2 lässt sich zügig passieren. Seitdem Anfang Dezember 2011 der fehlende Abschnitt zwischen der deutsch-polnischen Grenze und Nowy Tomysl fertiggestellt wurde, können Kraftfahrer von Berlin bis in die Nähe von Lodz durchfahren. Bis zum westlichsten EM-Spielort Poznan sind es von Berlin aus nur 260 Kilometer. Autofahrer brauchen dafür keine drei Stunden.

Die EM-Eröffnungsstadt Warschau ist allerdings auch weiterhin auf keiner regulären Autobahn zu erreichen. Am knapp 100 Kilometer langen Teilstück der A 2 von Strykow bei Lodz bis an den Rand der polnischen Hauptstadt wird noch immer gebaut, wahrscheinlich bis zum Herbst. Auf vielen Abschnitten ist bereits der Fahrbahnbelag aufgetragen. Abzuwarten bleibt, ob diese zur Fußball-EM befahrbar sein werden. Das wäre wichtig, denn auf den nach Warschau führenden Landstraßen herrscht tagsüber fast immer Stau.

Auch Nord-Süd-Autobahn erst auf Teilstücken fertig

Auch auf der A 2 wird eine Maut erhoben: Die private Autobahngesellschaft kündigt an, dass sie ab 20. Mai um 22 Uhr auf dem neuen Teilstück von Rzepin bis Nowy Tomysl Gebühren erhebt. Dort sollen für Pkw 17 Zloty (knapp 4,10 Euro) anfallen. Schon im April wurde zudem die Maut zwischen Nowy Tomysl und dem mittelpolnischen Konin auf 42 Zloty (etwa zehn Euro) erhöht. Seit vergangenem Jahr werden Mautgebühren auch von Konin bis zum derzeitigen Autobahnende bei Lodz verlangt, sie betragen 19,80 Zloty (knapp 4,75 Euro).

Die Fahrt von der Grenze nach Poznan kostet damit ab 20. Mai umgerechnet knapp 7,50 Euro, nach Lodz fast 19 Euro - wenn man in Zloty bezahlt, denn der von der Autobahngesellschaft zugrunde gelegte Umrechungskurs für Euro-Zahler ist ungünstiger.

Auch von der künftigen Nord-Süd-Autobahn A 1 von Danzig (Gdansk) zur tschechischen Grenze sind bisher nur Teilstücke fertig: Sie ist im Norden zwischen Danzig und Torun sowie im Süden bei Gliwice befahrbar. Der Abschnitt, der die A 1 mit der A 2 bei Lodz verbinden soll, ist dagegen noch im Bau, sodass Autofahrer, die von Berlin über die A 2 kommen und zum Spielort Danzig wollen, zwischendurch über Landstraßen fahren müssen. Oder sie nehmen gleich den direkteren Weg über Stettin (Szczecin) oder Gorzow (Landsberg).

sca/rzf/news.de/dapd

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