Familie Sexualberatung pro familia 60 Jahre alt

Kassel - Um das Kampf-Thema Abtreibung ist es ruhiger geworden. Der Beratungsorganisation pro familia gehen die Themen trotzdem nicht aus. Der Klassiker: Der Mann will mehr Sex und die Frau mehr reden.Auch wenn die Jahre der großen Debatten vorbei sind - pro familia ist immer noch eine wichtige Stimme bei Fragen rund um das Thema Sexualität und Anlaufstelle für fast eine halbe Million Ratsuchende pro Jahr.

Sexualberatung pro familia 60 Jahre alt (Foto)
Sexualberatung pro familia 60 Jahre alt Bild: dpa

Seit 60 Jahren gibt es die Beratungsorganisation «für alle Fragen zu Sexualität und Partnerschaft, Schwangerschaft und Familienplanung». Gefeiert wird am 5. Mai. Pro familia wurde 1952 - zunächst unter einem anderem Namen - in Kassel gegründet.

Heute arbeiten in 16 Landesverbänden rund 1000 Menschen in 180 Beratungsstellen. Zuletzt war pro familia Anlaufstelle für rund 450 000 Ratsuchende pro Jahr - 50 000 mehr als noch vor zehn Jahren. Ungewollte Schwangerschaft oder Kinderlosigkeit, Sexualität bei Älteren oder bei Behinderten, Fragen zur Empfängnisverhütung und Hilfe bei Ehekrisen - diese Themen haben nichts von ihrer Aktualität verloren.

In den 50er und 60er Jahren wurde pro familia vor allem wahrgenommen als Vorkämpfer für Sexualaufklärung und gegen illegale Abtreibung. Für die Frauenbewegung sei pro familia «ungeheuer wichtig» gewesen, hatte das Cornelia-Goethe-Zentrum für Frauenstudien der Frankfurter Universität schon zum 50. Geburtstags bilanziert. Und die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung befand sogar: «Pro familia hat sich wie kein anderer Verband große Meriten in der Sexualpädagogik erworben.»

Die Leiterin der pro-familia-Beratungsstelle in Kassel, Petra Zimmermann, erinnert sich an ein geistig behindertes Paar. «Es kam mit einem gerahmten Ultraschallbild ihres Kindes», erinnert sich die Beraterin, und hatte eine Menge Fragen: Wo gibt's Geld? Welchen Schwangerschaftsvorbereitungskurs? Wo bekommen sie Hilfe, wenn sie es alleine nicht schaffen? Nach der Geburt des gesunden Kindes haben die drei Petra Zimmermann gemeinsam besucht.

Pro familia vertritt noch immer eher liberale Positionen. Der Bundesverband fordert Rezeptfreiheit für die Pille danach oder vom Staat bezahlte Verhütungsmittel für Hartz IV-Empfänger. «Pro familia hat den Anspruch, die Entscheidung den Klienten zu überlassen», betont die Bundesvorsitzende der Beratungsorganisation, Daphne Hahn. Sie befürwortet auch gentechnische Tests bei einer künstlichen Befruchtung. «Es werden wenige Fälle sein, aber zur Präimplantationsdiagnostik wird es eine größere Nachfrage geben», prognostiziert sie. Spätabbrüche von Schwangerschaften seien keine Alternative.

Reibungspunkte gibt es für pro familia mit den Kirchen - vor allem beim Thema Verhütung. Pro familia betreibt auch Zentren für Schwangerschaftsabbrüche und stellt sich damit gegen die christlichen Kirchen. Zum Jubiläum wollte sich weder die katholische noch die evangelische Kirche äußern. Kritik gibt es aber auch von anderer Seite: 2004 hatte der hessische Landesrechnungshof moniert, bei pro familia seien Beratung und Abtreibung nicht klar genug getrennt - einerseits stelle die Organisation Bescheinigungen für eine straffreie Abtreibung aus, andererseits betreibe sie selbst Institute, in denen Abtreibungen vorgenommen würden.

Die Themen in der Beratung haben sich in den vergangenen zehn Jahren verändert: Mehr Beratungsbedarf sieht Hahn beim Thema Sexualität im Alter. «Das ist ein Thema der Zukunft.» Eine traditionell starke Rolle spielt der gemeinnützige Verein bei der Sexualpädagogik, zum Beispiel in Schulen. Auch Paarberatung gehört zum Spektrum, so wie bei einem Paar, das in die Beratungsstelle nach Kassel kam. «Er sagte: 'Wir haben zu wenig Sex', Sie sagte: 'Wir reden zu wenig miteinander'», erzählt die Mitarbeiterin in Kassel.

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news.de/dpa

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